Blutspende

Aderlass gegen Hypertonie

Zwei Fliegen mit einer Klappe: In einer Beobachtungsstudie korrelieren regelmäßige Blutspenden bei hypertonen Spendern mit einem deutlichen Abfall des Blutdrucks.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Blutspende: Manchmal könnte der Aderlass auch für die Gesundheit des Spenders nützlich sein.

Blutspende: Manchmal könnte der Aderlass auch für die Gesundheit des Spenders nützlich sein.

© David Ebener / dpa

NEU-ISENBURG. In der Frühzeit der Medizin waren Aderlässe ein unverzichtbarer Teil des ärztlichen Therapiekatalogs. Das hat sich bekanntlich ein wenig geändert.

Bei der Hämochromatose werden sie noch eingesetzt, aber ansonsten ist die Domäne der Aderlässe heute weniger die Innere Medizin als vielmehr die Transfusionsmedizin.

Da wird zwar auch behandelt, aber nicht der Spender, sondern der Empfänger. Könnte sich das wieder ändern?

Eine neue Beobachtungsstudie von Transfusions- und Komplementärmedizinern der Charité und des Immanuel-Krankenhauses Berlin sowie der Universität Witten-Herdecke lässt zumindest aufhorchen.

Die Studie wurde von der in Sachen Alternativmedizin sehr engagierten Karl und Veronica Carstens Stiftung gefördert (Transfusion 2015, online 8. Dezember).

Je mehr Aderlass, desto niedriger der Blutdruck

292 Blutspender, davon 146 mit einem Blutdruck von über 140/90 mmHg, wurden ein Jahr lang hinsichtlich ihres Blutdruckverhaltens beobachtet. Gemessen wurde jeweils mehrfach im Sitzen vor und nach der Blutspende.

Der Blutdruck wurde dann gemittelt. Blut gespendet wurde mit unterschiedlicher Frequenz. 114 der 146 Studienteilnehmer mit Bluthochdruck spendeten mindestens zweimal, 39 spendeten viermal, also alle drei Monate.

Nach einem Jahr zeigte sich bei den Blutspendern mit arterieller Hypertonie ein deutlicher Abfall des systolischen und diastolischen Blutdrucks, der in der Gruppe der normotonen Blutspender nicht beobachtet wurde.

Hier sank der Blutdruck zwar unmittelbar nach der Spende ab, es fand sich aber kein Langzeiteffekt bei den gemittelten Werten.

Am deutlichsten war der Blutdruckeffekt der Blutspenden bei jenen hypertensiven Patienten, die alle drei Monate Blut spendeten. Der systolische Blutdruck sank in dieser Gruppe im Mittel von 156 auf 144 mmHg, der diastolische von 91 auf 85 mmHg.

Bei Patienten mit einer Grad-II-Hypertonie, also Werten oberhalb von 160/100 mmHg, sank der systolische Blutdruck um 17 mmHg und der diastolische um 12 mmHg.

Nun gibt es über einen Zeitraum von einem Jahr bei vielen hypertensiven Patienten natürlich Änderungen in der Medikation, die das Ergebnis einer Beobachtungsstudie verfälschen können.

Die Autoren um Professor Andreas Michalsen vom Berlin Immanuel-Krankenhaus haben sich deswegen die Therapieänderungen eigens angesehen.

Es zeigte sich, dass im Studienverlauf 11 der 146 hypertensiven Patienten die Dosis ihrer Medikamente reduzierten, weitere fünf setzten die Medikamente ganz ab.

Dem standen nur sechs Patienten gegenüber, die die Dosis ihrer Blutdruckmedikamente erhöhten, sodass die Autoren davon ausgehen, dass es sich bei der beobachteten Blutdrucksenkung eher nicht um Medikamenteneffekte handelt.

Randomisierte Pilotstudie mit ähnlichem Resultat

Hinzu kommt, dass Michalsen und Kollegen den Blutdruckeffekten von Aderlässen vor einigen Jahren schon einmal in einer mit 64 Teilnehmern allerdings sehr kleinen, randomisierten Studie nachgegangen sind (BMC Med. 2012; 10: 54).

Es handelte sich damals um Patienten mit metabolischem Syndrom und einem durchschnittlichen systolischen Blutdruck von 149 mmHg in der Aderlass-Gruppe und 145 mmHg in der Kontrollgruppe.

Nach sechs Wochen war der systolische Blutdruck in der Aderlass-Gruppe auf 131 mmHg gefallen, während sich in der Kontrollgruppe fast nichts getan hatte.

Das sind nun alles keine großen Patientenzahlen, aber die Ergebnisse der beiden Arbeiten deuten zumindest in dieselbe Richtung.

Die Autoren stellen deswegen die Frage, ob Patienten mit Grad-II-Hypertonie nicht die Teilnahme an Blutspenden gewissermaßen als Begleittherapie zur sonstigen antihypertensiven Behandlung vorgeschlagen werden könnte, zumal die Zahl der Blutspender in Deutschland ohnehin höher sein könnte, als sie zurzeit ist.

Weitgehend unklar bleibt, über welche Mechanismen Blutspenden den Blutdruck senken könnten. Das rote Blutbild veränderte sich nicht signifikant, lediglich das Serum-Ferritin nahm bei den Mehrfachspendern erwartungsgemäß ab.

In der neuen Beobachtungsstudie war der Blutdruckabfall nicht mit dem Ferritin-Abfall assoziiert.

In der randomisierten Studie war das damals der Fall gewesen. Möglicherweise hängen die Effekte auch mit Veränderungen der Blutviskosität oder des Verhältnisses von alten zu jungen Erythrozyten zusammen, aber das ist derzeit Spekulation.

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