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Interferon alpha 2a erhält Patienten mit Morbus Behcet die Sehkraft

TÜBINGEN (ars). Für den Morbus Behcet, eine rheumatische Erkrankung, die vor allem Haut, Augen und Gelenke befällt, gibt es eine neue Therapie. Wissenschaftler der Uni Tübingen haben nachgewiesen, daß bei 90 Prozent der Patienten Interferon alpha 2a hilft: Die Sehkraft bleibt erhalten, und auch die anderen Symptome verschwinden.

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Für ihre Arbeit über die Wirksamkeit dieser Behandlung hat Privatdozentin Ina Kötter von der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen den mit 3000 Euro dotierten Clinical Uveitis Research Award 2004 erhalten.

Wie sie der "Ärzte Zeitung" berichtet hat, geht die Entdeckung auf einen Zufall zurück: Ein Patient mit Morbus Behcet, der wegen massiver Augenentzündungen drei verschiedene Immunsuppressiva brauchte, war nach einem Jahr so in seiner Abwehr geschwächt, daß er sich mit HHV-8 ansteckte und am Kaposi-Sarkom erkrankte. Als daraufhin die Medikamente abgesetzt wurden, verschlimmerte sich der Morbus Behcet.

Da Kötter und ihre Kollegen Fallberichte über eine Interferon(IFN)-Therapie bei dieser Krankheit kannten und dies außerdem die Standardtherapie beim Kaposi-Sarkom darstellt, verordneten sie dem Patienten das Zytokin in hohen Dosen.

Gefäßverschlüsse im Auge öffneten sich wieder

"Überraschend schnell verschwanden die Behcet-Symptome - wie bis dahin mit keiner anderen Substanz", so Kötter. Gefäßverschlüsse im Auge öffneten sich wieder, der Patient erlangte seine Sehkraft zurück. Seit über zehn Jahren befindet er sich in Remission, seit fünf Jahren braucht er keine Medikamente mehr.

Mittlerweile liegen Erfahrungen mit über 50 Patienten vor, die noch fünf Jahre lang medizinisch beobachtet wurden. Eindeutiges Ergebnis der Studie: Bei 90 Prozent gingen die Symptome dauerhaft zurück, wobei die Besserung der Sehkraft besonders eklatant war. Bei zwei Drittel der Patienten ließ sich das IFN nach einiger Zeit absetzen, ohne daß wieder Schübe auftraten - bei manchen bereits nach sechs Monaten, bei anderen nach drei bis vier Jahren.

"Welche Therapiedauer notwendig ist, muß man einfach ausprobieren", sagte Kötter. Im Vergleich dazu müssen die bisher angewandten Immunsuppressiva wie Ciclosporin und Azathioprin ständig verabreicht werden, da sonst die Symptome entsprechend dem Reboundeffekt schlimmer als vorher zurückkehren. Ähnliches gilt auch für die Tumornekrosefaktor(TNF)-Antagonisten, zu denen obendrein noch Langzeitdaten fehlen.

Die Therapie gleicht vermutlich immunologischen Defekt aus

Warum und wie IFN wirkt, ist bisher noch ein Rätsel. Üblicherweise - zum Beispiel bei Hepatitis - dient IFN als Virustatikum, weil es die Virusreplikation hemmt. Entweder wirkt es auch bei Behcet-Patienten auf diese Weise, oder es gleicht einen immunologischen Defekt aus. Das kann indirekt durch Modulation anderer Zytokine geschehen oder direkt durch Substitution von fehlerhaftem oder nicht ausreichendem IFN - wie umgekehrt beim Lupus erythematodes die dendritischen Zellen zuviel IFN ausschütten.

Dies aufzuklären, ist der eine Schwerpunkt von Kötters Arbeit, der andere ein Vergleich von IFN mit Ciclosporin in einer randomisierten Studie, mit dem Ziel, daß IFN für die Indikation Morbus Behcet zugelassen wird. Wie Kötter berichtete, haben sich in Deutschland nur zwei Zentren auf die Behandlung dieser Krankheit spezialisiert, so daß sich von weither Patienten dorthin wenden: Berlin und eben Tübingen.



Die Behcet-Erkrankung

1937 beschrieb der Istanbuler Dermatologe Hulushi Behcet (sprich: Bech-dschet) eine Kombination von Symptomen, die er als eigenständiges Krankheitsbild erkannt hatte: Effloreszenzen der Haut wie beim Erythema nodosum, außerdem Pusteln, die an Akne erinnern. Zweierlei daran ist ungewöhnlich: Sie entstehen auch an Armen und Beinen, und die Patienten sind jenseits der Pubertät, meist zwischen 20 und 40 Jahre alt.

Weitere typische Symptome sind Aphthen im Mund sowie Gelenkschmerzen, vorwiegend in den Beinen. Etwa zwei bis drei Jahre nach diesen Manifestationen geht bei 70 Prozent der Patienten die Sehkraft verloren. Bei einer Spiegelung des Augenhintergrunds erkennt man Gefäßverschlüsse, entzündliche Infiltrate und Einblutungen, gerade an der Stelle schärfsten Sehens. Die Behcet-Krankheit wird zum rheumatischen Formenkreis gerechnet.

Ursache ist eine Vaskulitis, die auf Arterien und Venen übergreift. Lebensgefährliche Ausmaße annehmen kann sie durch die Entzündung großer Gefäße in Lunge oder Gehirn, mit der Folge, daß sich Aneurysmen und Thrombosen bilden. So erleiden zehn Prozent der oft noch jungen Patienten einen Schlaganfall. Die Ursache der Erkrankung ist unbekannt. (ars)

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