Ärzte Zeitung, 25.11.2016
 

Studie deckt auf

Ohne Not in die Notaufnahme - aus Faulheit

Mit Männerschnupfen in die Notaufnahme? Keine Seltenheit. Nun zeigen Forscher die Motive der Patienten, die sich wegen Bagatellen lieber an eine Klinik als an ihren Hausarzt wenden: Unwissenheit, Angst und Bequemlichkeit.

Von Robert Bublak

Ohne Not in die Notaufnahme - aus Faulheit

Hohs Patientenaufkommen: Darunter sind auch immer mehr Menschen, die in der Nothilfe eigentlich nichts verloren haben.

© Angelika Warmuth / dpa

MÜNCHEN. Das Personal der Notfallambulanzen an deutschen Kliniken sieht sich in steigendem Maß mit Patienten konfrontiert, die in der Nothilfe eigentlich nichts verloren haben. Welche Motive Patienten dazu bewegen, statt zu einem niedergelassenen Arzt in eine Klinikambulanz zu gehen, haben Martina Schmiedhofer und Kollegen von der Abteilung für Notfallmedizin der Charité in Berlin in einer Studie herauszufinden versucht.

Sie befragten 86 Patienten mit wenig akuten Erkrankungen in drei Ambulanzen (zwei in Berlin, eine in Sachsen-Anhalt). 64 Interviews konnten ausgewertet werden. Wenn das Ergebnis auch keine quantitativen Aussagen ermöglichte, so gab es doch qualitative Erkenntnisse zu den Gründen, in die Ambulanz zu gehen.

"Doctor to go"

Drei Wege zur Ambulanz kristallisierten sich heraus. Den ersten beschritten Patienten, die direkt und ohne vorherigen Versuch, einen Termin bei einem niedergelassenen Arzt zu bekommen, eine Klinikambulanz aufsuchten. Dabei waren vier Gruppen unterscheidbar:

Gruppe 1 bediente sich der Ambulanzärzte als eine Art "Doctor to go". Sie empfanden es als bequem, jederzeit und ohne lästige Terminvereinbarung aufkreuzen zu könnenund verarztet zu werden. Sie betrachteten das als den komfortableren Weg, obwohl sie stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen mussten. Meist handelte es sich um jüngere, gesündere und vielbeschäftigte Personen, die keinen Hausarzt hatten und dies auch nicht für nötig hielten.

Gruppe 2 hatte nach kleineren Verletzungen oder Verstauchungen bei sich selbst den Bedarf für eine Röntgenaufnahme diagnostiziert und suchte die Ambulanz auf. Sie argumentierten, der Hausarzt – dem sie im Übrigen stark verbunden seien – verfüge über kein Röntgengerät, eine Überweisung dauere zu lange.

Gruppe 3 bestand aus Patienten, die der Glaube in die Nothilfe geführt hatte, hier sei der medizinische Standard höher als draußen. Diese Patienten waren meist älter, kränker und hatten einen Migrationshintergrund. Zwar wurden sie von niedergelassenen Ärzten betreut. Doch manche waren damit unzufrieden, andere wiederum schätzten das versammelt verfügbare Spezialistentum in der Klinik. Ihnen ging es aber nicht nur um Bequemlichkeit, sie hatten auch Angst um ihre Gesundheit.

Gruppe 4 schließlich führte hauptsächlich die Angst in die Klinikambulanz. Die Patienten fürchteten um ihren Gesundheitszustand. Viele hatten eine Ärzteodyssee hinter sich, ohne dass sich ihre Beschwerden gebessert hatten. Manche Patienten schienen in einem diagnostischen Zirkel gefangen. In der Stadt gehörten zu dieser Gruppe viele Migranten.

Nicht alle sind nur bequem

Den zweiten Weg in die Klinikambulanz gingen Patienten, die mehr oder weniger intensiv versucht hatten, einen Termin in einer Praxis zu bekommen, aber erfolglos geblieben waren. Und auf einem dritten Weg kamen Patienten, die angaben, ein niedergelassener Arzt habe sie hierher verwiesen, entweder weil es Zeitprobleme gegeben habe oder weil ihr Beschwerdebild komplex sei.

