Trotz Neurodegeneration

Auch Alzheimer-Patienten haben Schmerzen

Alzheimer-Patienten klagen weniger über Schmerzen als Patienten ohne kognitive Einschränkungen. Das heißt jedoch nicht, dass sie weniger unter Schmerzen leiden. Im Gegenteil scheint ihre Schmerztoleranz sogar herabgesetzt zu sein.

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... und ich kann immer noch Schmerzen empfinden.

... und ich kann immer noch Schmerzen empfinden.

© Osterland / fotolia.com

KOPENHAGEN. Epidemiologische Studien haben die Frage aufgeworfen, ob durch die neurodegenerativen Veränderungen beim Morbus Alzheimer auch die Verarbeitung von Schmerzreizen beeinträchtigt ist. Die Patienten geben nämlich seltener an, Schmerzen zu haben, und werden seltener analgetisch behandelt als nicht demente Patienten.

In experimentellen Untersuchungen zur Schmerzwahrnehmung von Alzheimer-Patienten waren widersprüchliche Ergebnissen zutage getreten - möglicherweise weil manche Schmerztests bei kognitiven Einschränkungen nicht verlässlich sind.

Nun haben dänische Neurologen durch Tests mit reproduzierbaren Ergebnissen die Hypothese von der verminderten Schmerzwahrnehmung widerlegt (Pain 2014; online 9. Januar).

Die Ärzte um Christina Jensen-Dahm von der Universitätsklinik Kopenhagen haben 29 Patienten mit leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz und 29 Kontrollpersonen mit gleichem Alter und Geschlecht quantitative Tests zur Schmerzempfindlichkeit absolvieren lassen.

Die Untersuchungsreihe wurde zweimal an Tag 1 und ein weiteres Mal an Tag 2 durchgeführt, mit ähnlich geringen bis moderaten Schwankungen der gruppenspezifischen Ergebnisse.

Hinsichtlich der Wahrnehmungsschwelle eines Wärmereizes zeigte sich kein Unterschied zwischen Patienten und Gesunden (35,5 vs. 35,4 °C; p = 0,8). Auch die Temperaturen, ab denen ein thermischer Reiz als schmerzhaft empfunden wurde, waren ähnlich (41,2 vs. 42,3°C; p = 0,24).

Sensorischer Kortex bleibt lange weitgehend unbeschadet

Übereinstimmung bestand auch beim Zeitintervall, bis ein Kältereiz als schmerzhaft bzw. unerträglich eingestuft wurde (14,9 vs. 11,8 s; p = 0,89 bzw. 31,3 vs. 28,1 s; p = 1,0).

Ebenfalls identisch war der Schwellenwert für Druckschmerz (120 vs. 131 kPa; p = 0,1). Ein Unterschied fand sich einzig bei der Druckschmerztoleranz: Sie fiel bei den Alzheimer-Patienten signifikant niedriger aus als bei den Kontrollpersonen (213 vs. 289 kPa; p = 0,008).

Dass Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Erkrankung dieselbe Schmerzschwelle haben wie kognitiv intakte Personen, erklären die Studienautoren damit, dass der sensorische Kortex bis zum Spätstadium der Alzheimer-Krankheit weitgehend unbeschadet bleibt. Warum ist dann aber die Schmerztoleranz vermindert?

Jensen-Dahm und Kollegen spekulieren, dass für den Schwellenwert die sensorisch-diskriminierende Schmerzverarbeitung entscheidend ist, die Toleranz dagegen mehr von der kognitiven Bewertung und der emotionalen Wahrnehmung von Schmerzen abhängt.

"Kognitive Beeinträchtigung, psychischer Stress und Angst beeinflussen eher die Schmerztoleranz als die Schmerzschwelle."

Der reduzierte verbale Ausdruck von Schmerzen, wie er bei Alzheimer-Patienten festzustellen ist, könne jedenfalls nicht damit erklärt werden, dass die Prozessierung von schmerzhaften Stimuli beeinträchtigt sei. Eher seien es Probleme mit der Kommunikation oder dem Gedächtnis, die Alzheimer-Patienten davon abhalten würden, ihre Schmerzen in Worte zu fassen. (BS)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Alzheimer ist kein Analgetikum

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