Adipositas

Ein Pflaster gegen Pölsterchen?

Übergewicht ist vielen Ländern der Welt ein massives Problem. Wissenschaftler in Singapur haben nun ein Pflaster erfolgreich zur Fettreduktion getestet – allerdings erst bei Mäusen.

Veröffentlicht: 05.01.2018, 12:26 Uhr
Ein Pflaster gegen Pölsterchen?

Suche nach einem effektiven Weg zur Gewichtsabnahme: Hierbei sind Forscher auch auf die braunen Fettzellen als Option gestoßen.

© viperagp / Fotolia

BERLIN/SINGAPUR. Keine Frage: Gegen Übergewicht helfen in der Regel weniger Essen und mehr Bewegung. In der Praxis allerdings scheitert dieses Konzept oft krachend. Die Hoffnung ruht daher für Forscher und Betroffene auf einem einfacheren Weg.

Das, was Forscher aus Singapur kürzlich berichteten, lässt nun Hoffnung diesbezüglich aufkeimen: Mit einem mit Mikronadeln bestückten Pflaster hatten sie Mäusen Wirkstoffe über die Haut verabreicht, die diese trotz fettreicher Nahrung nicht dick werden, sondern sogar ihre Fettmasse schrumpfen ließen (doi10.1002/smtd.201700269) .

Die Wirkstoffe – ein Beta-3-Adrenorezeptoragonist und das Schilddrüsenhormon Trijodthyronin (T3) verwandelten nach Angaben der Wissenschaftler das weiße Fett, das Energie speichert, in braunes Fett, das wie eine Art Heizgewebe, Energie in erhöhtem Maß verbrennt. Den Mäusen war das mit den Wirkstoffen beladene Pflaster nur für zwei Minuten appliziert worden. Das reichte, um die Mikronadeln, die dünner als ein menschliches Haar waren, in der Haut zu verankern. Die Wirkstoffe wurden dann kontinuierlich freigesetzt.

Das Ergebnis: Nach Vier Wochen hatten die Mäuse trotz fettreicher Diät 30 Prozent ihrer Fettmasse verloren. Die Tiere hatten auch verringerte Blutfettwerte im Vergleich zu Kontrollmäusen, berichten die Professoren Chen Peng und Xu Chenjie von der Nanyang Technological University (NTU) in Singapur. "Bereits innerhalb von fünf Tagen, wandelte sich das Fettgewebe rund um die Nadeln um und sorgte für eine erhöhte Energieverbrennung", so die Wissenschaftler. Sie sehen den Vorteil in ihrem Verfahren darin, dass nur geringe Wirkstoffmengen nötig sind, die zudem gezielt aufgebracht werden könnten. Das verringere auch das Risiko von Nebenwirkungen im Vergleich etwa zu einer oralen Medikation.

Kann das die Lösung zur Bekämpfung der weltweiten Adipositas-Epidemie sein?

Ganz so weit ist es noch nicht. Aber die Idee der Fettumwandlung wird von vielen Experten als vielversprechend beschrieben. Und eine wirksame Strategie gegen die zunehmende Fettleibigkeit wird angesichts der möglichen Folgen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs händeringend gesucht.

"Dass es derzeit noch kein pharmakologisches Mittel gibt, ist eine wirklich unbefriedigende Situation. Wir brauchen das dringend", äußert sich etwa Professor Alexander Pfeifer, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Bonn. "Aber das Feld ist in Bewegung, da wird sich was tun."

Dass der Ansatz, die Umwandlung von weißen in beige Fettzellen zu stimulieren, alles andere als abwegig ist, meint auch Dr. Tobias Fromme vom Lehrstuhl für Molekulare Ernährungsmedizin an der TU München: "In kleinen Säugetieren klappt das schon ganz gut". Er und sein Team fanden kürzlich, dass die Menge an braunem Fett bei Erwachsenen etwa dreimal so groß ist wie bisher angenommen (10.2967/jnumed.116.183988). Dies habe auch das Interesse der Pharmaindustrie an pharmakologischen Fettverbrennern neu entfacht, sagt Fromme.

Tatsächlich kennen Experten mittlerweile zahlreiche Botenstoffe, die die Aktivität und Umwandlung von Fettzellen begünstigen. Dazu gehören unter anderem Katecholamine wie Adrenalin und Noradrenalin, Hormone wie Östrogen, Testosteron und Progesteron oder Wachstumsfaktoren, wie Forscher um Privatdozent Dr. Marcel Scheideler vom Institute for Diabetes and Cancer am Helmholtz Zentrum München kürzlich in einem Übersichtsartikel zusammenfassten (10.1515/hmbci-2017-0043).

Viele der bisherigen Ergebnisse wurden in Experimenten mit Tieren oder tierischen Zellen gewonnen. Scheideler und seine Mitarbeiter konnten bereits zeigen, wie sich – zumindest experimentell – auch menschliche weiße Fettzellen zu braunen umpolen lassen (10.1002/stem.1603). Für die körpereigene Substanz MicroRNA-26 sei in den USA und der EU bereits das Patent erteilt.

Wer weder Sport noch eine Diät machen möchte, hat theoretisch noch eine weitere Option zum Abnehmen. Die Aktivität der braunen Fettzellen lässt sich auch mit einer Kälte-Kur ankurbeln. "Zumindest bis wir anfangen zu zittern, erzeugt unser Körper bei Kälte die nötige Wärme allein, indem er braunes Fett aktiviert", erläutert Fromme. Menschen, die sich regelmäßig der Kälte aussetzen, dürften langfristig ein paar Pfunde verlieren. (dpa/run)

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