Die Motivation von Patienten, eine Klinikambulanz und keine Praxis aufzusuchen, stellt sich mit Blick auf die Studienergebnisse als zweigeteilt dar. Zum einen gibt es das Motiv der Bequemlichkeit – ein häufig geäußerter Vorwurf gegen diese Ambulanzpatienten mit Bagatellerkrankungen, der auch schon zu Forderungen geführt hat, von solchen Patienten eine Gebühr zu erheben.

Zum anderen aber ist die Angst um die Gesundheit ein Motiv, das die Patienten zusammen mit beschränkt verfügbarer Zeit und dem Bedürfnis nach multidisziplinärer medizinischer Versorgung in die Kliniken führt.

"Wir schlussfolgern", schreiben Schmiedhofer und Kollegen, "dass die Notfallambulanzen eine Schlüsselfunktion in der ambulanten Versorgung innehaben." Dies gelte es anzuerkennen, um die Ressourcen angemessen zu verteilen.

[27.11.2016, 14:37:27]
Uwe Wolfgang Popert 
Interessensgeleitete "Studie"
Die Auswertung der 64 von 86 befragten Patienten (so wie dargestellt) ergibt folgende Schlussfolgerungen:
1) Für haltbare Aussagen ist die Studie zu klein und offensichtlich zu schlecht aufgebaut
2) Die Aussage: "Notfallambulanzen haben eine Schlüsselfunktion" entstammt einer Eingebung der Autoren, denn die Methodik lässt diese Folgerung gar zu
3) Offensichtlich ist der Auftraggeber der "Studie" die Klinik oder ein verbundener Interessensverband

Beurteilung: eine Veralberung jeglicher wissenschaftlicher Arbeitsweise zum Beitrag »
[25.11.2016, 13:49:13]
Wolfgang Bensch 
Schlüsselfunktion in der ambulanten Versorgung
"Schlüsselwalter" dafür sind nach Sozialgesetzbuch V und Paragraph 75 die Körperschaften:

Sozialgesetzbuch Fünftes Buch Gesetzliche Krankenversicherung

§ 75 Inhalt und Umfang der Sicherstellung

(1) Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung haben die vertragsärztliche Versorgung in dem in § 73 Abs. 2 bezeichneten Umfang sicherzustellen und den Krankenkassen und ihren Verbänden gegenüber die Gewähr dafür zu übernehmen, daß die vertrags(zahn)ärztliche Versorgung den gesetzlichen und vertraglichen Erfordernissen entspricht.
Die Sicherstellung umfaßt auch die vertragsärztliche Versorgung zu den sprechstundenfreien Zeiten (Notfalldienst), nicht jedoch die notärztliche Versorgung im Rahmen des Rettungsdienstes, soweit Landesrecht nichts anderes bestimmt.
Kommt die Kassenärztliche Vereinigung ihrem Sicherstellungsauftrag aus Gründen, die sie zu vertreten hat, nicht nach, können die Krankenkassen die in den Gesamtverträgen nach § 85 oder § 85a vereinbarten Vergütungen teilweise zurückbehalten. Die Einzelheiten regeln die Partner der Bundesmantelverträge.

Bekanntlich haben viele KV-en ihre Notfalldienstregelungen in den vergangenen Jahren überarbeitet und so finden sich bespielsweise in Thüringen folgende Vereinbarungen:

§ 12 Kosten (Notfalldienstordnung Thüringen)

(1) Alle im organisierten vertragsärztlichen Notdienst anfallenden Kosten werden von allen zur Teilnahme verpflichteten und berechtigten Ärzten und Einrichtungen ihrer Zahl entsprechend anteilig getragen. Die Kostenberechnung erfolgt für die jeweiligen Notdienstbereiche. Sie werden unabhängig von der Teilnahme des einzelnen Arztes nach der Anzahl der im jeweiligen Notdienstbereich zur Teilnahme verpflichteten und berechtigten Ärzte anteilig berechnet und von diesen im Umlageverfahren durch die KVT erhoben. Sie werden mit dem vertragsärztlichen Honoraranspruch gegenüber der KVT verrechnet. Sie sind gegenüber den zur Kostentragung verpflichteten Ärzten auf den Auszügen aus dem Honorarkonto nachzuweisen bzw. darzustellen.

