Darmspiegelung

Krebs in der Familie? Dann lohnt das Screening!

Wird bei familiär erhöhtem Darmkrebsrisiko regelmäßig koloskopiert, ist das Erkrankungsrisiko wohl sogar geringer als in der Allgemeinbevölkerung ohne Screening.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Ist ein Verwandter ersten Grades an Darmkrebs erkrankt, lässt sich mit einem regelmäßigen Screening das eigene Krebsrisiko verringern.

Ist ein Verwandter ersten Grades an Darmkrebs erkrankt, lässt sich mit einem regelmäßigen Screening das eigene Krebsrisiko verringern.

© Hannes Magerstaedt / Felix Burda Stiftung

HEIDELBERG. Wenn es in der Familie Darmkrebsfälle gibt, ist bekanntlich das Risiko erhöht, selbst daran zu erkranken. Wie stark sich die familiäre Belastung jedoch auf das Krebsrisiko auswirkt, lässt sich nur schwer abschätzen.

Denn ist jemand im engeren Familienkreis erkrankt, haben Angehörige vermutlich ein gesteigertes Interesse an einer regelmäßigen Darmkrebsvorsorge. Dies wiederum könnte die Darmkrebsrate senken.

Genau das vermuten Epidemiologen um Korbinian Weigl vom DKFZ in Heidelberg aufgrund einer populationsbezogenen Fall-Kontroll-Studie (Int J Cancer 2016, online 26. Juli). Danach ist das Darmkrebsrisiko um etwa 70 Prozent erhöht, wenn ein Familienangehöriger ersten Grades betroffen ist, bei regelmäßigen Screening liegt das Risiko jedoch nur halb so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung ohne Koloskopie.

Daten von mehr als 4300 Patienten

Das Team um Weigl hatte sich für eine Fall-Kontroll-Studie entschieden, weil damit im Vergleich zu Registerstudien mehr relevante Begleitfaktoren erfasst und berücksichtigt werden können. So würden vor allem vorangegangene Koloskopien in Krebsregistern oft nicht vermerkt, berichten die Forscher. Sie bezogen sich auf Daten der Untersuchung DACHS (Darmkrebs: Chancen der Verhütung durch Screening).

An dieser noch laufenden Fall-Kontroll-Studie beteiligen sich Darmkrebspatienten aus dem Rhein-Neckar-Raum. Sie werden einer ausführlichen einstündigen Befragung unterzogen. Angaben zu mehr als 4300 Patienten sowie 3100 Kontrollpersonen aus der Bevölkerung liegen vor. Letztere wurden einer ähnlichen Befragung unterzogen, zudem achteten die Studienleiter auf ein ähnliches Alter und Geschlecht.

Weitere Risikofaktoren: Rauchen, Fleisch und Alkohol

Im Schnitt waren 60 Prozent der Teilnehmer Männer, das mediane Alter lag bei 69 Jahren. Von den Darmkrebspatienten berichteten knapp 22 Prozent über einen betroffenen Familienangehörigen ersten oder zweiten Grades, 17 Prozent waren es bei den Kontrollpersonen. Wurden nur Alter und Geschlecht berücksichtigt, ließ sich daraus ein 36 Prozent erhöhtes Erkrankungsrisiko berechnen.

Bei einem betroffenen Familienangehörigen ersten Grades ist das Risiko nach diesen Daten um 41 Prozent und bei einem Familienangehörigen zweiten Grades um 30 Prozent erhöht.

Werden weitere Faktoren wie Rauchen, BMI, Fleisch-, Alkohol- oder NSAR-Konsum hinzugenommen, ergibt sich jeweils ein um 47 Prozent (Verwandte ersten Grades) und um 43 Prozent (Verwandte zweiten Grades) gesteigertes Erkrankungsrisiko.

Viele Verwandte nehmen an Koloskopie teil

Familienangehörige von Betroffenen ersten Grades hatten deutlich öfter an Koloskopien teilgenommen (67 Prozent) als solche von Erkrankten zweiten Grades (56 Prozent) oder Personen ohne erkrankte Angehörige (54 Prozent).

