Direkt zum Inhaltsbereich

Lipidparadox - Schützen Lipide Rheumatiker?

Die einfache Formel "hohe Blutfette - hohes kardiovaskuläres Risiko" gilt offenbar nicht für Patienten mit Rheumatoider Arthritis (RA). Eine aktuelle Studie lässt sogar das Gegenteil vermuten.

Von Simone Reisdorf Veröffentlicht:
Bei Rheuma scheinen hohe Entzündungsmarker und niedrige LDL-Werte schlecht zu sein.

Bei Rheuma scheinen hohe Entzündungsmarker und niedrige LDL-Werte schlecht zu sein.

© wildworx / fotolia.com

ROCHESTER. In der soeben veröffentlichten retrospektiven Kohortenstudie hatten RA-Patienten mit niedrigem, jedoch nicht mit erhöhtem Gesamt- und LDL-Cholesterin ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse.

Es wurden Daten von 651 Patienten der Mayo Clinic und weiterer Institute in und um Rochester im US-Bundesstatt Minnesota ausgewertet. Bei den Patienten war zwischen Januar 1988 und Januar 2008 eine Rheumatoide Arthritis neu diagnostiziert worden (Ann Rheum Dis 2011; 70: 482-487).

Sie waren bei der Diagnose im Mittel 56 Jahre alt, wurden acht Jahre lang nachbeobachtet und es wurden Entzündungs- und Lipidwerte sowie kardiovaskuläre Ereignisse erfasst.

Das überraschende Ergebnis: Bei RA-Patienten mit einem Gesamtcholesterinwert unter 4 mmol/l (155 mg/dl) oder einem LDL-Cholesterinwert unter 2 mmol/l (77 mg/dl) stieg das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse sprunghaft an. So niedrige Blutfette hatten immerhin vier bis fünf Prozent der Patienten zu irgendeinem Studienzeitpunkt.

Ein weiteres Absinken um 1 mmol/l erhöhte bei diesen Patienten die Wahrscheinlichkeit von Angina pectoris, Hospitalisierung wegen eines Myokardinfarkts, Revaskularisierung oder Herzinsuffizienz um das 2,6- bis 3,3-Fache. Lediglich die Assoziation zwischen Triglyzeriden und kardiovaskulären Ereignissen blieb im Rahmen der Erwartungen.

Eine BSG über 30 mm/h - Zeichen aktiver Entzündung - war zwar mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden, dies galt aber erstaunlicherweise umso mehr, wenn die Patienten ein niedriges LDL-Cholesterin hatten.

Dieses als "Lipidparadox" bezeichnete Phänomen wurde hier erstmals mit Bezug zur Entzündungsaktivität in einer großen Längsschnittstudie für RA-Patienten gezeigt.

Ähnliche Beobachtungen gab es aber schon bei Menschen mit ischämischer Herzkrankheit, Herz- oder Niereninsuffizienz oder Krebs. Und auch Blutdruck und Body Mass Index haben in manchen Patientenkohorten unerwartete Auswirkungen im Sinne einer "reversen Epidemiologie".

Die Autoren der Studie fassen zusammen: "Unsere Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der systemischen Inflammation in der Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen bei RA-Patienten. Die Mechanismen, wie Entzündungen den Zusammenhang zwischen Cholesterin und kardiovaskulärem Outcome durcheinanderbringen, sind noch ungeklärt."

Denkbar seien etwa protektive Effekte der Lipide durch Modulation von Autoimmun- und Entzündungsmarkern.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kardiovaskuläres Risiko bei Rheumatoider Arthritis

PREVENT-Score unterschätzt Gefahr für Herz und Gefäße bei Rheuma

Das könnte Sie auch interessieren
50 Jahre Jung-Preis

© Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung

50 Jahre Jung-Preis

Freiheit als Voraussetzung für medizinischen Fortschritt

Anzeige | Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Abb. 1: Veränderung gegenüber dem Ausgangswert im WOMAC-Gesamtscore (a) und im VAS-Schmerz (b) nach zwei Monaten und im weiteren Verlauf

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Osteoarthrose

Aktuelle Evidenz zur Wirksamkeit der intraartikulären Hyaluronsäure

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Recordati Pharma GmbH, Ulm
Porträt: xxx

© Porträt: Alexander Sahi

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Testosteronmangel: Worauf es in der Hausarztpraxis ankommt

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Besins Healthcare Germany GmbH, Berlin
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Schmerzen im Unterleib: HWI werden künftig nach Krankheitszeichen klassifiziert.

© Science Photo Library

Neuklassifikation

Unkomplizierte und komplizierte Harnwegsinfektion? Das war einmal!

Jemand richtet eine Lupe auf die Abbildung eines menschlichen Herzes.

© valiantsin suprunovich / Getty Images

Erkrankung des Herzmuskels

Magnetokardiographie zur Kardiomyopathie-Diagnostik?