Kommentar zum 125. Deutschen Ärztetag

Historisch? Vielleicht! Aber die Arbeit beginnt erst jetzt

Der 125. Deutsche Ärztetag hat mit seinen Beschlüssen einige klare Akzente gesetzt. Ob daraus eine Initialzündung wird, etwa für den Klimaschutz, bleibt abzuwarten.

Von Hauke GerlofHauke Gerlof Veröffentlicht:

Das Wort „historisch“ ist beim 125. Deutschen Ärztetag während der Debatte um den Tagesordnungspunkt „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ häufig gefallen. Es war in der Tat das erste Mal, dass sich ein Ärztetag in dieser Intensität mit dem Klimawandel beschäftigt hat.

Die ins Thema führenden Beiträge zu Beginn und die Ernsthaftigkeit der Debatte wurden dem Anspruch gerecht, dass Ärzte eben nicht nur für die Wiederherstellung der Gesundheit von Patienten, sondern auch für gesund erhaltende Lebensbedingungen zuständig sind.

Natürlich ist allen Beteiligten dabei klar, dass der Einfluss des Ärzteparlaments, gefasste Beschlüsse auch Realität werden zu lassen, begrenzt. Wenn die Delegierten in Berlin beschließen, dass das Gesundheitswesen bis 2030 klimaneutral sein soll, dann bedeutet das noch lange nicht, dass Arztpraxen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen oder Rettungsdienste automatisch umsteuern.
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Gegen die Wegwerfmentalität

Die eigentliche Überzeugungsarbeit beginnt erst jetzt, wenn die Delegierten und ihre Kolleginnen und Kollegen sich im Alltag für eine echte Kreislaufwirtschaft in Klinik und Praxis und gegen immer mehr Wegwerfprodukte einsetzen; wenn Ärztinnen und Ärzte Überlegungen voranbringen, Solarmodule auf Klinikdächern aufzustellen; wenn in den Einrichtungen strukturierte Prozesse in Gang gesetzt werden, an welchen Stellen Strom eingespart werden kann. Es gibt viel zu tun, und erst, wenn aus der Initiative des Ärztetages auch tatsächlich Handlungsdruck und Taten entstehen, hat der Begriff „historisch“ tatsächlich seinen Sinn.

So waren die stärksten Momente in der Debatte vielleicht die, wenn Delegierte ganz konkret aufzeigten, wo Missstände liegen und was dagegen zu tun sein könnte – etwa, wenn es um den Einmal-Nadelhalter aus gebürstetem Stahl für 2,50 Euro ging. Und aller Respekt den Delegierten, die nun auch in eigener Sache – den Reisekostenbestimmungen für den Besuch von Veranstaltungen – zu Leibe rücken wollen und CO2-arme Verkehrsmittel fördern wollen. Die eigene Bequemlichkeit ist sicher an vielen Stellen in der Gesellschaft das größte Hemmnis für effizienten Klimaschutz.

„Wir müssen vom Wissen zum Handeln kommen“ – die Worte der Delegierten Dr. Irmgard Pfaffinger zum Abschluss der Debatte brachten diesen Auftrag nochmals auf den Punkt.
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Richtige Analyse, falsche Schlüsse

An einem anderen Punkt haben Bundesärztekammer und Ärztetag sich weniger initiativ gezeigt: Mit der Forderung nach einem einjährigen Moratorium für die Telematikinfrastruktur könnte sich die Ärzteschaft in Sachen Digitalisierung am Ende ins Abseits befördern.

So richtig die Analyse ist, dass die Akzeptanz der Ärzte in den Praxen leidet, wenn die Software nicht reibungslos funktioniert; und dass sich viele Ärzte überfordert fühlen, in die neuen Anwendungen einzusteigen: Derzeit entsteht der Eindruck, als wenn KV- und Kammersystem sich gegenseitig in ihren Moratoriumswünschen zu überbieten versuchen. Ob dies am Ende der Sache dient, darf bezweifelt werden.

Es hätte manche Gelegenheit gegeben, wie die Ärztekammern die Entwicklung hätten voranbringen und damit ihre Mitglieder mitnehmen können. Warum zum Beispiel haben immer noch nicht alle Ärzte einen elektronischen Arztausweis (eHBA)? Mit eHBA könnten elektronisch signierte und verschlüsselte E-Arztbriefe längst Routine im ärztlichen Alltag sein. Dann wäre der Sprung in den Arztbriefversand und zur eAU über die TI für die Praxen nur noch ein kleiner Schritt. Nein, die Bewerbung der Ärzte um mehr Mitspracherecht in der gematik auf dem Ärztetag ist wenig überzeugend ausgefallen.

Darum: Historisch? Vielleicht! Aber es bleibt viel zu tun. Nicht nur im Klimaschutz.

Schreiben Sie dem Autor: hauke.gerlof@springer.com

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