Welt-Aids-Tag

HIV-Neuinfektionen: Leichter Anstieg, noch zu oft übersehen

Die Zahl der Neuinfektionen mit HIV in Deutschland hat 2019 leicht zugenommen im Vergleich zum Vorjahr. Das liegt vor allem an Heterosexuellen und Drogengebrauchern. Infektionen bei den MSM blieben dagegen stabil.

Von Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
HIV in Deutschland: Gerade bei Heterosexuellen werden HIV-Symptome noch zu oft übersehen.

HIV in Deutschland: Gerade bei Heterosexuellen werden HIV-Symptome noch zu oft übersehen.

© 1STunningART / stock.adobe.com

Neu-Isenburg. Im Jahr 2019 haben sich 2600 Menschen in Deutschland neu mit dem HI-Virus infiziert. Das sind 100 Infektionen mehr als noch 2018, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI). Vor einem Jahr war das Institut noch davon ausgegangen, dass sich zwischen 2017 und 2018 weniger Menschen mit dem Virus angesteckt hätten – für 2017 berichtete das RKI von 2500 Neuinfektionen, im letzten Jahr ging man von 2400 Neuinfektionen für das Jahr 2018 aus.

Inzwischen hat das RKI seine Schätzung für das Jahr 2018 auf 2500 Neuinfektionen korrigiert, wie eine Pressesprecherin des Instituts der „Ärzte Zeitung“ bestätigte. Aus dem leicht sinkenden Trend ist also eine Stagnation geworden, mehr noch: Im Jahr 2019 haben sich mehr Menschen in Deutschland infiziert als im Vorjahr, der Trend zeigt also wieder leicht nach oben (Epid Bull 2020; 48).

MSM sind nicht der Ursprung

Woran liegt das? Die Zusammenhänge im Infektionsgeschehen von HIV in Deutschland sind komplex, es ist aber ersichtlich, dass der Zuwachs der Neuinfektionen nicht aus der Hochrisikogruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), stammt, sondern von Heterosexuellen und Drogengebrauchern herrührt.

Unter den MSM ist die Zahl der Neuinfektionen im Vergleich zu 2018 mit 1600 etwa konstant geblieben. Dagegen haben sich geschätzte 650 Personen auf heterosexuellem Wege infiziert, das entspricht einem Zuwachs von 120 Infektionen im Vergleich zu 2018 (siehe nachfolgende Grafik). Dazu kommen 360 Infektionen unter Drogengebrauchern (ein Plus von 50 Neuinfektionen). Auf beiden Transmissionswegen nehmen die Neuinfektionen auf niedrigem Niveau seit 2012 zu, schreibt das RKI.

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Außerdem gestiegen ist die Dunkelziffer. Das RKI hat errechnet, dass von den aktuell 90.700 Menschen, die in Deutschland mit HIV leben, 10.800 nichts von ihrer Infektion wissen. Ohne Diagnose kann sich bei diesen HIV-Positiven die Infektion weiter in Richtung des Vollbilds Aids ausweiten, außerdem infizieren diese Patienten potenziell weitere Menschen unbeabsichtigt.

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UNAIDS-Ziele verfehlt

Bis 2020 hatte sich Deutschland eigentlich vorgenommen, die internationalen Ziele des Aids-Programmes der Vereinten Nationen (UNAIDS) zu erfüllen. Diese lauten kurz gesagt „90-90-90“. Gemeint ist damit, dass 90 Prozent der HIV-Infizierten des jeweiligen Landes ihre Diagnose kennen sollen, wiederum 90 Prozent der diagnostizierten HIV-Positiven sollen eine Therapie erhalten und wiederum 90 Prozent der Infizierten mit Therapie sollen erfolgreich therapiert sein, sodass ihre Viruslast unter der Nachweisgrenze von 50 Viruskopien pro ml Blut ist.

Zwar steht es um die letzten beiden Werte (Anteil der diagnostizierten Infizierten mit Therapie, Anteil der erfolgreichen Therapien) gut in Deutschland, doch ist das Ziel mit „88-96-96“ für das Jahr 2020 verfehlt: Etwa 88 Prozent der HIV-Infizierten in Deutschland haben eine Diagnose, eine HIV-Infektion wird in Deutschland also schlicht zu oft übersehen. Gerade bei Älteren und Heterosexuellen werden Warnsymptome leichter übersehen, die Sexualanamnese wird oft nicht erhoben.

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Dass ein Lebensstil mit hohem Infektionsrisiko im Arzt-Patienten-Gespräch oft nur ungern angesprochen wird, liegt auch daran, dass viele Infizierte noch immer auch im Gesundheitswesen Diskriminierung erleben. So berichten in einer Umfrage der Deutschen Aidshilfe (DAH) mit 935 HIV-Infizierten zum Beispiel 56 Prozent von mindestens einer diskriminierenden Erfahrung im Gesundheitswesen im letzten Jahr – etwa die Verweigerung einer Gesundheitsleistung, die für dritte offensichtliche Markierung der Patientenakte oder Verstöße gegen die Schweigepflicht.

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Wie es besser geht, zeigt eine Broschüre der DAH und der Bundesärztekammer: Auf 48 Seiten gibt es Hinweise zum Diskriminierungs-freien Umgang mit HIV-Positiven in der Praxis, zu Beratung und Aufklärung zur HIV-Prophylaxe, Testung und dem Umgang mit einem positiven Testergebnis.

Darauf können Sie achten:

  • Routinemäßiges Ansprechen des Sexuallebens im Arzt-Patienten-Gespräch.
  • Zeichen einer frischen Infektion erkennen: Lymphknotenschwellungen, Fieber und Nachtschweiß unklarer Genese, eventuell in Verbindung mit Myalgien, Arthralgien und Pharyngitis oder stammbetonter makulopapulöser Hautausschlag.
  • Indikatorerkrankungen: STI inklusive Hepatitis A, B und C, seborrhoische Dermatitis (besonders im Gesicht), Herpes zoster, atypische Psoriasis, orale Candidiasis, orale Haarleukoplakie oder chronische Parotitis.

Die Broschüre ist erhältlich unter www.baek.de oder www.aidshilfe.de

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