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Ab Geburtstermin besser einleiten als warten

Geburtseinleitung oder Abwarten bei Überschreitung des Geburtstermins? Forscher haben 34 Studien ausgewertet und sehen in einem Aspekt einen entscheidenden Vorteil für die Einleitung.

Von Ingrid Kreutz Veröffentlicht: 16.07.2020, 16:56 Uhr
Ab Geburtstermin besser einleiten als warten

Die Schwangerschaft verläuft normal, aber der errechnete Geburtstermin ist bereits überschritten: Wann ist der optimale Zeitpunkt für eine Geburtseinleitung?

© Rudolf Polle / stock.adobe.com

Freiburg. Ist es bei einer ansonsten normal verlaufenden, aber bereits über das errechnete Geburtsdatum hinausgehenden Schwangerschaft besser, die Geburt einzuleiten oder sollte man weiter abwarten? Ein kontroverses Thema.

Einerseits empfinden viele Menschen eine Einleitung der Geburt für einen zu großen Eingriff in den natürlichen Ablauf der Schwangerschaft. Diesbezüglich werden auch mögliche Risiken diskutiert, etwa ob eingeleitete Geburten mit einer höheren Rate von Sectiones einhergehen könnten oder ob sie ein höheres Risiko für seltene, aber schwerwiegende Komplikationen haben.

Andererseits gehen auch mit der Terminüberschreitung einer Schwangerschaft oder einer Übertragung, also ab zwei Wochen nach dem Termin deutliche Risiken einher, etwa Totgeburt oder Tod des Neugeborenen.

Diese gilt es gegen die Risiken einer Einleitung abzuwägen – dabei soll ein aktualisierter Cochrane Review zum Thema helfen (Cochrane Database of Systematic Reviews 2020; online 15. Juli).

Basis: 34 randomisierte kontrollierte Studien

Es handelt sich hierbei um die Aktualisierung einer erstmals 2006 veröffentlichten und zuletzt 2018 aktualisierten Übersichtsarbeit, teilt die Cochrane Deutschland Stiftung (CDS) mit. Die Datenbasis sei nun deutlich breiter als zuletzt und einige der Schlussfolgerungen hätten sich geändert.

Der Review beruht nun auf 34 randomisierten kontrollierten Studien aus 16 verschiedenen Ländern, an denen insgesamt mehr als 21.500 Frauen teilnahmen (meist mit geringem Komplikationsrisiko). Die Studien verglichen die Strategie einer Geburtseinleitung, die in der Regel nach 41 abgeschlossenen Schwangerschaftswochen ( 287 Tage) erfolgt, mit einer Strategie des „Beobachtens und Abwartens“.

Die Evidenz aus den untersuchten Studien ist größtenteils von hoher bis moderater Vertrauenswürdigkeit auf der vierstufigen GRADE-Skala, auf der noch niedrige und sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit möglich ist, heißt es in der Mitteilung.

Das Fazit der Autoren: Die aktuelle Analyse zeigt eine deutliche Verringerung der perinatalen Sterblichkeit bei einer Strategie der Geburtseinleitung ab der 37. Schwangerschaftswoche im Vergleich zu einer abwartenden Strategie (22 Studien, 18.795 Säuglinge). So gab es vier perinatale Todesfälle in der Gruppe der Kinder mit Geburtseinleitung, in der Gruppe mit Abwarten waren es 25. Das entspricht einer relativen Risikoreduktion um 69 Prozent.

Dabei sind die absoluten Raten der perinatalen Todesfälle mit 0,4 gegenüber 3 Todesfällen pro 1000 Geburten allerdings insgesamt klein.

Bester Zeitpunkt für eine Geburtseinleitung noch unklar

In der Gruppe mit eingeleiteten Geburten lagen auch die Raten für Kaiserschnitte niedriger, ohne dass sich dadurch der Anteil vaginal-operativer Entbindungen (zum Beispiel mit Hilfe von Geburtszangen oder Saugglocken) erhöhte. Auch die Rate von Einweisungen in Neugeborenen-Intensivstationen lag in dieser Gruppe niedriger.

Keine eindeutigen Unterschiede zwischen Geburtseinleitung und Abwarten zeigten sich bei dem Risiko von Dammrissen, Nachgeburtsblutungen oder den Aussichten, bei der Entlassung aus der Klinik erfolgreich zu stillen.

Ob es sich bei den Frauen um Erst- oder Mehrgebärende handelte, hatte nach den Ergebnissen von Subgruppenanalysen keinerlei Einfluss auf die Studienergebnisse.

Unklar bleibt auf Basis der bisherigen Evidenz auch, wann genau der beste Zeitpunkt für eine Geburtseinleitung ist, so die Autoren des Cochrane Review.

Ergebnisse einer schwedischen Studie

Die Geburt bei risikoarmen Schwangerschaften erst nach 42 SSW einzuleiten, ist aber nach den Ergebnissen einer schwedischen Studie mit 2760 Frauen nicht ratsam, weil die perinatale Sterberate in diesem Fall erhöht ist (BMJ 2019; online 20. November).

Die schwedischen Forscher um Dr. Ulla-Britt Wennerholm aus Göteborg empfehlen nun entgegen der bisherigen Praxis in Schweden, schon in der 41. SSW die Geburtseinleitung vorzunehmen.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe empfiehlt in ihrer bereits abgelaufenen Leitlinie „Vorgehen bei Terminüberschreitung und Übertragung“, bei risikoarmen Schwangerschaften „ab 41+0 SSW eine Geburtseinleitung anzubieten, spätestens ab 41+3 SSW zu empfehlen“. Die Leitlinie wird gerade überarbeitet.

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