Im Vergleich zu Männern

Frauen-Herzen schmerzen anders

Herzinfarkte gehen europaweit zurück. Die einzige Gruppe, die steigende Infarktzahlen aufweist, sind jüngere Frauen. Eine Studie in Berlin soll nun zeigen, woran das liegt.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Frau beim Belastungs-EKG. Frauen unterschätzen ihre kardiovaskulären Risiken.

Frau beim Belastungs-EKG. Frauen unterschätzen ihre kardiovaskulären Risiken.

© Monkey Business Images / thinkstock

BERLIN. Männer und Frauen nehmen Herzinfarkte unterschiedlich wahr. Frauen kommen später in die Notaufnahme. Dort wiederum dauert es länger, bis die Akutversorgung beginnt.

Weil die Dosierungsempfehlungen für Gerinnungshemmer auf Männer abgestimmt sind, erhalten Frauen oft zu viel davon. Blutungskomplikationen beim Einsetzen der Katheter sind deshalb häufiger bei Frauen als bei Männern.

Deutschlands einzige Direktorin eines Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM, Charité), Professor Vera Regitz-Zagrosek, kann sich vorstellen, warum die aufnehmenden Ärzte in Kliniken bei Frauen mit Herzinfarkt zunächst auf die falsche Spur geraten können.

"Frauen zeichnen Beschwerden anders als Männer"

Frauen schilderten in der Regel acht bis zehn Symptome, Männer oft nur ein bis zwei, berichtete Regitz-Zagrosek beim jährlichen Symposium zur Gendermedizin in Berlin.

Noch schienen Ärzte von der Ausbildung her auf das typisch männliche Verhalten und Infarktbild geprägt zu sein. "Ärzte müssen wissen, dass Frauen ein anderes Bild von ihren Beschwerden zeichnen als Männer."

Während Männer lediglich auf die Brustschmerzen und deren Ausstrahlen in den linken Arm abhöben, seien bei Frauen zum Brustschmerz auch Rücken- und Kieferschmerzen häufiger. Schweißausbrüche, Übelkeit und extreme Müdigkeit würden von den Ärzten oft nicht als Infarktsymptome wahrgenommen.

Dass die kardiovaskulären Risiken für Frauen höher einzuschätzen sind als ihr Krebsrisiko, ist unter Frauen weitgehend unbekannt. Gründe für den Anstieg der Infarktzahlen bei jüngeren Frauen seien Übergewicht und Rauchen.

"Wir müssen diese Frauen unbedingt erreichen, sonst rollt das Gesundheitswesen auf eine Katastrophe zu", sagte Regitz-Zagrosek und zeichnete ein düsteres Bild.

Experten bemängeln: Zu wenige Frauen in klinischen Studien

Ein Ansatz ist eine Studie, die kürzlich in Berlin angelaufen ist. Die Berliner Frauen Risikoevaluation (Befri) fragt nach den Einschätzungen von 1000 Frauen zu ihrem Herzinfarktrisiko.

Gleichzeitig sollen die tatsächlichen kardiovaskulären Risikoprofile gemessen werden, also Blutdruck, Blutzucker, Gefäßsteifigkeit, Gewicht und weitere Laborparameter. Abgefragt werden soll auch die Bereitschaft zur Prävention.

In klinischen Studien seien Frauen nach wie vor unterrepräsentiert, klagen Fachleute. Der praktische Aussagewert und die Durchschlagskraft der aktuellen Forschung zur geschlechterdifferenzierten Arzneimitteltherapie seien daher gering, sagt die Pharmakologin Professor Karen Nieber von der Universität Leipzig.

Im Juni diesen Jahres hatte der Arzneimittelreport der Barmer GEK Alarm geschlagen, weil Frauen dreimal mehr Psychopharmaka verordnet bekämen als Männer, obwohl Frauen und Männer von psychischen Störungen in etwa gleich betroffen seien.

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