Bessere lokoregionale Kontrolle

Apoptose-Bremse gelockert: Vorteil bei HNO-Tumoren

Ein neues Therapeutikum verbessert die Radiochemotherapie bei lokoregional fortgeschrittenen Tumoren im Mund-Rachen-Bereich. Die Substanz richtet sich gegen Apoptose-Hemmer und konnte in einer Phase-II-Studie die Tumorkontrolle deutlich verbessern.

Von Thomas MüllerThomas Müller Veröffentlicht: 08.09.2020, 08:42 Uhr
Im Fokus: Krebszelle und ihre Apoptose.

Im Fokus: Krebszelle und ihre Apoptose.

© peterschreiber.media/stock.adobe.com

Besançon. Starke Raucher haben bekanntlich ein hohes Risiko, an einem Plattenepithelzellkarzinom im Mund-Rachen-Raum zu erkranken, vor allem, wenn sie auch noch dem Alkohol zugeneigt sind.

Meist werden solche Tumoren erst in einem lokoregional fortgeschrittenen Stadium entdeckt und lassen sich dann häufig nicht mehr kurativ herausschneiden. Für diese Patienten ist eine Cisplatin-basierte Radiochemotherapie der Standard.

Förderung der Apoptose

Dennoch erleiden mehr als die Hälfte der Betroffenen innerhalb von zwei Jahren ein Rezidiv, berichten Onkologen um Dr. Xu-Shan Sun von der Uniklinik in Besançon. Besonders schlecht ist die Prognose bei HPV-negativen Patienten – das sind dann zumeist sehr starke Raucher. Von ihnen lebt nach fünf Jahren weniger als die Hälfte, bei den HPV-positiven Patienten sind es immerhin noch drei Viertel, berichten Sun und Mitarbeiter.

Eine Möglichkeit, die Standardtherapie zu verbessern, sehen die Ärzte um Sun in der Förderung der Apoptose. Diese ist gerade bei Plattenepithelzellkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich stark gestört.

Solche Tumoren exprimieren Apoptose-hemmende Proteine (Inhibitor of apoptosis proteins, IAPs) und können damit den zytotoxischen Effekten der Radiochemotherapie entgehen. Ließen sich die IAPs wiederum hemmen, sollte dies die Apoptose-Bremse lösen und die Tumoren empfindlicher gegen die Radiochemo machen.

Lokoregionale Tumorkontrolle bei 54 Prozent

Dies scheint tatsächlich zu klappen. Das Team um Sun prüfte in einer Phase-II-Studie den IAP-Hemmer Debio 1143 des Schweizer Unternehmens Debiopharm als Zusatzbehandlung zur Standardtherapie (Lancet Oncology 2020; online 3. August).

Damit erzielten 54 Prozent der Patienten nach eineinhalb Jahren noch eine gute lokoregionale Tumorkontrolle, mit Add-on-Placebo waren es nur 33 Prozent. Nach Angaben der Studienärzte war damit erstmals ein Therapieregime in einer kontrollierten Studie besser als die Standardtherapie.

An der Studie nahmen 96 Patienten teil, zu 80 Prozent Männer, alle rauchten und kamen im Schnitt auf 40 Packungsjahre, zwei Drittel hatten einen Oropharyngealtumor, die übrigen einen Tumor im Bereich des Larynx oder in der Mundhöhle, zumeist vom Typ T3N2. Alle waren bislang unbehandelt und frei von Metastasen, mehr als die Hälfte zeigte keine HPV-Infektion.

Sämtliche Patienten erhielten die übliche Radiochemo: Cisplatin 100 mg/m2 an den Tagen 2, 23 und 44 sowie 70 Gy verteilt über sieben Wochen. Die Hälfte bekam oral zusätzlich 200 mg Debio 1143 an den Tagen 1–14 eines dreiwöchigen Cisplatin-Zyklus, die übrigen Placebo.

„Vielversprechende Ergänzung zur Standardtherapie“

Als primären Endpunkt wählten die Ärzte die lokoregionale Tumorkontrolle 18 Monate nach dem Ende der Radiochemo. Keine Zeichen eines Tumorprogresses zeigten dann noch 26 Patienten mit dem IAP-Blocker und 16 mit Placebo.

Nach einer Beobachtungsdauer von rund zwei Jahren hatte das mediane progressionsfreie Überleben (PFS) in der Placebogruppe 16,9 Monate erreicht und konnte in der Gruppe mit dem IAP-Blocker noch nicht ermittelt werden.

Insgesamt lebten zu diesem Zeitpunkt mit Debio 1143 noch 72 Prozent progressionsfrei, 41 Prozent mit Placebo. Fernmetastasen traten bei 15 Prozent mit dem IAP-Blocker und 29 Prozent unter Placebo auf, beim Gesamtüberleben ergab sich ein Trend zugunsten des neuen Medikaments (73 versus 65 Prozent).

Grad-3-Nebenwirkungen traten mit dem IAP-Blocker nicht häufiger auf als unter der alleinigen Radiochemo (bei 85 versus 87 Prozent), etwas öfter kam es jedoch zu Dysphagie (50 versus 21 Prozent), Mukositis (31 versus 21 Prozent) und Anämie (35 versus 23 Prozent).

Die Studienautoren um Sun sehen in Debio 1143 eine vielversprechende Ergänzung zur Standardtherapie, deren Nutzen nun in Phase III bestätigt werden müsse.

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