Haben die Krankenhausträger inzwischen auch derartige Veränderungen im Sinn, dass sich die diensttuenden Ärzte in der Notfallambulanz an den Kosten beteiligen?
Vielleicht kann die zweite KBV-Vorsitzende, Frau Feldmann, dazu von der Ärzte-Zeitung befragt werden. Sie war mal KV-Vorsitzende in Thüringen. zum Beitrag »
[25.11.2016, 11:58:08]
Thomas Fuchs 
Warum nicht zum Niedergelassenen?
Unterhält man sich mit Menschen, die im Rettungsdienst arbeiten, dann ist das ein alter Hut. Seit Jahren wird auch der Notarzt und werden die Rettungswagen zum "Hausbesuch" bestellt. 70% der Einsätze seien banal, berichten diese Menschen.

Arbeitet man kinderärztich in einer Notfallambulanz bekommt man auch sehr kuriose Angaben zur Motivation der Vorstellung:
- man war grad in der Gegend
- eine Bekannte habe von der Erkrankung des eigenen Kindes berichtet und man habe nun Angst ums eigene Kind (ohne Kontakt)
- Z.n. Hundebiss... vor 1 Jahr, das Kind habe es jetzt erst gesagt.
- bevor man in den Urlaub fährt (Samstag morgens um 4 Uhr) nochmal checken lassen, ob das Kind gesund ist (Urlaubsziel ist nicht die Wüste Gobi, sondern Österreich, Italien oder der bayrische Wald).
- der Mann sei erst jetzt (nach 22 Uhr) nach Hause gekommen, das Kind schon seit 3 Tagen krank (Vorstellung am Freitag Abend).
- die Vorstellung wegen banalster Erkrankungen auch bei Schulkindern brauche ich nicht zu erwähnen.
- ...
Es gibt keine Chance auf Vollständigkeit einer solchen Liste, ich versuche es auch nicht, nur eine bescheidene Auswahl.

Dabei finde ich die Ängstlichen immer noch viel angenehmer als die unverschämt Fordernden, weil es nicht schnell genug geht mit ihrem "Notfall". Und die richtigen Notfälle gehen dann im Meer der Banalitäten und Egoisten unter, weil das am Ende noch zurückhaltende MEnschen sind.

Keine Ahnung, wie das weitergehen soll...

Mit freundlichem Gruß, Th. Fuchs zum Beitrag »
[25.11.2016, 08:36:51]
Thomas Georg Schätzler 
"Das geht hier überhaupt nicht voran!"
Mein Beispiel dazu: Am Wochenende ruft bei mir ein bisher völlig unbekannter Mann an und sagt, er habe meine private Telefonnummer von einer meiner Bekannten bekommen, weil er ein dringendes Problem habe. Nach einer relativ umständlichen Schilderung bekomme ich schließlich die Auskunft, dass es sich wohl um eine akute Urethritis, die er früher schon einmal gehabt habe, handele.

Da der Patient etwas herumdruckst, frage ich ihn, wo er sich denn gerade befände? Antwort: "In der urologischen Ambulanz eines großen Krankenhauses!". Dorthin hatte ihn die Disponentin des Zentralen 'kassenärztlichen' Notdienstes (ZND) empfohlen.

Aber: "Das geht hier überhaupt nicht voran!", war seine Klage. Ob ich ihm denn nicht einfach irgendein Antibiotikum verschreiben könne, das letzte habe schließlich sehr gut und schnell geholfen...?

Zusammenfassung: Ein Patient sitzt bereits in der urologischen Ambulanz eines Krankenhauses. Es geht ihm nicht schnell genug. Er ruft am Wochenende einen Hausarzt an, dessen Telefonnummer er von Bekannten erhält, diesen aber nicht berichtet, dass er sich bereits in fachärztlicher Obhut befindet.

Das Gerücht bleibt hängen, dass ich als Hausarzt am Wochenende 'meine' Patienten nicht versorgen will, wenn es ihnen in einer Krankenhausambulanz zu langweilig wird???

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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