Depression/Schlafstörungen

Pflanzliche Mittel für die Psyche

Leichte bis mittelschwere depressive Verstimmungen, Angst- und Schlafstörungen - bei all diesen Symptomen bietet auch die Phytotherapie eine Option.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Bei leichten bis mittelschweren Depressionen kommt auch die Phytotherapie in Frage.

Bei leichten bis mittelschweren Depressionen kommt auch die Phytotherapie in Frage.

© NiDerLander / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Pflanzliche Mittel weisen bei psychischen und neurovegetativen Erkrankungen einige Vorteile im Vergleich zu synthetischen Medikamenten auf: Sie sind gut verträglich, erzeugen keine körperliche oder psychische Abhängigkeit, erzeugen keinen "Hangover" und weisen meist keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auf. Dies ist gerade mit Blick auch auf die Anwendung bei multimorbiden und polymedizierten Senioren von Bedeutung.

Phytopharmaka sind in den genannten Indikationen zusätzlich zu Allgemeinmaßnahmen die Mittel der ersten Wahl, wenn keine Störung mit akutem Handlungsbedarf vorliege, meint Dr. Markus Wiesenauer aus Weinstadt in seinem Buch "Phyto Praxis" (Springer-Verlag 5. Auflage 2013; ISBN: 978-3-642-32772-8 (Print) 978-3-642-32773-5 (Online)).

Nach Angaben des Allgemeinmediziners und Arztes für Naturheilverfahren kommen als pflanzliche Sedativa Baldrian, Hopfen, Lavendel, Melisse und Passionsblume in Betracht, als pflanzliche Antidepressiva in erster Linie Johanniskraut sowie mit Einschränkungen koffeinhaltige Pflanzen wie Guarana, Kola und Mate sowie die Ginsengwurzel und die Taigawurzel.

Sport stärkt Selbstwertgefühl

Ob depressive Verstimmung, Angst oder Unruhe - prinzipiell gilt, dass die medikamentöse Therapie im Allgemeinen nur dann erfolgreich sein wird, wenn auslösende Faktoren im Sinne einer Gesprächspsychotherapie und Beratung mit adressiert werden.

Solche Faktoren können Über- oder Unterforderung im Beruf sein, eine schwierige soziale Situation oder eine somatische Erkrankung.

Wiesenauer: "Ein maßvolles Bewegungsprogramm und ausreichend Licht wirken antriebssteigernd und antidepressiv." Zudem unterstützt körperliche Aktivität das Selbstwertgefühl, Sport in Gruppen erleichtert zwischenmenschliche Kontakte.

Wichtigstes Phytotherapeutikum bei leichten bis mittelschweren Depressionen ist Johanniskraut. Laut der S3-Leitlinie "Unipolare Depressionen" kann ein erster Therapieversuch mit Johanniskraut unternommen werden, wobei die spezifischen Nebenwirkungen und Interaktionen beachtet werden müssen.

Standardisierter Johanniskrautextrakt hat sich bei leichten und mittelschweren Depressionen als vergleichbar wirksam erwiesen wie synthetische Antidepressiva sowie als besser verträglich.

Gesichtsgüsse wirken belebend

Die Patienten sollten über unterschiedliche Wirkstärken der verfügbaren Zubereitungen informiert werden, heißt es in der Leitlinie. Wissen müssen sie zudem, dass erst allmählich und nach zwei- bis dreiwöchiger Einnahme mit spürbaren Wirkungen zu rechnen ist.

Das gilt auch für die Traubensilberkerze, die Wiesenauer in Phasen depressiver Verstimmung in den Wechseljahren bevorzugt.

Bei einer Stresserkrankung oder Burnout empfiehlt Professor Andre-Michael Beer aus Hattingen asiatischen Ginseng, sibirischen Ginseng, Rosenwurz und Ginkgo biloba.

"Auch Kombinationspräparate, beispielsweise aus Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume oder schlaffördernde pflanzliche Arzneimittel können gegeben werden", so Beer.

Gesichtsgüsse wirken belebend, ansteigende Armbäder, Melissenbäder oder stimmungsaufhellende Bauchwickel und CO2-Gasbäder verbessern das positive Körpererleben. Nicht zu unterschätzen sei der Wert einer Ernährungstherapie, meint Beer, weil das Verhältnis zum Essen entscheidend das Verhältnis zum Körper präge (MMW-Fortschr Med 2013; 155: 24).

