Allergien

Keine Anorexie, sondern Histamin-Intoleranz

Nicht eine Anorexia nervosa, sondern eine Histamin-Intoleranz war bei einer jungen Frau die Ursache von starkem Gewichtsverlust und gastrointestinalen Beschwerden.

Von Dr. Thomas MeißnerDr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Patientin mit einem BMI von 15,2 vor (links) und nach sechs Monaten histaminarmer Diät.

Patientin mit einem BMI von 15,2 vor (links) und nach sechs Monaten histaminarmer Diät.

© Dr. I. Stolze, Würzburg

WÜRZBURG. Bei Patienten mit Verdacht auf Anorexia nervosa sollte auch die Möglichkeit einer Histamin-Intoleranz erwogen werden. Diese besteht oft unerkannt, den betroffenen Patienten ist aber vergleichsweise leicht zu helfen.

Eine 20-jährige Frau mit einem Body Mass Index von 15,2 kg/m2 berichtete über einen Gewichtsverlust von 10 kg über vier Jahre, ohne dass sie jedoch ihre Ernährungsgewohnheiten geändert, vermehrt Sport getrieben oder gar gewichtsreduzierende Medikamente eingenommen habe, berichten Dr. Ina Stolze von der Universitätshautklinik in Würzburg und ihre Kollegen (Hautarzt 2010, 61: 776).

Organische Ursachen der Gewichtsabnahme waren bei der umfangreichen gastrointestinalen Diagnostik nicht gefunden worden. Psychiater hatten eine atypische Anorexia nervosa diagnostiziert. Die insgesamt fünfmonatige multiprofessionelle Einzel- und Gruppentherapie war erfolglos geblieben.

Auffällig waren einige anamnestische Angaben der jungen Frau: drei- bis viermal täglich breiige Stühle, Völlegefühl und oft krampfartige Bauchschmerzen eine halbe bis eine Stunde nach Mahlzeiten.

Wenn sie Rotwein oder Sekt getrunken hatte, traten Hitzewallungen, starke Gesichtsrötung, Übelkeit und Durchfall auf. Histaminreiche Nahrungsmittel wie Tomaten, lange gereifter Käse, geräucherter Schinken und Salami lösten die Magen-Darm-Beschwerden aus.

Außerdem bestanden oft Kopfschmerzen, gelegentlich Migräne. Die Patientin war stark infektanfällig. Es bestanden diverse Typ-I-Allergien und ein Asthma bronchiale.

Die laborchemischen Routineparameter waren unauffällig, jedoch war die N-Methylhistaminausscheiung im 24-Stunden-Urin deutlich erhöht.

Nach einer fünftägigen histaminarmen Diät hatte die Patientin erstmals seit Jahren wieder einen festen Stuhlgang in normaler Frequenz. Sie fühlte sich deutlich besser, und die gastrointestinalen Beschwerden waren verschwunden.

Obwohl vor der stationären Aufnahme sämtliche Antihistaminika und die antiasthmatische Medikation abgesetzt worden waren, trat kein Asthma bronchiale mehr auf, abgesehen von einem allergologischen Provokationstest mit Thymian.

Unter einer histaminarmen Diät sowie der Begleitmedikation mit Vitamin C, Vitamin B6 und Fexofenadin war die Patientin weiterhin beschwerdefrei und erreichte innerhalb von 16 Monaten fast Normalgewicht. Bei Diätfehlern nimmt sie Antihistaminika ein, um die Beschwerden zu lindern.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung seien von einer Histamin-Intoleranz betroffen, so Stolze und ihre Kollegen. Je nach individueller Toleranzschwelle kann die Symptomatik bei den betroffenen Patienten sehr stark variieren. Meist handele es sich um Frauen mittleren Alters.

Es besteht ein Ungleichgewicht zwischen anfallendem Histamin und Histaminabbau. Entscheidend für den Abbau mit der Nahrung zugeführten Histamins ist die Diaminoxidase (DAO).

Deren Aktivität kann durch Alkohol, Medikamente wie Acetylsalicylsäure, Metoclopramid, Clavulansäure und Prilocain reduziert werden. Menschen mit atopischem Ekzem oder mit Nahrungsmittelallergien weisen gehäuft erniedrigte DAO-Serumaktivitäten auf. Vitamin B6 und C sind Kofaktoren des Enzyms, weshalb eine entsprechende Begleitmedikation versucht werden kann.

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