Krankenhaus Rating Report 2020

Immer mehr Krankenhäuser rutschen ins Minus

Die Zahl der Kliniken mit tiefroten Zahlen hat laut dem neuen „Krankenhaus Rating Report“ weiter zugenommen. Ein Grund: die zunehmende Ambulantisierung der Medizin.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 18.06.2020, 11:00 Uhr
Immer mehr Krankenhäuser rutschen ins Minus

Leeres Klinikbett: Die Corona-Pandemie mit der Ansage, elektive Eingriffe zu verschieben, hat die Fallzahlen in den Kliniken deutlich gedrückt.

© Jonas Güttler/dpa

Berlin. Die wirtschaftliche Lage der bundesweit rund 1925 Krankenhäuser hat sich weiter verschlechtert. Das geht aus dem neuen „Krankenhaus Rating Report“ des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen hervor. Die Studie, die im Wesentlichen auf Kennzahlen von 2018 fußt, wurde am Donnerstag beim „Hauptstadtkongress Digital“ vorgestellt.

Gefahr von Insolvenz wächst

Laut RWI-Analyse lag die durchschnittliche Insolvenzwahrscheinlichkeit der Krankenhäuser 2018 bei knapp zwei Prozent. In den beiden Vorjahren habe sie bei 1,4 Prozent beziehungsweise bei „niedrigen“ 0,6 Prozent gelegen, heißt es in dem der „Ärzte Zeitung“ vorliegenden Report.

Den Angaben zufolge schrieb mehr als jedes zehnte Krankenhaus (13 Prozent) rote Zahlen – verbunden mit „erhöhter Insolvenzgefahr“. Immerhin: 23 Prozent der Kliniken liegen im Rating nach Ampelfarben im gelben, 64 Prozent im grünen Bereich.

Interessant: Der Grad der Ländlichkeit der Kliniken ist laut Studie weder für das Rating noch die Ertragslage bedeutsam. Große Krankenhäuser wiesen bessere Werte auf als kleine. Ebenfalls von Vorteil seien ein „hoher Grad an Spezialisierung“ und die Zugehörigkeit zu einer Kette. Kliniken in freigemeinnütziger und privater Trägerschaft schnitten zudem besser ab als öffentlich-rechtliche.

Zufriedener mit kleineren Häusern

Erstmals geht der Report der Frage nach, wie zufrieden die Patienten mit ihren Krankenhäusern sind. Freigemeinnützige Träger schneiden demnach bei der Zufriedenheit mit der Pflege besser ab als öffentlich-rechtliche und private Träger. Sie punkten auch bei der Weiterempfehlung. Mit Blick auf die Zufriedenheit mit der ärztlichen Versorgung gibt es keine Unterschiede zwischen den Trägern.

Auffällig sei, dass kleinere Häuser bessere Werte erzielen als große. Das gelte auch für Häuser mit einem höheren Spezialisierungsgrad. Ein interessantes Ergebnis liefert der Stadt-Land-Vergleich: In städtisch geprägten Gebieten fällt die Zufriedenheit laut Studie mit der ärztlichen Versorgung besser, mit der pflegerischen Betreuung indessen schlechter aus.

Das könne daran liegen, dass ländliche Gebiete größere Schwierigkeiten hätten, ärztliche Fachkräfte zu akquirieren, wohingegen städtische Gebiete eher Probleme bei der Rekrutierung von pflegerischem Personal hätten, schreiben die Autoren.

Fallzahlrückgang trübt die Bilanzen

„Ausschlaggebend“ für die insgesamt schlechtere Lage der Kliniken sei der erneute Rückgang der Anzahl stationärer Fälle um 0,9 Prozent, schreibt das Autorenteam um den Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am RWI, Professor Boris Augurzky. Für die Jahre 2019 und 2020 rechnen die Autoren mit einem weiteren Rückgang oder Stagnation der Fallzahlen.

Verschärft werde dies durch die COVID-19-Pandemie. Wegen der Verschiebung elektiver Eingriffe sei ein einmaliger Rückgang von bis zu zehn Prozent zu erwarten, sagte Augurzky. „Nur“ 50 Prozent der verschobenen Eingriffe würden wahrscheinlich in diesem und ein „sehr kleiner Teil“ im nächsten Jahr nachgeholt werden. „So richtig sehen können wir das erst in zwei Jahren“, betonte Augurzky.

Die von der Bundesregierung beschlossenen „Stützungsmaßnahmen“ könnten helfen, den Niederschlag der Corona-Krise in den Bilanzen abzubremsen – möglich sei sogar ein „positiver Netto-Effekt“ in den Ertragsbüchern, heißt es im Report weiter. Dieser Effekt sei voraussichtlich 2021 aber schon wieder verpufft. 2022 sei dann mit „Normalniveau“ zu rechnen.

Ambulantisierung der Medizin

Gründe für sinkende Fallzahlen könnten sowohl der Mangel an Ärzten und Pflegekräften wie auch intensivere Prüfungen der Medizinischen Dienste sein, so die Studie. Hinzu geselle sich eine zunehmende Ambulantisierung der Medizin. Die nehme künftig noch mehr Fahrt auf.

