Ärzte Zeitung online, 09.10.2019

Ärzte und Kassenpatienten

Hausarztprämie fände breite Zustimmung

Eine Umfrage zeigt auf: Niedergelassene Ärzte spüren die Veränderungen in ihrem Arbeitsumfeld deutlich. Eine andere Rechnung: Die Kassenbeiträge könnten abheben.

Von Anno Fricke

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Hausärzte führen die Rolle als Lotsen gut aus, finden Ärzte und Patienten.

© Gina Sanders / stock.adobe.com

BERLIN. Der Hausarzt als Lotse durch das Versorgungssystem hat Unterstützung sowohl bei Ärzten als auch in der Bevölkerung. Das geht aus dem aktuellen MLP-Gesundheitsreport hervor, der am Mittwoch veröffentlicht worden ist.

Demnach stehen 63 Prozent der Ärzte einer Hausarztprämie der gesetzlichen Krankenversicherer aufgeschlossen gegenüber. Unter den Versicherten befürworten immerhin 44 Prozent eine solche Prämie.

Die repräsentative Bevölkerungs- und Ärztebefragung hat das Institut für Demoskopie Allensbach für den Finanzdienstleister MLP erstellt.

Ärzte beurteilen Gesundheitspolitik negativ

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) betreibt aktuell eine Kampagne für ein Primärarztmodell nach dem Vorbild der hausarztzentrierten Versorgung (HzV) in Baden-Württemberg. Dass in absehbarer Zeit eine umfassende Gesundheitsreform anstehen könnte, bezweifeln allerdings 75 Prozent der für den MLP-Report befragten Ärzte.

Das aktuelle Reformgewitter über der Gesundheitslandschaft hat bei den Ärzten keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Ärzte beurteilen die Gesundheitspolitik seit Jahren überwiegend negativ. Das kontrastiert mit dem Urteil über die Versorgung an sich. Die sehen 89 Prozent der Ärzte noch als gut oder sogar sehr gut an (Bevölkerung 77 Prozent).

Für die Jahre bis 2030 rechnen 59 Prozent der Ärzte eher mit einer Verschlechterung der Gesundheitsversorgung. In der Bevölkerung zeigen sich nur 30 Prozent pessimistisch (siehe nachfolgende Grafik). Allerdings rechnen 72 Prozent mit steigenden Kassenbeiträgen. Bei der Umfrage im Jahr 2016 waren dies noch 81 Prozent gewesen.

Steigender Beitragssatz prognostiziert

Die Skeptiker könnten gleichwohl recht behalten. Nach am Mittwoch von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Berechnungen müsste der Beitragssatz für die gesetzliche Krankenversicherung bis zum Jahr 2040 von 14,6 auf 16,9 Prozent angehoben werden, um erwartete Ausgabensteigerungen abzudecken.

Zudem müssten die Steuerzuschüsse zur gesetzlichen Krankenversicherung bis zu diesem Zeitpunkt auf 70 Milliarden Euro im Jahr steigen. Ansonsten drohe den Kassen ein Defizit von 50 Milliarden Euro. Grund für die Entwicklung sei in erster Linie der steigende Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verwies auf den Prognosecharakter der Zahlen. „Jede Studie ist nur so gut wie die Annahmen, die sie voraussetzt“, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch. Vor 20 Jahren zum Beispiel habe niemand vorhersehen können, dass die Krankenversicherung 2019 gut dastehen werde.

Nicht auf alle Kostenfaktoren könne die Politik Einfluss nehmen. Kosten könnten aber durch den Abbau von Überkapazitäten im stationären Sektor gespart werden, sagte Dr. Stefan Etgeton von der Bertelsmann-Stiftung.

Weniger Zeit für Behandlung erwartet

Der MLP-Report thematisiert auch die ausgedünnte Versorgung abseits der Ballungszentren und die abnehmende Arztarbeitszeit. 90 Prozent der Ärzte sieht Versorgungsschwierigkeiten auf dem Land auf die Gesellschaft zukommen. Gleichzeitig werde die Zeit für die Behandlung weiter abnehmen, meinen 85 Prozent der Ärzte (siehe nachfolgende Grafik).

Seit der Umfrage 2016 ist die Zahl der niedergelassenen Ärzte, die einen spürbaren Ärztemangel in der eigenen Region feststellen von 60 auf 71 Prozent gestiegen, vor allem in den neuen Bundesländern. Zunehmend Probleme bereitet es in der Folge, Nachfolger für die Praxis zu finden.

75 Prozent der befragten Mediziner gehen davon aus, dass sie in Zukunft nicht mehr alle medizinisch notwendigen Leistungen verordnen könnten. Die Budgetierung wirkt sich allerdings schon heute aus.

45 Prozent der Ärzte berichten, dass sie Patienten Leistungen aus Kostengründen vorenthalten hätten. 64 Prozent haben Behandlungen deshalb schon einmal aufgeschoben.

Bereits 66 Prozent der befragten Hausärzte (Fachärzte 61 Prozent) fürchten daher um ihre Therapiefreiheit.

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 09.10.2019 um 15:57 Uhr.

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Kommentar: Zu kurz gesprungen
Studie: Krankenkassen mit strukturellem Milliarden-Defizit?

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