Hauptstadtkongress

Wie sich Corona auf sexuell übertragbare Infektionen auswirkt

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind weniger Fälle von Infektionen mit Hepatitis C und HIV gemeldet worden. Eigentlich eine gute Nachricht, doch beim Hauptstadtkongress zeigte sich das RKI gerade hierüber besorgt.

Von Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
HIV und Corona: Die reduzierten Sozialkontakte haben auch Einfluss auf die Zahl der HIV-Neuinfektionen.

HIV und Corona: Die reduzierten Sozialkontakte haben auch Einfluss auf die Zahl der HIV-Neuinfektionen.

© PiyawatNandeenoparit / stock.ado

Berlin. Die globale Pandemie von SARS-CoV-2 hat auch auf die Inzidenz von HIV und Hepatitis C (HCV) in Deutschland einen deutlichen Einfluss. So gab es zum Beispiel im Jahr 2020 einen Rückgang der gemeldeten HIV-Erstdiagnosen im Vergleich zum Vorjahr, vor allem bei den Männern. Dieser Effekt war besonders deutlich für die Zeit des ersten Lockdowns im Frühling 2020 zu beobachten. Das berichtete Dr. Viviane Bremer, Leiterin des Fachgebiets HIV/AIDS und andere sexuell oder durch Blut übertragbare Infektionen des Robert Koch-Instituts (RKI), beim Hauptstadtkongress in Berlin.

Aufgeschlüsselt nach Bundesländern habe es 2020 einen besonders starken Rückgang der HIV-Erstdiagnosen in Berlin, Bayern und Baden-Württemberg gegeben. Zwar wurden auch vereinzelt mehr Erstdiagnosen von HIV im Vergleich zu 2019 gemeldet, „insgesamt handelt es sich aber um einen Rückgang der Erstdiagnosen um 20 Prozent“, erläuterte Bremer.

Weniger HIV-Vorsorge

Auch die Präexpositionsprophylaxe (PrEP), also das Medikament, mit dem sich einer Infektion mit HIV vorbeugen lässt, ist mit Beginn der Pandemie weniger nachgefragt worden. Zu diesem Thema präsentierte Bremer Zahlen zu den neu eingeleiteten PrEP-Behandlungen in den Jahren 2019 und 2020 in 50 deutschen Arztpraxen. Im letzten Quartal des Jahres 2019 gab es mehr als 4000 neue PrEP-Verordnungen. In den ersten drei Quartalen 2020 blieb die Zahl der PrEP-Nutzer daraufhin relativ konstant, die Zahl der neu mit einer PrEP beginnenden Menschen „war jedoch in allen drei Quartalen relativ niedrig“, sagte Bremer.

Eine ähnliche Entwicklung berichtete sie für die gemeldeten Fälle von Hepatitis C, auch dort gab es „einen klaren Rückgang der Meldezahlen im Jahr 2020“. Das sei jedoch vermutlich vor allem auf Unterdiagnose und Untererfassung der besonders vulnerablen Gruppen zurückzuführen – bei Hepatitis C sind dies Drogenkonsumenten, Häftlinge und Migranten.

Sorge: Mehr unbewusst Infizierte?

Zusammenfassend wies Bremer darauf hin, dass „die deutliche Abnahme der gemeldeten HIV-Erstdiagnosen im Jahr 2020 erst mal nach einer guten Nachricht klingt – wahrscheinlich ist es das aber nicht ganz.“ Denn zwar seien einerseits die Neuinfektionen zum Teil aufgrund von reduzierten Treffen mit Sexualpartnern und einer insgesamt geringeren Mobilität zurückgegangen, vermutet das RKI. Jedoch gelte es auch zu bedenken, dass in gleichem Maße die Angebote und die Nachfrage nach HIV-Tests gesunken sei. „Das macht uns ein bisschen Angst, denn das könnte dazu führen, dass der Anteil der HIV-Infizierten in Deutschland steigt, die nichts von ihrer Infektion wissen.“

In diesem Zusammenhang erinnerte Bremer daran, dass Deutschland die internationalen Ziele des Aids-Programmes der Vereinten Nationen (UNAIDS) verfehlt hatte, die es sich eigentlich für das Jahr 2020 vorgenommen hatte. Diese lauten kurz gesagt „90-90-90“. Gemeint ist damit, dass 90 Prozent der HIV-Infizierten des jeweiligen Landes ihre Diagnose kennen sollen, wiederum 90 Prozent der diagnostizierten HIV-Positiven sollen eine Therapie erhalten und wiederum 90 Prozent der Infizierten mit Therapie sollen erfolgreich therapiert sein, sodass ihre Viruslast unter der Nachweisgrenze von 50 Viruskopien pro ml Blut ist.

Zwar steht es um die letzten beiden Werte (Anteil der diagnostizierten Infizierten mit Therapie, Anteil der erfolgreichen Therapien) gut in Deutschland, doch ist das Ziel mit „88-96-96“ für das Jahr 2020 verfehlt: Etwa 88 Prozent der HIV-Infizierten in Deutschland haben eine Diagnose, eine HIV-Infektion wird in Deutschland also schlicht zu oft übersehen.

Für Bremer ein Grund zur Sorge: Denn mit der aktuellen Entwicklung besteht die Gefahr, „dass wir uns noch weiter als ohnehin schon von den angestrebten 90 Prozent entfernen“, warnte sie. Dadurch würde also die Gruppe der unbewusst HIV-positiven Menschen in Deutschland wachsen, und damit auch die Gefahr, dass diese unbewusst weitere Personen infizieren.

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