Direkt zum Inhaltsbereich

Medikamente im Straßenverkehr

Erhöhtes Unfallrisiko für Fußgänger

Hinweise, dass die Einnahme des jeweiligen Medikaments die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen kann, finden sich auf vielen Beipackzetteln. Aber wie steht es eigentlich um die Gehtüchtigkeit?

Dr. Robert BublakVon Dr. Robert Bublak Veröffentlicht:
Sicher im Straßenverkehr? Nicht jeder Patient ist sich bewusst, dass Medikamente auch die eigene Gehfähigkeit beeinflussen können.

Sicher im Straßenverkehr? Nicht jeder Patient ist sich bewusst, dass Medikamente auch die eigene Gehfähigkeit beeinflussen können.

© Pink Badger / Fotolia

BORDEAUX. Die Erkenntnis, dass manche pharmakologisch wirksame Substanz, welche das Führen von Fahrzeugen beeinträchtigt oder sogar unmöglich macht, auch die Gehfähigkeit nachteilig beeinflussen kann, entspringt ja der allgemeinen Lebenserfahrung. Alkohol ist vermutlich die bekannteste und verbreitetste dieser Substanzen. Es ist daher anzunehmen, dass die Einnahme von Medikamenten mit negativer Wirkung auf die Teilnahme am Straßenverkehr ebenfalls nicht nur hinter dem Lenkrad, sondern auch für Fußgänger riskant sein könnte. So naheliegend diese Annahme ist – wissenschaftliche Studien dazu existieren bisher kaum.

48 Medikamentenklassen mit Risiko

Französische Forscher um Mélanie Née von der Universität Bordeaux haben diesem Mangel nun abgeholfen (PLoS Med 2017, 14(7): e1002347). Dazu haben sie die Daten von drei landesweiten Datenbanken durchkämmt. Sie stießen auf die Fälle von 16.458 Fußgängern, die zwischen 2005 und 2011 in Verkehrsunfälle mit Verletzungsfolge – Tod eingeschlossen – verwickelt gewesen waren.

Phasen der Medikamenteneinnahme wurden hinsichtlich des Unfallrisikos mit Phasen ohne Medikation verglichen, wobei die Probanden nach ausreichenden Auswaschzeiten von bis zu vier Monaten im Cross-over-Design als ihre eigenen Vergleichspersonen fungierten. Insgesamt gab es 48 Medikamentenklassen, die mit erhöhter Unfallgefahr assoziiert waren.

Die zehn am häufigsten beteiligten ATC-Klassen waren (Anteil in Prozent/Risikoerhöhung in Prozent):

  • N05BA, Benzodiazepin-Derivate (12 Prozent/12 Prozent)
  • N05CF, Benzodiazepin-verwandte Substanzen (6 Prozent/17 Prozent)
  • R05DA, Opiumalkaloide und Derivate (5 Prozent/44 Prozent)
  • N02BG, andere Analgetika und Antipyretika (5 Prozent/31 Prozent)
  • N02AX, andere Opioide (5 Prozent/16 Prozent)
  • R06AX, andere systemische Antihistaminika (5 Prozent/20 Prozent)
  • C09AA, ACE-Hemmer (4 Prozent/26 Prozent)
  • M01AB, Essigsäurederivate und verwandte Substanzen (4 Prozent/30 Prozent)
  • N06AX, andere Antidepressiva (3 Prozent/28 Prozent)
  • R06AD, Phenothiazin-Derivate (3 Prozent/38 Prozent)

Indikationsbedingte Verzerrung?

In Studien wie der vorliegenden erhebt sich die Frage, ob die Assoziationen auf die eingenommenen Mittel zurückgehen oder eher auf die Erkrankungen, derentwegen sie eingenommen werden. Auf diese Weise könnte eine systematische indikationsbedingte Verzerrung entstehen.

Née und ihre Kollegen weisen aber darauf hin, dass die Probanden als eigene Kontrollen dienten und während der Auswaschzeit von vier Monaten keine grundlegenden Änderungen zumindest bei chronischen Krankheiten zu erwarten sind.

Die höchsten Risikosteigerungen waren bei GnRH-Analoga (198 Prozent), Kombinationen von Antidiabetika (189 Prozent), Antidementiva (168 Prozent) und Lithium (168 Prozent) festzustellen. Allerdings waren sie nicht so häufig an Unfällen beteiligt wie die oben genannten Substanzen.

Bewusstsein schaffen

"Arzneimittelklassen, deren Einfluss auf das Führen von Fahrzeugen bereits bekannt ist – wie Benzodiazepine und Antihistaminika –, sind auch mit einem höheren Risiko für Fußgänger verbunden, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden", schreiben Née und Mitarbeiter in ihrer Studie zusammenfassend.

Dies verdeutliche, wie nötig es sei, das Bewusstsein für die Wirkungen dieser Medikamente auf diese Kategorie von Verkehrsteilnehmern zu steigern.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Liste der Berufskrankheiten erweitert

Parkinson-Syndrom durch Pestizid-Einsatz gilt nun als Berufskrankheit

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Abb. 1: Verlauf des Rett-Syndroms

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Pflichten, Abrechnung und Angehörigenwünsche

Worauf es bei der ärztlichen Leichenschau ankommt

Lesetipps
Die Hepatitis-B-Impfung hat in einem Impfausweis ein Kreuz.

© Daniel Naupold/dpa

Besonderes Augenmerk auf HBV

HIV und Impfungen: Was beachten, was testen?

Eine Frau fasst sich mit den Händen an den Kopf.

© Graphicroyalty / stock.adobe.com

Mentale Gesundheit gestärkt

Mit einem Fünf-Tages-Programm gegen chronischen Kopfschmerz