Muckis und Grips

Machen Anabolika dumm?

Wer sehr viele Muskeln hat, ist nicht immer der Hellste. Vielleicht liegt das am hohen Anabolika-Konsum.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Muskeltraining: Anabole Freizeitdoper haben mehr kognitive Probleme als Bodybuilder und Fitnessfans ohne steroidale Unterstützung.

Muskeltraining: Anabole Freizeitdoper haben mehr kognitive Probleme als Bodybuilder und Fitnessfans ohne steroidale Unterstützung.

© MAXFX / Fotolia.com

NEWCASTLE UPON TYNE. Irgendetwas scheint an jedem Klischee dran zu sein.

Dass aber ausgerechnet bei den Zeitgenossen, die im Fitnessstudio ihren Bizeps aufblähen, die geistigen Fähigkeiten umgekehrt proportional zur Muskelmasse vermutet werden, ist eigentlich nicht fair.

Immerhin legt die Forschung nahe, dass körperliche Aktivität im Allgemeinen und Krafttraining im Besonderen auch die grauen Zellen zu Höchstleistungen anspornen.

Forscher der Universität in Newcastle upon Tyne haben nun aber eine mögliche Erklärung gefunden für den Widerspruch zwischen der allgemein wahrgenommenen geistigen "Unterbelichtung" einerseits und der erwarteten positiven Wirkung von viel Kraftsport auf die Intelligenz andererseits.

Möglicherweise macht der hohe Anabolikakonsum der Freizeitdoper die positiven Effekte des Sports aufs Hirn wieder zunichte.

Schlechtere Gedächtnis-Werte

Diese Schlussfolgerung liegt nahe, wenn man sich die Ergebnisse einer Befragung von rund 100 jungen Männern im Alter von Anfang bis Mitte 20 aus Fitnessstudios anschaut.

Die Hälfte gab an, regelmäßig anabol-androgene Steroide zu konsumieren, die übrigen lehnten dies ab (The Open Psychiatry Journal, 2015, 9, 1-6).

Nun schauten die Forscher um Thomas M. Heffernan, wie häufig die jungen Männer mit kognitiven Problemen kämpften.

Sie unterzogen ihre Probanden allerdings keinen ausführlichen Kognitionstests - und das ist ein großer Nachteil ihrer Studie -, sie verließen sich vielmehr auf diverse Fragebögen.

So wird mit dem Executive Function Questionnaire etwa gefragt: "Verlieren Sie öfter den gedanklichen Faden, geraten sie häufig aus dem Konzept?" oder "Haben sie Schwierigkeiten, etwas zu Ende zu bringen, das sie angefangen haben?"

Die Probanden können dann auf einer Skala von 1 (kein Problem) bis 4 (starke Probleme) antworten.

Mit ähnlichen Fragebögen evaluierten Heffernan und Mitarbeiter Probleme beim prospektiven Gedächtnis ("Planen Sie, etwas in wenigen Minuten zu tun, vergessen es dann aber?") sowie beim retrospektiven Gedächtnis ("Erzählen Sie dieselbe Geschichte immer wieder denselben Personen?").

Das Ergebnis war überraschend: Die Anabolikakonsumenten zeigten beim Fragebogen fürs prospektive Gedächtnis knapp 40 Prozent schlechtere Werte als ihre Kumpane ohne Steroide, bei den Fragen nach der Exekutivfunktion war der Wert um 32 Prozent geringer, beim retrospektiven Gedächtnis um 28 Prozent.

In allen drei kognitiven Bereichen hatten die anabolen Freizeitdoper also deutlich mehr Probleme als Bodybuilder und Fitnessfans ohne steroidale Unterstützung.

"Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der Langzeitgebrauch von anabol-androgenen Steroiden das Gedächtnis signifikant beeinträchtigt", schreiben Heffernan und Mitarbeiter. Machen Anabolika die Muskelpakete also tatsächlich dumm?

Was ist Ursache, was Wirkung?

Doch auch hier gilt es, fair zu sein, denn so klar ist der Zusammenhang auch wieder nicht.

Zwar haben die britischen Psychologen und Drogenforscher versucht, mögliche andere kognitiv beeinträchtigende Faktoren wie Alkoholkonsum oder schlechte Stimmung als Erklärung auszuschließen; was Ursache und was Wirkung ist, lässt sich mit einer solchen Querschnittuntersuchung jedoch nicht feststellen.

Es wäre gut möglich, dass etwas schlichtere Gemüter eher dazu tendieren, auf Anabolika zu setzen, weil sie die damit verbundenen Risiken nicht verstehen oder aufgrund ihrer kognitiven Defizite schnell wieder vergessen.

Da viele Männer in Fitnessstudios auf anabole Leistungssteigerer setzen, wäre es aber in der Tat interessant zu wissen, ob diese dem Gehirn schaden.

Hierzu sind jedoch Langzeit-Kohortenstudien nötig, auch sollten die Forscher dann die kognitive Funktion objektiv messen und nicht nur subjektive Angaben sammeln.

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Kommentare
Dr. Wolfgang P. Bayerl 14.07.201512:58 Uhr

Das soll "Wissenschaft" sein? Eher ein alter Neidkomplex der Hänflinge

Das Gehirn ist (leider) auf einen "gesunden" Körper angewiesen.
"Bewegung" ist gut, "Muskeln" sind gut, Anabolika sind schlecht, fragen sie einen Arzt
und zwar schlechter als der (mögliche) Gewinn an Muskulatur.
"Männer" die ihr Äußeres zur Schau stellen, sind schon nicht ganz dicht,
Männer die dazu noch gesundheitsschädliche Anabolika schlucken um so mehr.
Gegen das Training als solches, das auch mit größten Mengen an Drogen die Voraussetzung für jeden Muskelzuwachs darstellt, ist dagegen nicht das geringste einzuwenden.

Dr. Detlef Bunk 14.07.201511:49 Uhr

Doktoranden-Übungen

Explorative Studie mit primitivem Design, ohne deutliche Aussage, allenfalls zur Hypothesengenerierung.
Warum haben die Autoren ihren Vermutungen entsprechend keine multiple Regressionsanalyse gerechnet mit „Executive Function Score“ EFQ als Kriteriumsvariable und den restlichen erhobenen Variablen als Prädiktoren? Aus Korrelationen und Beta-Gewichten hätte man schon etwas etwas ableiten können - zumindest, ob der Studienansatz etwas hergibt und welche weiteren Störvariablen zu berücksichtigen sind.

Dr. phil. Detlef Bunk, Dipl. Psych., PP, KJP
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