Diagnostischer Spürsinn gefragt

„Nebel im Hirn“ – Wer denkt da an ein Gluten-bedingtes Problem?

Extraintestinale Manifestationen von Glutenerkrankungen sind gar nicht so selten. Beim DGPPN-Kongress in Berlin vorgestellte Kasuistiken verdeutlichen, welcher diagnostische Spürsinn bisweilen gefragt ist.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Die Zöliakie ist ein Chamäleon – nicht immer ist es der Darm der dadurch rebelliert, manchmal ist es offenbar auch der Kopf.

Die Zöliakie ist ein Chamäleon – nicht immer ist es der Darm der dadurch rebelliert, manchmal ist es offenbar auch der Kopf.

© istvanffy / stock.adobe.com

BERLIN. Die Zöliakie ist ein Chamäleon: „Sie kann sich zu jedem Zeitpunkt im Leben entwickeln und sehr unterschiedlich präsentieren“, erinnerte Privatdozent Dr. Martin Begemann von der Uni Göttingen beim Psychiatriekongress in Berlin. Zu den Symptomen zählen auch neuropsychiatrische Beschwerden.

So berichtete Begemann von einer 43-jährigen Ärztin, die über kognitive Beschwerden mit leichter Hemiparese und Hemiataxie berichtete. Sie gab an, schnell zu ermüden und sich schlecht konzentrieren zu können und klagte über Probleme mit Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Zudem fühlte sie sich „benebelt“ und in der Wahrnehmung beeinträchtigt.

Neuropsychologische Tests ergaben tatsächlich leichte Defizite beim logischen Denken und im Arbeitsgedächtnis. Auch das Hirn-MRT war auffällig mit Läsionen links im Balken sowie rechts zerebellär. Die Ärzte gingen von einer Autoimmunerkrankung aus, zumal ein SAPHO-Syndrom* aus der Vorgeschichte bekannt war. Sie behandelten drei Tage lang mit einer Prednisolon-Stoßtherapie, dabei gingen die neurologischen Beschwerden teilweise zurück.

Glutenfreie Diät ließ Hemiparese verschwinden

Der entscheidende Hinweis kam jedoch aus dem Labor: erhöhte Werte von Antikörpern auf Gliadin und Gewebetransglutaminasen. Die Ärzte gingen daher von einer Glutenunverträglichkeit aus und empfahlen eine glutenfreie Diät. Damit lichtete sich der „Nebel im Kopf“ der Frau, auch die Hemiparese verschwand weitgehend. Sie könne nun wieder Auto fahren und in der Spur bleiben, erzählte sie den Ärzten.

Das Besondere: Die Gastroskopie war völlig unauffällig. Begemann sprach daher von einer Gluten-Ataxie oder einer „Gluten related disorder“.

Ganz anders bei einem jungen Mann, der sich im Alter von 20 Jahren plötzlich stark veränderte, nicht mehr seinen Hobbys nachging, sich von seinen Freunden zurückzog. Gleichzeitig entwickelte er Durchfälle, quälende Blähungen, Herzrasen und eine hyperaktive Blase.

Auch hier bestanden mit einem Morbus Basedow und einer Neurodermitis immunologische Vorerkrankungen. Bei der Untersuchung wirkte der Mann psychomotorisch verlangsamt und interesselos. Im Serum fanden die Ärzte hohe Werte von Antikörpern gegen Gliadin und Transglutaminasen, im Darm eine leichte Zottenatrophie und auffällige lymphozytäre Infiltrate.

"Brain Fog" als extraintestinale Manifestation beschrieben

Unter glutenfreier Diät gingen die abdominellen Beschwerden innerhalb einer Woche zurück, mit Antidepressiva besserten sich nach einiger Zeit auch Antrieb und Stimmung. Es gab lediglich einen Diarrhö-Rückfall, nachdem der Mann ein Antidepressivum mit Weizenstärke erhalten hatte.

Ärzte sollten bei solchen Patienten streng darauf achten, dass auch die Medikation glutenfrei bleibt, warnte der Psychiater.

Extraintestinale Manifestationen von Glutenerkrankungen seien gar nicht so selten. Beschrieben wurden neben Nervosität, innerer Unruhe, Ängsten, Depressionen und „Brain Fog“ auch Ataxien, Polyneuropathien, Kopfschmerzen und Epilepsien sowie Gelenk- und Rückenschmerzen, eine Osteoporose oder herpetiforme Dermatitiden.

Allerdings: Eine echte Glutenerkrankung tritt bei weniger als 1 Prozent der Bevölkerung auf. Psychische und neurologische Symptome sind daher nur selten auf eine Unverträglichkeit gegen das Getreideprotein zurückzuführen. Immunerkrankungen in der Anamnese könnten jedoch auf eine komorbide Glutenerkrankung hinweisen. Entscheidend sei letztlich der Nachweis spezifischer Antikörper im Serum, erläuterte der Psychiater.

*SAPHO-Syndrom: Synovitis, Akne, Pustulosis, Hyperostose und Osteitis/Osteomyelitis

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Gemeinsamer Bundesausschuss

Zusatznutzen für mehrere Orphan Drugs

Noch lange kein Standard

Darmkrebs: Wie steht es um die ctDNA zur Therapieentscheidung?

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Abb. 2: ADA und nAb unter AVT05 und Referenz-Golimumab bis Woche 16

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Colitis ulcerosa

Das erste Golimumab-Biosimilar erweitert die Therapieoption bei entzündlichen Erkrankungen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Interview

Was eine gute Reha beim Post-COVID-Syndrom ausmacht

Infektionsmanagement

Keuchhusten: Was bei der Behandlung Erwachsener wichtig ist

Lesetipps
Eine Pillenbox gefüllt mit Medikamenten.

© Mouse family / stock.adobe.com

Tipps aus der Medizin, Pflege und Pharmazie

Wie sich die Adhärenz bei oraler Tumortherapie steigern lässt

Ein Paragrafenzeichen in blau und im Hintergrund verschwommene Paragrafen.

© Steffen Kögler / stock.adobe.com

Juristische Fallstricke

So lassen sich Haftungsrisiken in der Hausarztpraxis minimieren

Pertussis: Auch die Großeltern impfen?

© Porträt: BVKJ | Spritze: Fiedels / stock.adobe.com

Sie fragen – Experten antworten

Pertussis: Auch die Großeltern impfen?