Kommentar zu Anticholinergika

Kognition im Auge behalten

Für Neurologen mit älteren Patienten heißt es bei der Verordnung von Anticholinergika, den kognitiven Status zu bedenken.

Von Markus Weih Veröffentlicht: 14.01.2020, 18:25 Uhr

Bisherige Studien zu dieser Thematik waren relativ klein und mit den üblichen Fehlerquellen und Verzerrungen retrospektiver Studien behaftet. Vor allem war bislang unklar, ob es sich nur um die inhärenten Nebenwirkungen handelt, die nach Absetzen rasch abklingen sollten, oder ob wirklich die Grunderkrankung Demenz ungünstig beeinflusst wird. Durch die großen Zahlen in dieser Studie konnten die Medikamente differenzierter betrachtet werden. Die negativen Effekte von Antipsychotika und Trizyklika sind gut bekannt. Sie sollten bei älteren, kognitiv eingeschränkten Patienten sehr vorsichtig, besser gar nicht verordnet werden. Auch bestimmte Blasenmedikamente (Oxybutynin, Solifenacin, Tolterodin, Trospium) wurden als Risikofaktoren identifiziert, ebenso ältere Antiparkinsonmittel wie Biperiden oder Trihexyphenidyl. Bei den Antiepileptika bleibt unklar, welche gemeint sind; es ist ja durchaus ein Unterschied, ob Diazepam oder Carbamazepin / Oxcarbazepin verschrieben wird.

Ansonsten bestätigen sich in etwa die aus anderen Studien bekannten Effektstärken mit Risikosteigerungen für Demenz um etwa 50 Prozent, was kausal gesehen ein kleinerer Effekt ist, sich aber wegen der Häufigkeit der verordneten Medikamente durchaus addiert. Es kann davon ausgegangen werden, dass 10 Prozent der Demenzen durch Optimierung oder Absetzen der Medikation vermeidbar wären. Bessere Zahlen lassen sich für gängigere vermeidbare Risikofaktoren wie Hypertonus, Diabetes, Nikotin und körperliche Inaktivität auch nicht zeigen. Was die Autoren allerdings durch ihr Studiendesign nicht erklären können, ist die Assoziation mit der vaskulären Demenz, wobei unklar bleibt, wie valide die Kriterien in den Hausarztpraxen erhoben wurden und wie stringent eine Kontrolle mit Bildgebung erfolgte.

Für den Neurologen / Psychiater bedeutet dies, dass er den kognitiven Status von älteren Patienten, denen er anticholinerge Psychopharmaka verordnet, im Auge behalten muss.

Professor Markus Weih ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenärztliche Gemeinschaftspraxis | Nürnberg

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