Dänische Kohortenstudie

Migräne-Patienten haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko

Migräne geht offenbar nicht nur mit einer Zunahme ischämischer Insulte einher. Sie scheint vielmehr einen Risikoindikator für die meisten Herz-Kreislauf-Erkrankungen darzustellen.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Mehr Herz- und Hirninfarkte bei Migräne: Gibt es gemeinsame Pathomechanismen?

Mehr Herz- und Hirninfarkte bei Migräne: Gibt es gemeinsame Pathomechanismen?

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AARHUS. Hinweise auf Migräne als generellen kardiovaskulären Risikofaktor stammen aus einer dänischen Kohortenstudie. Sie basiert auf Daten von 51.032 Patienten, davon 70 Prozent Frauen, die zwischen 1995 und 2013 im medianen Alter von 35 Jahren in einem Krankenhaus die Erstdiagnose Migräne erhalten haben. Als Vergleichsgruppe dienten 510.320 migränefreien Personen aus der Allgemeinbevölkerung mit gleichem Alter und Geschlecht (BMJ 2018; 360: k96).

19 Jahre Follow-up

Während des 19-jährigen Follow-up war die Inzidenz aller untersuchten kardiovaskulären Ereignisse pro 1000 Personen bei den Migränepatienten durchgängig höher als in der Kontrollgruppe – mit 25 vs. 17 Herzinfarkten, 45 vs. 25 ischämischen und 11 vs. 6 hämorrhagischen Schlaganfällen, 27 vs. 18 venösen Thromboembolien (VTE), 47 vs. 34 Fällen von Vorhofflimmern/ -flattern, 19 vs. 18 Herzinsuffizienzdiagnosen und 13 vs. 11 peripheren arteriellen Verschlusserkrankungen (PAVK).

Mit Ausnahme von PAVK und Herzinsuffizienz blieben diese Korrelationen auch nach dem Abgleich von etablierten kardiovaskulären Risikofaktoren erhalten. Unter dieser Voraussetzung erhöhte eine Migräne das Risiko für Herzinfarkte auf das 1,5-Fache, für ischämische beziehungsweise hämorrhagische Insulte auf das 2,3- bzw. 1,9-Fache, für VTE auf das 1,6-Fache und für Vorhofflimmern/-flattern auf das 1,3-Fache.

Im ersten Jahr nach der Migränediagnose schnellte das Schlaganfallrisiko sogar auf das Achtfache hoch. Das Risiko für die meisten anderen Erkrankungen blieb dagegen über die Zeit relativ konstant erhöht. Besonders gefährdet waren Migränepatienten mit Aura; bis auf die VTE waren sie von allen kardiovaskulären Diagnosen häufiger betroffen als Patienten ohne Aura. Außerdem waren die Assoziationen bei Frauen etwas stärker ausgeprägt als bei Männern.

Häufig weitere KHK-Risikifaktoren

"Die Studie legt nahe, dass Migräne einen potenten und anhaltenden Risikofaktor für die meisten kardiovaskulären Erkrankungen darstellt", schreiben die Studienautoren um Kasper Adelborg von der Universitätsklinik Aarhus. Dass die von ihnen gefundenen Risikosteigerungen etwas höher ausfallen als in früheren Analysen, führen sie auf die Patientenauswahl zurück. Da nur Patienten mit einer Krankenhausdiagnose berücksichtigt wurden, hätten diese vermutlich an besonders schweren Migräneattacken gelitten.

Dass Migränepatienten häufig auch etablierte kardiovaskuläre Risikofaktoren aufweisen, scheint demnach nur ein Grund für die erhöhte Ereignisrate zu sein. Darüber hinaus werden zahlreiche gemeinsame Pathomechanismen von Migräne und kardiovaskulären Erkrankungen vermutet, etwa eine gestörte Endothelfunktion, Hyperkoagulabilität, erhöhte Plättchenaggregationsneigung, Vasospasmen, ein offenes Foramen ovale oder übereinstimmende genetische Veränderungen. Migränepatienten schlucken außerdem häufig NSAR, wodurch das Herz-Kreislauf-Risiko ebenfalls erhöht wird.

Obwohl das Risiko in der relativ jungen Studienpopulation absolut betrachtet nur leicht zugenommen hat, warnen die Studienautoren, dass dies wegen der Häufigkeit von Migräne auf Bevölkerungsebene einem beträchtlichen Inzidenzzuwachs gleichkomme. Sie empfehlen daher, nach Präventionsstrategien zu suchen, mit denen sich die kardiovaskuläre Krankheitslast von Migränikern verringern lässt.

Studienergebnisse in Kürze

» Das Risiko für Herzinfarkte erhöhte eine Migräne auf das 1,5-Fache, für ischämische bzw. hämorrhagische Insulte auf das 2,3- bzw. 1,9-Fache, für VTE auf das 1,6-Fache und für Vorhofflimmern/-flattern auf das 1,3-Fache.

» Besonders gefährdet waren Migränepatienten mit Aura; bis auf die VTE waren sie von allen kardiovaskulären Diagnosen häufiger betroffen als Patienten ohne Aura.

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