Ärzte Zeitung online, 11.09.2017
 

PKV

Digitalisierung weckt private Krankenversicherer aus dem Dornröschenschlaf

Apps sind heutzutage eine Selbstverständlichkeit – zumindest abseits der privaten Krankenversicherer. Diese sind sich ihres Defizites nun bewusst geworden und versuchen, schnellstmöglich den digitalen Anschluss an ihre Kunden zu bekommen.

Von Ilse Schlingensiepen

Digitalisierung weckt private Krankenversicherer aus dem Dornröschenschlaf

Digitale Kommunikation hat sich auch die PKV verordnet.

© ra2 studio / stock.adobe.com

Bei den privaten Krankenversicherern (PKV) tut sich zurzeit so viel wie schon lange nicht mehr, die Branche scheint aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Natürlich ist auch in den vergangenen Jahren einiges passiert in der PKV. Aber dabei ging es vor allem um politische Abwehrkämpfe – Stichwort Bürgerversicherung – , den Streit mit Verbraucherschützern über steigende Beiträge und mangelhafte Wechselmöglichkeiten der Versicherten oder um die Umsetzung politischer und regulatorischer Vorgaben wie die geschlechtsneutralen Unisextarife oder die Schaffung des brancheneinheitlichen Basistarifs.

Neuheiten, die aufhorchen lassen, gab es in der PKV dagegen selten. Das ändert sich gerade. Wie in vielen anderen Branchen ist die Digitalisierung ein wesentlicher Treiber der Veränderungen.

Das eindrücklichste Beispiel ist der neue private Krankenversicherer Ottonova, der am 21. Juni in München das Geschäft aufgenommen hat. Mit ihm ist erstmals seit Jahren wieder ein neuer PKV-Anbieter auf den Markt gekommen. Das von dem Arzt Roman Rittweger gegründete Unternehmen setzt auf die digitale Abwicklung der meisten Prozesse. Auch bei den Kontakten mit den Versicherten stehen Online-Medien ganz oben auf der Agenda, das persönliche Gespräch ist aber nicht ausgeschlossen.

Erster Versicherer reagiert auf Trend der Zeit

Ottonova versteht sich nicht nur als Krankenversicherer, sondern will der erste Ansprechpartner der Kunden in allen Fragen rund um die Gesundheit werden. Damit liegt der Versicherer im Trend der Zeit. Aber als Anbieter, der von Anfang an alle digitalen Kanäle bespielen kann und gleichzeitig Ansprechpartner für Gesundheitsfragen bereithält, ist er der Konkurrenz gegenüber auf diesem Feld im Vorteil.

Nach dem Abschluss bei Ottonova erhält der Kunde eine App, die ihm verschiedene Funktionen bietet. Dazu gehören eine Online-Terminvereinbarung ebenso wie die Übersicht über Arztbesuche und verordnete Medikamente. Über die App kann der Versicherte Informationen zu gesunder Ernährung und Bewegung erhalten, er kann Wearables anbinden und eine elektronische Patientenakte führen, in die er auch eigene Daten laden kann.

Das Konzept von Ottonova hat einen Konkurrenten überzeugt, der wie kaum ein anderer für die traditionelle PKV steht: die Debeka. Der Marktführer hat sich mit zehn Prozent an dem Start-up beteiligt. Er sieht in Ottonova offenbar ein Modell für die Zukunft und sendet damit ein klares Signal an die Branche.

Die Debeka hat noch weitere Eisen im Feuer. Sie hat im Juli gemeinsam mit der Süddeutschen Krankenversicherung den Gesundheitsdienstleister Carelutions gegründet, der Versorgungsprogramme für erkrankte Versicherte, Präventionsangebote und weitere Unterstützungsleistungen für Gesunde anbieten wird. Dabei spielen digitale Lösungen eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit der Versicherungskammer Bayern hat sich die Debeka zudem an der digitalen Plattform für Privatversicherte "Meine Gesundheit" beteiligt, die von der Axa und der CompuGroup gegründet worden ist. Die Plattform dient der Vernetzung von Privatpatienten, Versicherern, Ärzten und anderen Leistungserbringern. Die elektronische Rechnungsabwicklung spielt dabei eine wichtige Rolle. "Meine Gesundheit" steht künftig 3,5 Millionen Vollversicherten zur Verfügung. Es könnten bald mehr werden, denn die beteiligten PKV-Unternehmen hoffen auf weitere Mitstreiter.

Traditionsbruch: Anbieter setzen auf Kooperation

Die Kooperation zwischen PKV-Anbietern ist ein neuer Trend in der PKV. Im November 2016 hat LM+ die Arbeit aufgenommen, die gemeinsame Leistungsmanagementgesellschaft von Barmenia, Gothaer, Hallesche und Signal Iduna. Ziel des Joint Ventures ist es, die Versorgung der Versicherten zu verbessern und sie gezielt zu bestimmten Behandlern zu steuern. Wie Carelutions setzt LM+ auf den Aufbau von Netzwerken von Behandlern.

Auch bei anderen PKV-Unternehmen tut sich einiges, was die Digitalisierung und die Umwandlung zum Gesundheitspartner der Versicherten betrifft. Die Entwicklung steht erst am Anfang.

Die niedergelassenen Ärzte sollten die Veränderungen genau beobachten. Denn langfristig werden sie sowohl das Verhältnis zur PKV als auch das zu den Privatpatienten beeinflussen. Die Versicherer werden künftig eine aktivere Rolle bei der Gesundheitsversorgung ihrer Kunden spielen wollen, als sie es bisher getan haben. Dabei helfen den Unternehmen sowohl sinnvolle digitale Lösungen als auch die Kooperationen, die ihnen eine größere Marktmacht geben. Wenn Ärzte meinen, dass die neuen digitalen Angebote der Krankenversicherer nur eine Spielerei sind, die man nicht ernst nehmen muss, haben sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

[11.09.2017, 06:47:36]
Dr. Jürgen Schmidt 
Da zieht doch eine Herde troianischer Pferde in die Regularien des Gesundheitswesens ein
Dass der Einzug der digitalen Welt mit einer ausufernden Vernetzung von Patienten mit Ärzten und anderen Gesundheitsdienstleistern viele Befürworter hat, die nicht unbedingt das Patientenwohl im Auge haben, sondern ganz anderen Honig aus der Kenntnis der Versorgungsabläufe saugen möchten, bedarf keiner besonderen Erwähnung und Vorstellungsgabe.
Die Doppelbedeutung der zweideutigen Absicht bekommt in dem nachfolgenden Satz eine eindeutige Bestätigung:
"Ziel des Joint Ventures ist es, die Versorgung der Versicherten zu verbessern und sie gezielt zu bestimmten Behandlern zu steuern. Wie Carelutions setzt LM+ auf den Aufbau von Netzwerken von Behandlern."

Es muss allen berufspolitisch interssierten und besonders den aktiven Kollegen klar sein, dass laufend Angriffe auf die Kernbereiche des Arzt-Patientverhältnisss vorgetragen werden, mit dem Scheinargument von Vorteilen für Versorgung und Rationaliiserung, Dokumentation etc.
Bereits bei der Instalierung von MVZ's mit dem Einzug kommerziell orientierter Klinikkonzerne befand sich der größte Teil der Ärzteschaft im Tiefschlaf und die Funktionärselite vermutlich sogar in Narkose.
Man kann nur hoffen, dass die äeztlichen Vorkämpfer für die e-card gezügelt werden können, denn damit wären die Vehikelfunktionen für weitere Eingriffe in das Arzt-Patientverhältnis programmiert. zum Beitrag »

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