Ärzte Zeitung, 21.03.2019

Versorgungsforschung

Apothekeranalyse bringt‘s vor allem bei Multimedikation

In Pflegeheimen können speziell geschulte Apotheker helfen, Wechselwirkungen bei der Multimedikation zu vermeiden. Das bestätigt jedenfalls ein Pilotprojekt in Niedersachsen.

Von Raimund Schmid

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Multimedikation kann eine Herausforderung sein.

© Robert Kneschke / Fotolia

HANNOVER. Die Analyse der Multimedikation von Heimbewohnern durch eine geschulte Apothekerin trägt dazu bei, dass weniger Medikamente verordnet werden und die Anzahl der Doppelverordnungen und potenziell unerwünschten Interaktionen reduziert werden kann. Das sind die zentralen Erkenntnisse aus einer Vor-Pilotstudie für die vom Innovationsfonds bis Ende April 2020 geförderten HIOPP-3-Studie (Näheres unter www.mh-hannover.de/36841.html). Daran beteiligt sind das Institut für Allgemeinmedizin an der MH Hannover, drei Hausärzte in einem Hannoverschen Pflegeheim, eine Apothekerin, die Pflegedienstleitung sowie 12 Heimbewohner (Durchschnittsalter 85 Jahre).

Die Pilotstudie läuft unter dem Titel „Sicheres Medikamentenmanagement im Pflegeheim – Tandemvisite im Praxistest“.

Im Fokus der Vorstudie stand eine speziell geschulte Apothekerin die die von den 12 Heimbewohnern eingenommenen 152 Medikamente analysiert und für die Ärzte Empfehlungen zur Modifikation der Medikation abgeleitet hat. Hierfür wurden zu Beginn und am Ende des Pilotprojekts leitfadengestützte qualitative Interviews durchgeführt.

54 Präparate mit Klärungsbedarf

Pro Heimbewohner wurden für eine komplette Medikationsanalyse im Schnitt 115 Minuten (Varianz 60 bis 210 Minuten) benötigt.

Verglichen wurden dabei die Ergebnisse der Auftakterhebung mit der Folgeerhebung, die drei bis vier Monate nach Übermittlung der Änderungsempfehlungen stattgefunden hat. Die zentralen Erkenntnisse aus der Erstanamnese:

  • Bei 54 der 152 Präparate bestand Klärungsbedarf. Das waren immerhin 4,5 Präparate pro Heimbewohner. Bei 20 Medikamenten war die Indikation unklar, bei der Prüfung von 36 Arzneien kamen Fragen zur Dosierung auf.
  • Fünf Bewohner nahmen potenziell inadäquate Medikamente (PIM) ein, einer sogar 3 PIM. Weitere fünf Probanden wiesen Doppelverordnungen auf, zwei von ihnen sogar je zweifach.
  • Im Schnitt wurden bei den Heimbewohnern 4,9 potenziell mittelschwere bis schwere Interaktionen festgestellt. Insgesamt waren 77 Interaktionen „potenziell relevant.“

Und wie sahen die Ergebnisse der Medikationsanalyse vier Monate später aus – mit den darin enthaltenen Medikationsänderungen für die dann noch lebenden neun Heimbewohner? Auch diese nachfolgend aufgelistet:

  • 22 Medikamente konnten problemlos abgesetzt werden, sieben kamen neu hinzu. Bei je drei weiteren ist die Dosis erniedrigt beziehungsweise die Einnahmehäufigkeit geändert worden.
  • Die Anzahl der Gesamt-Medikamente konnte von 13,6 auf 11,8 Präparate pro Heimbewohner gesenkt werden. Besonders stark war dabei der Rückgang der Bedarfsarzneimittel (von 4,0 auf 2,7).
  • Im Schnitt sind pro Heimbewohnern noch 4,3 potenzielle Interaktionen aufgetreten.

Die Hausärzte beurteilten die Pilotstudie positiv, aber nicht „allzu euphorisch.“ Sie würdigten vor allem ihren Wissenszuwachs zu Medikamenteninteraktionen und die Anregungen, ihre Versorgungsroutine zu überdenken.

Virtuellen Visiten als Zukunft?

Die Ärzte beklagten jedoch die Fülle der zu besprechenden Informationen, die häufig mit ihrem Zeitbudget nicht vereinbar gewesen wäre. Zudem lehnten sie die Verantwortung für inadäquate Verschreibungen von Fachärzten ab, da sie nicht zuständig seien.

Die Apothekerin zog ein rundum positives Fazit, weil sie Medikationsfehler beheben und das hausärztliche Handeln besser kennenlernen konnte. Die Erreichbarkeit der Hausärzte erlebte sie indes als „mühsam.“ Eine generelle Konsequenz aus der kleinen Studie könnte sein, künftig beim gemeinsamen Medikationsmanagement neue Wege der Kommunikation (etwa virtuelle Visiten) anzustreben.

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