Ernährung

Mit Milchprodukten metabolisches Syndrom verhindern?

Der Verzehr von Milch, Jogurt und Käse ist mit einer geringeren Prävalenz des metabolischen Syndroms assoziiert. Auch die Inzidenz von Hypertonie und Diabetes sinkt. Das gilt jedoch nur, wenn es sich nicht um Erzeugnisse der Magerfettstufe handelt.

Von Robert BublakRobert Bublak Veröffentlicht:
Daten einer Studie sprechen für ein mögliches Präventionspotenzial von Milchprodukten.

Daten einer Studie sprechen für ein mögliches Präventionspotenzial von Milchprodukten.

© Yakobchuk Olena/stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Wie wirkt sich Konsum von Milchprodukten auf das Risiko für ein metabolisches Syndrom, Bluthochdruck oder Diabetes aus?
  • Antwort: Die Prävalenz von metabolischem Syndrom ist unter Konsumenten von Milchprodukten erniedrigt, sie erkranken seltener an Hypertonie und Diabetes als Personen, die keine Milchprodukte zu sich nehmen.
  • Bedeutung: Falls sich die Ergebnisse bestätigen, hätten Milch, Joghurt und Käse erhebliches Präventionspotenzial.
  • Einschränkung: Die Daten zur Ernährung beruhen auf Selbstauskünften.

Hamilton. Wie es sich auf die Prävalenz des metabolischen Syndroms (MetS) auswirkt, wenn häufiger Milchprodukte auf dem Speiseplan stehen, hat eine Forschergruppe um Balaji Bhavadharini von der McMaster University im kanadischen Hamilton untersucht.

Patienten im Alter zwischen 35 und 70 Jahren aus 21 Ländern waren an der „Prospective Urban Rural Epidemiology“ (PURE)-Studie beteiligt. Die Daten von knapp 113.000 Patienten gingen in eine Querschnittanalyse zur MetS-Prävalenz ein (BMJ Open Diab Res Care 2020; 8: e000826).

In prospektiven Substudien wurde zudem die Inzidenz von Hypertonie (rund 58.000 Patienten) und Diabetes (131.000 Patienten) über einen medianen Follow-up-Zeitraum von neun Jahren untersucht. Alle Probanden hatten Auskunft zu ihren Ernährungsgewohnheiten im vorangegangenen Jahr gegeben.

Die Berechnungen wurden gegen Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Raucherstatus, körperliche Aktivität und Energieaufnahme abgeglichen.

Verzehr von Milch, Joghurt, Käse

Die Querschnittanalyse zielte auf einen Vergleich des täglichen Verzehrs von mindestens zwei gegenüber null Portionen Milchprodukte. Eine Portion bestand dabei zum Beispiel aus einem Glas Milch oder einem Becher Joghurt mit 244 g, einer Scheibe Käse mit 15 g oder einem Teelöffel Butter mit 5 g.

Insgesamt wiesen 41,3 Prozent der Teilnehmer ein MetS auf. Allerdings lag das Quotenverhältnis (Odds Ratio, OR) der Probanden mit und ohne MetS in der Gruppe mit Milchkonsum um 24 Prozent niedriger als in der Gruppe ohne Konsum von Milchprodukten (OR 0,76).

Die Assoziation mit statistisch signifikant niedrigeren Raten war nur beim Verzehr von Vollfett- (OR 0,72) bzw. Vollfett- plus Magerfettprodukten (OR 0,89) festzustellen. Wurden nur Magerfettprodukte konsumiert, blieb der Effekt aus (OR 1,03).

23,7 Prozent neu an Hypertonie erkrankt

Während des Follow-up der prospektiven Studienteile erkrankten 23,7 Prozent der Probanden neu an Hypertonie und 4,1 Prozent an Diabetes. Hier kalkulierten Bhavadharini und ihre Mitarbeiter die Erkrankungswahrscheinlichkeit in der Nachbeobachtungszeit (Hazard Ratio, HR), und zwar ebenfalls auf Basis des Konsums von mindestens zwei oder keiner Portion Milchprodukte.

Dabei ergab sich, dass der Milchkonsum mit einer um 11 Prozent niedrigeren Inzidenz von Hypertonie (HR 0,89) und einer um 12 Prozent geringeren Inzidenz für Diabetes (HR 0,88) assoziiert war. Doch auch in den prospektiven Teilen der PURE-Studie ließ sich die Assoziation nur für Vollfettprodukte sichern. Magerfetterzeugnisse gingen nicht mit einem niedrigeren Hypertonie- bzw. Diabetesrisiko einher.

Preisgünstige Prävention?

Die Assoziationen zeigten sich im Übrigen bei allen Arten von Milchprodukten. Für den Butterverzehr raten Bhavadharini und Kollegen aber dazu, den Zusammenhang vorsichtig zu interpretieren; im Schnitt hatte die tägliche Zufuhr nämlich nur 3,3 g betragen.

„Wenn sich unsere Befunde in ausreichend großen und langzeitigen Studien bestätigen lassen, könnte ein gangbarer und billiger Weg zur Reduktion von MetS, Hypertonie und Diabetes darin bestehen, den Konsum von Milchprodukten zu erhöhen“, schreiben die Forscher in ihrem Fazit.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Thomas Georg Schätzler

Lichtblicke beim Vollmilch-"Bashing"

"Association of dairy consumption with metabolic syndrome, hypertension and diabetes in 147?812 individuals from 21 countries" vom 18.05.2020 http://dx.doi.org/10.1136/bmjdrc-2019-000826 von Balaji Bhavadharini et al. ergänzt und unterstützt eine frühere Publikation:

"Association of dairy intake with cardiovascular disease and mortality in 21 countries from five continents (PURE): a prospective cohort study" von Mahshid Dehghan et al.
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)31812-9/fulltext - Published: September 11, 2018
Dort wurde belegt, Vollmilch-Verbrauch ist assoziiert mit niedrigerem Mortalitätsrisiko und verringerten kardiovaskulären Krankheitsereignissen in einer multizentrischen und multinationalen Kohorte ["Interpretation - Dairy consumption was associated with lower risk of mortality and major cardiovascular disease events in a diverse multinational cohort"].

Gegen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse stemmt sich Simon Unges mit seinem Youtube-Video „Milch ist Gift“ und mit angeblich kanadischen Leitlinien zu Ernährungsempfehlungen ohne Milchprodukte. Fragwürdige Literatur dazu:
“Early Childhood Cow’s Milk Consumption and Fracture Risk: A Prospective Cohort Study” von Riley Allison et al.
https://academic.oup.com/aje/advance-article-abstract/doi/10.1093/aje/kwz216/5622682 - “In the primary and secondary adjusted analysis, an association between milk volume and fracture risk and milk fat content and fracture risk was not observed, (aRR= 1.04; 95%CI:0.87-1.26 (aRR= 1.05; 95%CI:0.84-1.31). In this study we did not identify a protective effect of early childhood cow’s milk volume or fat consumption on fracture risk in later childhood” bedeutet nur, dass das Frakturrisiko unabhängig von Milchkonsum-Menge und Milchfettgehalt war. Ohne Vergleichsgruppe z.B. mit Sojamilch, Mandelmilch o.a. ist einer derartige Studie wertlos.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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