Ärzte Zeitung, 23.10.2011

Ärzte wollen nicht mehr allein sein

Die gute alte Einzelpraxis - ausgedient hat sie noch nicht, aber ihr Stellenwert scheint zu sinken. Erstmals überwiegen Kooperationen bei Praxisneugründungen und Übernahmen, Tendenz steigend. Das hat auch, aber nicht nur, mit dem Preis zu tun.

Kooperation statt Einzelpraxis - Ärzte bleiben nicht gern allein

Zusammen ist man seltener allein: Das macht sich auch bei Praxisneugründungen und Übernahmen bemerkbar.

© Klaro

DÜSSELDORF (ger). Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Mit 55,3 Prozent hat erstmals die Mehrheit der Ärzte, die im Zeitraum 2009 und 2010 eine Existenz als Arzt gegründet hat, eine Kooperation als Niederlassungsform gewählt - jedenfalls in den alten Bundesländern.

Das hat die Existenzgründungsanalyse gezeigt, die jährlich gemeinsam von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) und vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung der Bundesrepublik Deutschland (ZI) vorgelegt wird.

Nur noch 37 Prozent der Existenzgründungen waren im Zeitraum 2009/10 in Westdeutschland Einzelpraxisübernahmen, 8 Prozent waren Einzelpraxisneugründungen.

BAG ist der Favorit

Im Zeitraum 2008/09 hatten noch 45 Prozent der Existenzgründer eine Einzelpraxis übernommen und 7 Prozent eine solche gegründet.

Unter den Kooperationsformen ist die Berufsausübungsgemeinschaft (BAG, früher Gemeinschaftspraxis) die beliebteste.

18 Prozent der Existenzgründungen in den alten Bundesländern sind der Eintieg in eine BAG, jeweils 8 Prozent betreffen den Beitritt in eine BAG, also die Erweiterung der Praxis durch zusätzliche Inhaber, sowie die Überführung einer Einzelpraxis in eine BAG.

In Kooperationen können Synergieeffekte genutzt werden

"Ein Grund für die Entwicklung ist sicherlich, dass in Kooperationen viele Synergieeffekte genutzt werden können und dass sich hier auch flexible Arbeitszeitmodelle zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie leichter realisieren lassen", kommentiert Georg Heßbrügge, Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und -politik bei der apoBank, das Ergebnis in einer Mitteilung der Bank.

Ein weiterer Grund könnte der Preis sein: In den alten Bundesländern war die Überführung einer Einzelpraxis in eine BAG für Hausärzte mit 116.000 Euro die günstigste Form der Existenzgründung.

Darin spiegelten sich die Synergien einer Kooperation wider, heißt es dazu in der Mitteilung. Eine andere mögliche Erklärung könnte sein, dass gerade kleine Praxen in Kooperationen überführt werden, weil sie als Einzelpraxis kaum überlebensfähig wären.

Einzelpraxisübernahme im Westen 48 Prozent teurer als im Osten

Der Beitritt in eine BAG kostete Hausärzte 137.000 Euro, die Übernahme einer BAG durch mehrere Ärzte schlug mit 122.000 Euro zu Buche.

Einzelpraxisneugründungen lagen bei den Investitionssummen in den alten Bundesländern im Preis inklusive Betriebsmittelkredit im Durchschnitt bei 117.000 Euro, in den neuen Bundesländern bei 98.000 Euro - ein Preisunterschied von 19 Prozent.

Die Übernahme einer Einzelpraxis kostete Hausärzte dagegen 167.000 Euro, sie war damit fast 48 Prozent teurer als die Einzelpraxisübernahme in den neuen Bundesländern (113.000 Euro).

Die Einzelpraxis sticht in den neuen Bundesländern mit 71 Prozent der Existenzgründungen die Kooperationen weiterhin deutlich aus.

"Die Ursache hierfür ist unter anderem, dass man in den neuen Bundesländern vor allem ländliche und kleinstädtische Gebiete vorfindet. Hier entspricht die Einzelpraxis am besten der Nachfragesituation vor Ort", erläutert Georg Heßbrügge.

Doch auch hier ist der Anteil der Kooperationen den Angaben zufolge im Vergleich zum Zeitraum 2008/09 um vier Prozentpunkte gestiegen.

Landärzte sind nur schwer zu gewinnen

Die Studie gibt auch interessante Einblicke in die Altersstruktur, die Geschlechterverteilung und die Niederlassungsorte bei Existenzgründungen von Ärzten.

So wurden nach Angaben der apoBank die meisten Existenzgründungen in großstädtischen Gebieten mit einer Einwohnerzahl von 100.000 und mehr realisiert.

In den alten Bundesländern entschieden sich 50,5 Prozent und in den neuen Bundesländern 38,8 Prozent der Existenzgründer für die Großstadt.

Existenzgründungen auf dem Land waren dagegen sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern verhältnismäßig selten (2,2 versus 2,9 Prozent) - was die Bedeutung einer Förderung von Niederlassungen auf dem Land, wie sie im GKV-Versorgungsstrukturgesetz geplant ist, unterstreicht.

Bei der Altersstruktur zeigt sich, dass die Ärzte in den neuen Bundesländern tendenziell bei der Niederlassung etwas jünger sind: 53 Prozent der Existenzgründer in den neuen Bundesländern waren höchstens 40 Jahre alt.

In den alten Bundesländern waren es 49 Prozent. Das Durchschnittsalter der Existenzgründer lag den Angaben zufolge insgesamt bei 41 Jahren.

Der Anteil der Frauen an den Existenzgründern steigt weiter

Der Anteil männlicher und weiblicher Existenzgründer stellte sich laut apoBank in den alten und neuen Bundesländern spiegelbildlich dar: In den alten Bundesländern waren 58,1 Prozent der Existenzgründer männlich, 41,9 Prozent weiblich.

In den neuen Bundesländern war dies umgekehrt. Hier lag der Frauenanteil bei 58,3 Prozent. 41,7 Prozent der Existenzgründer waren männlich. Insgesamt sei zu beobachten, dass der Frauenanteil unter den Existenzgründern weiter steigt.

Die Datenbasis der Existenzgründungsanalyse 2009/10 bilden die von der apoBank durchgeführten und auswertbaren Finanzierungen ärztlicher Existenzgründungen.

Sie wurden anonymisiert und dann gemeinsam von apoBank und ZI statistisch ausgewertet. Die apoBank hat traditionell einen hohen Marktanteil bei Existenzgründungen von Ärzten in Deutschland.

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