Schwindel, Herzrasen, Schweißausbrüche oder Verdauungsstörungen können somatische Symptome von Angststörungen und Unruhezuständen sein.

Solange keine körperliche Grunderkrankung oder der Verdacht auf eine schwere psychische Krankheit besteht, die selbstverständlich der fachärztlichen Behandlung bedarf, stehen Anwendungen mit Baldrian, eventuell auch in Kombination mit Hopfen und Melisse im Mittelpunkt. "Sind Angststörungen ein Teilkomplex einer depressiven Verstimmung, dann ist ein hoch dosierter Johanniskrautextrakt therapeutisch sinnvoll", so Wiesenauer.

Als Adjuvans bei Schlafstörungen

Auch für Schlafstörungen gilt, dass die medikamentöse Behandlung nicht mehr als ein Adjuvans sein kann und pflanzliche Anwendungen keine Sofortwirkung aufweisen. Die Motivation zu einer guten Schlafhygiene und das Ausschalten den Schlaf störender Faktoren gehören daher zu den Grundsätzen der Behandlung.

Sedierend und entspannend wirken vor allem Hopfen, Melisse und Lavendel, Passionsblumenkraut hat sich im Tierversuch vor allem als schlafverlängernd erwiesen. Bei Unruhe und mangelnder Einschlafbereitschaft sowie klinischen Zeichen einer Hyperthyreose empfiehlt Wiesenauer Wolfstrappkraut.

Die Zubereitung eines Schlaf- und Beruhigungstees kann Bestandteil des abendlichen Schlafrituals werden. Zudem kann dies einem übermäßigen Alkoholkonsum entgegenwirken. Um einer Nykturie vorzubeugen, sollte der Tee nicht unmittelbar vor dem Zubettgehen getrunken werden.

Empfehlenswert sind Teekombinationen nach persönlichem Geschmack. Hilfreich sind zudem ansteigende Fußbäder mit Wassertemperaturen von etwa 28°C bis 37°C, gegebenenfalls mit Zugabe von Lavendel oder Melisse.

Die gute Verträglichkeit und das geringe Interaktionspotenzial pflanzlicher Arzneimittel sollte Anlass für die Erweiterung der Priscus-Liste sein, fordert Professor Karen Nieber, Inhaberin des Lehrstuhls Pharmakologie für Naturwissenschaftler an der Universität Leipzig.

Die Priscus-Liste soll eine Orientierung bei der medikamentösen Versorgung von multimorbiden Patienten geben.

Die Auflistung von Phytopharmaka könnte, so Nieber, die Therapie optimieren, die medikamentöse Behandlungssicherheit sowie die Lebensqualität dieser Patienten erhöhen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Umbrella-Review

Welcher Sport bei Depression und Angststörung am besten hilft

Systematisches Review mit Metaanalyse

Psychische Probleme wohl mit akutem Koronarsyndrom assoziiert

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Praxisfall im Podcast: Atemwegsinfekt

© Bionorica SE

Phytoneering-Akademie

Praxisfall im Podcast: Atemwegsinfekt

Anzeige | Bionorica SE
Antibiotika – Fluch und Segen

© Bionorica SE

Podcast

Antibiotika – Fluch und Segen

Anzeige | Bionorica SE
Brauchen wir noch Antibiotika?

© deepblue4you | iStock

Content Hub

Brauchen wir noch Antibiotika?

Anzeige | Bionorica SE
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

© Vink Fan / stock.adobe.com

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

DGKN-Kongress in Augsburg

Neue Technik für die Therapie zerebraler Erkrankungen

Treat-to-Target-Strategie

Gicht: Mit der Harnsäure sinkt auch das kardiovaskuläre Risiko

Lesetipps
Eine Frau steht vor einer schwarzen Wolke.

© 1STunningART / stock.aodbe.com

Keine Modeerscheinung

ADHS im Erwachsenenalter: Das gilt für Diagnostik und Therapie

 Shabnam Fahimi-Weber

© Jochen Tack

Einsatz im Kriegsgebiet

Essener HNO-Ärztin hilft Menschen im Iran via Telemedizin