Pharmaforschung

Kreativität leidet unterm Management

Die ertragsorientierte Steuerung der Pharmaforschung und -entwicklung ist lange nicht so erfolgreich wie erhofft. So jedenfalls sieht das die Unternehmensberatung A.T. Kearney und empfiehlt den Firmen, die Wertschöpfungskette radikal aufzuspalten.

Christoph WinnatVon Christoph Winnat Veröffentlicht:
Forscher im Hamsterrad: Wo bleibt die Kreativität?

Forscher im Hamsterrad: Wo bleibt die Kreativität?

© Getty Images / iStockphoto

DÜSSELDORF. Die forschenden Pharmafirmen stecken immer mehr Geld in die Entwicklung neuer Wirkstoffe, doch gleichzeitig sinkt die Pipelineproduktivität. Woran liegt das?

Nach Ansicht der Unternehmensberatung A.T. Kearney daran, dass die Forscher viel zu früh am ökonomischen Potenzial ihrer Kandidaten gemessen werden und damit Kreativität systematisch ausgebremst wird.

In einer aktuellen Studie empfehlen die Berater stattdessen, die frühen Stufen der Pharmaforschung - von der Wirkstoffsuche bis zum Proof-of-Concept - konsequent auszulagern und gezielt mit existierenden Biotechunternehmen zu selbstständigen Einheiten zu verschmelzen.

Viele Big Player im weltweiten Pharmamarkt sollten sich auf die spätere klinische Entwicklung und die Vermarktung ihrer Produkte entsprechend den besonderen Anforderungen in den nationalen Gesundheitssystemen konzentrieren.

Das gelte sicher nicht ausnahmslos für alle, erläutert Dr. Oliver Scheel, Leiter des Ressorts Pharma und Healthcare bei A.T. Kearney in Düsseldorf.

Es gebe schließlich nach wie vor Hersteller, die erfolgreich Blockbuster hervorbrächten. Doch nehme die Anzahl derer zu, denen das immer schwerer falle oder gar nicht mehr gelinge.

Moleküle konsequenter einkaufen

Der Studie zufolge haben sich die jährlichen F&E-Ausgaben der Pharmaindustrie in der zurückliegenden Dekade auf inzwischen mehr als 130 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt.

In der gleichen Zeit jedoch nahm die Anzahl der neu zugelassenen Wirkstoffe ab: Waren es zwischen 1999 und 2001 pro anno durchschnittlich 29 neue Moleküle, denen die US-Behörde FDA grünes Licht gab, sank die Zahl zwischen 2009 und 2011 auf nur noch 26.

Häufige Management- und Strategiewechsel sowie kurzfristige Kostensenkung hätten keinen nachhaltigen Einfluss auf die F&E-Produktivität gehabt, im Gegenteil. Die meisten Projektabbrüche seien auf Managemententscheidungen zurückzuführen.

Mehr als die Hälfte aller Entscheidungen, ein Entwicklungsprojekt einzustellen, heißt es in der Studie, seien "nicht wissenschaftlich oder medizinisch begründet gewesen, sondern finanziell oder strategisch".

Fusionen mit Start-ups

Forscher "auf Blockbuster zu programmieren, funktioniert eben nicht", meint Scheel. Erfolgreiche "Drug Hunter" bräuchten Rahmenbedingungen, die Kreativität begünstigten. Dazu sollten die Pharmaunternehmen auf die frühe Forschung, die sie derzeit fast alle auch noch selbst unterhalten, verzichten.

Deren Resultate könne man genauso gut von eigenständigen Molekül-Entwicklern einkaufen, die weniger von Konzernvorgaben limitiert wären.

Würde man die eigenen Forschungsabteilungen mit anderen Start-ups fusionieren, entstünden Firmen, die groß genug wären, um nicht mehr auf Venture Capital angewiesen zu sein, ist Berater Scheel überzeugt.

Anders als viele heutige Start-ups könnten sich diese Forschungsunternehmen aus eigenem Cash-Flow finanzieren.

Link zur Studie "Unleashing Pharma from the R&D Value Chain": http://bit.ly/12jCb5j

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