Treiber seien die mit dem MDK-Reformgesetz angestoßene Überarbeitung des Katalogs für ambulantes Operieren, neue sektorenübergreifende Vergütungsmodelle wie auch Fortschritte in der Medizin allgemein.

Allerdings fehlten nach wie vor Anreize, medizinische Leistungen noch stärker ambulant oder teilstationär zu erbringen. Ein solcher Anreiz sei „ungewollt“ mit dem COVID-19-Stützungsgesetz geschaffen worden. So erhielten Krankenhäuser für Betten, die sie für schwere COVID-19-Patienten freihalten, eine Pauschale von 560 Euro pro Tag. „Dadurch“, schreiben die Autoren, „entsteht ein Anreiz, ambulante sensitive Krankenhausfälle tatsächlich ambulant zu erbringen.“

Die Krankenhäuser dürften sich dem Trend nicht verschließen – vielmehr sollten sie „Lust auf Ambulantisierung bekommen“, forderte Augurzky. Er persönlich gehe davon aus, dass bis zum Jahr 2030 knapp 300 Krankenhäuser in Deutschland vom Markt verschwunden seien.

Wichtiger als Zahlenprognosen sei jedoch die Frage, „was leisten Krankenhäuser in Zukunft“, betonte Augurzky. Denkbar sei, dass sich viele kleinere Krankenhäuser hin zu „Versorgungszentren“ entwickelten. „Stationär ist ein Teil davon.“ Für viele junge Fachärzte seien derartige Zentren durchaus attraktiv, fügte der Klinikexperte hinzu.

Mehr Köpfe, weniger Arztzeit

Auch der vertragsärztliche Bereich ist laut Rating-Report von Eruptionen erfasst. Zwar seien dort immer mehr Ärzte tätig. Allerdings habe der Anteil der in Teilzeit arbeitenden Ärzte stark zugenommen.

Von acht Prozent im Jahr 2009 auf 36 Prozent im Jahr 2019. Überdies arbeiten immer mehr Ärzte im Angestelltenverhältnis. 2008 waren es sechs Prozent, 2019 bereits 22 Prozent. Der Anteil von MVZ-Ärzten ist von sechs Prozent in 2010 auf zwölf Prozent in 2018 gestiegen.

Vier Thesen zum Gesundheitswesen

Die Autoren des Krankenhaus Rating Reports gelangen zu folgenden weiteren Thesen:

Corona puscht Digitalisierung: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen sei bislang „schleppend“ verlaufen, stellen die Autoren fest. Die COVID-19-Pandemie werde das „schlagartig“ ändern.

Kritisch stuft der Report ein, dass es eine bundesweit einheitliche elektronische Patientenakte noch immer nicht gebe. „In der Pandemie wäre sie segensreich gewesen.“ Weitere Verzögerungen dürfe sich der Gesetzgeber nicht leisten. Dasselbe gelte für telemedizinische Angebote.

Gesundheitsausgaben steigen: Personal- und Finanzierungsbedarf im Gesundheitswesen würden wegen der Alterung der Gesellschaft zunehmen, das „Reservoir“ an Nachwuchskräften zugleich schrumpfen, heißt es im Report. Ähnlich wie nach der Finanzkrise 2009 dürften die Ausgaben für das Gesundheitswesen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2020 einen „signifikanten Sprung“ nach oben machen. Damals sei ihr Anteil am BIP von einem Jahr auf das andere von 10,5 Prozent auf 11,5 Prozent gestiegen. Seitdem sei er nur geringfügig auf derzeit 11,7 Prozent hochgeklettert.

Sektorenmauern einreißen: Regionale Gesundheitsbudgets, die sowohl ambulante als auch stationäre Leistungen umfassten, seien ein Hebel, um die sektorenübergreifende Versorgung voranzubringen. Die Budgets gäben lokalen Akteuren „eine sehr große Gestaltungsfreiheit, um bei definiertem Gesundheitsbudget eine optimale Versorgung für die Bevölkerung vor Ort zu organisieren“.

Ohne einen Anreiz zur Leistungserbringung verleite ein gegebenes Budget allerdings zum Nichtstun. Daher sei das Regionalbudget mit einem Wettbewerb unter den Regionen und mit kontrollierbaren Qualitätszielen zu flankieren.

Neustart des SGB V: Das Sozialgesetzbuch V hat nach Ansicht der Autoren über die vergangenen 30 Jahren erheblich Staub angesetzt. Das Paragrafenwerk sei „stark institutionenbezogen aufgebaut“ und enthalte inzwischen zahlreiche Detailregulierungen. Die Nutzerperspektive komme zu kurz. Die Autoren zitieren den heutigen BKK-Kassenchef und Autoren des SGB V, Franz Knieps. Dieser habe einen Perspektivenwechsel von den Institutionen zu den Nutzern gefordert.

Eine solche Neuformulierung des SGB V, heißt es im Report, sei eine Mammutaufgabe. Sie gehöre zu den großen Visionen der 2020er-Jahre und sollte spätestens im Jahr 2030 abgeschlossen sein.

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