Wurde auch dies in die Gleichung aufgenommen, dann ergibt sich bei Verwandten ersten Grades ein 73 Prozent erhöhtes Darmkrebsrisiko, bei Verwandten zweiten Grades ist es noch 47 Prozent höher als in der koloskopierten Vergleichsbevölkerung.

Im Umkehrschluss folgt daraus, dass die etwas häufigere Koloskopie bei Verwandten von Darmkrebskranken das erblich bedingte Risiko deutlich zu senken scheint.

Angaben wurden retrospektiv erhoben

Noch klarer wird das Bild, wenn als Vergleich Personen ohne Koloskopieerfahrung und ohne familiäre Belastung dienen. Eine Koloskopie senkt das Darmkrebsrisiko gegenüber dieser Gruppe nach den Berechnungen der Forscher um 75 Prozent, wenn keine familiäre Belastung vorliegt, um 64 Prozent wenn ein Verwandter zweiten Grades betroffen ist und immerhin noch um 55 Prozent bei einem betroffenen Angehörigen ersten Grades.

Also selbst wenn ein naher Verwandter erkrankt ist, lässt sich das Darmkrebsrisiko im Vergleich zur nicht koloskopierten Bevölkerung durch die Maßnahme mehr als halbieren. "Diese Resultate unterstützen die Empfehlungen für ein intensiveres Screening bei Personen mit Betroffenen ersten Grades", so die Forscher.

Wie bei allen Fall-Kontroll-Studien muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Angaben retrospektiv erhoben wurden. Ob die Patientenangaben, auf denen die Berechnungen beruhen, stimmen, ist schwer zu sagen.

Mehr zum Thema

Felix Burda-Stiftung

20 Jahre Engagement gegen Darmkrebs

Analyse von drei Kohortenstudien

Schwefelbakterien mit Darmkrebs assoziiert

Studie aus Dänemark

Akuter Harnverhalt kann okkulte Karzinome anzeigen

Das könnte Sie auch interessieren
Kasuistik: Das deutliche Ansprechen in der Zweitlinie

© Prof. Dr. Jörg Trojan | Peter Holger Fotografie | Lilly Deutschland GmbH

Patientenfall

Kasuistik: Das deutliche Ansprechen in der Zweitlinie

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Zwischen Trend & Kausalität: Kaffee & Überleben

© Rawpixel | iStock.com

Kolorektales Karzinom

Zwischen Trend & Kausalität: Kaffee & Überleben

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Kasuistik: 68-Jährige Patientin mit inoperablen Lebermetastasen

© Fizkes | iStock.com

Patientenfall

Kasuistik: 68-Jährige Patientin mit inoperablen Lebermetastasen

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Management tumorassoziierter VTE

© Leo Pharma GmbH

CME-Fortbildung

Management tumorassoziierter VTE

Anzeige | Leo Pharma GmbH
CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

© Leo Pharma GmbH

Empfehlungen

CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

Anzeige | Leo Pharma GmbH
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Corona-Impfung in einer kommunal organisierten Impfstelle im thüringischen Jena. Die Ärztekammer in Thüringen dringt auf eine generelle Impfpflicht, auch die BÄK hält dies angesichts der aktuellen Lage für geboten.

© Martin Schutt / dpa

BÄK-Brief an Merkel und Scholz

Ärzte drängen auf allgemeine Corona-Impfpflicht

Auch in Deutschland sollen bald Corona-Impfungen der 5- bis 11-Jährigen möglich sein.

© SvenSimon / Frank Hoermann / picture alliance

Corona-Impfungen bei Unter-12-Jährigen

BVKJ-Chef Fischbach: „Kinder sollen jetzt den Blutzoll zahlen“

Sollen Apotheker gegen COVID-19 mitimpfen dürfen?

© Michaela Illian (li) | Sven Bratulic (re)

Pro & Contra

Sollen Apotheker gegen COVID-19 mitimpfen dürfen?