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Pharmako-Interaktionen besser erforscht

MÜNCHEN (wst). Pharmako-Interaktionen können lebensbedrohlich sein. Mit der zunehmenden Aufdeckung und Berücksichtigung von Interaktions-Mechanismen können Risiken reduziert und Wechselwirkungen sogar sinnvoll genützt werden.

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Das hat der Pharmakologe Professor Heyo Kroemer aus Greifswald bei einer Veranstaltung der Unternehmen MSD und Essex in München berichtet. Der Pharmakologe belegte die klinische Relevanz von Pharmakointeraktionen, gerade auch bei den oft multimorbiden und deshalb mit vielen Medikamenten versorgten Herzpatienten, mit einer Untersuchung aus England.

Zwischen November 2001 und April 2002 waren dort in zwei Krankenhäusern bei knapp 19 000 aufgenommenen Patienten die Einweisungsgründe analysiert worden. Demnach mussten 1225 und damit 6,5 Prozent dieser Patienten wegen unerwarteter Arzneimittelwirkungen stationär aufgenommen werden. Und bei 203, also etwa 17 Prozent dieser Patienten, waren die unerwünschten Arzneimittelkomplikationen klar auf Pharmako-Interaktionen zurück zu führen.

Theoretisch gut verstanden seien vor allem Pharmako-Interaktionen, die vom in der Leber und in der Darmschleimhaut aktiven Zytochrom P-450-Enzymsystem (CYP 450) abhängen. Sie sind damit vermeidbar durch die Komposition von Medikamenten, die über verschiedene CYP-450-Enzyme verstoffwechselt werden, sagte Kroemer.

Weit weniger bekannt seien im Gegensatz dazu transporterabhängige Interaktionen bei der Ein- und Ausschleusung von Medikamenten in Zielkompartimente, Zielorgane oder Zielzellen. Solche Interaktionen sorgen immer wieder für unerwartete Überraschungen. Ein für Kardiologen bedeutsames Beispiel ist die kompetitive Hemmung von Transportproteinen, die Statine in die Leberzelle schleusen, durch Fibrate wie Gemfibrozil. Damit wird zusätzlich zu etwaigen CYP-450-abhängigen Effekten die Akkumulation von Statinen in der Peripherie begünstigt. Dadurch wird das myotoxische Risiko erhöht.

Kroemer erinnerte, dass nicht nur rezeptpflichtige Medikamente in gefährliche Interaktionen treten können. Es können auch frei verkäufliche Arzneien und selbst Nahrungsmittel an klinisch relevanten Pharmako-Interaktionen beteiligt sein. So ist etwa Johanniskraut ein potenter CYP-450-Enzyminduktor, der die Wirkung von Immunsuppressiva so weit abschwächen kann, dass transplantierte Organe abgestoßen werden.

Knoblauchpräparate mindern Wirkung von Anti-HIV-Arznei

Knoblauchpräparate reduzieren die Konzentration des Anti-HIV-Medikamentes Saquinavir und erhöhen unter Warfarin die INR zusätzlich. Ginkgo verstärkt ebenfalls die Blutungsneigung unter Warfarin und auch unter ASS, während Ginseng Warfarinspiegel eher senkt. Grapefruitsaft ist bekanntlich ein CYP-3A4-Hemmer und treibt so die Wirkspiegel vieler über dieses Enzym verstoffwechselter Medikamente nach oben.

STICHWORT

Gefährliche Interaktion

Wie sich harmlose Medikamente zu einer tödlichen Interaktion hoch schaukeln können, demonstriert Professor Heyo Kroemer an der Fallgeschichte einer relativ gesunden 79-Jährigen, die wegen einer essentiellen Hypertonie auf täglich 100 mg Mibefradil und 100 mg Propranolol eingestellt war. Nach der Marktrücknahme von Mibefradil ersetzte der Arzt diesen Kalziumantagonisten umgehend durch täglich 60 mg retardiertes Nifedipin. Dabei wurde nicht berücksichtigt, dass Mibefradil vier bis fünf Tage benötigt, um aus dem Organismus eliminiert zu sein. Folge war, dass das verbliebene Mibefradil über eine kompetitive Hemmung von CYP 3A4 zu einer Überdosierung von Nifedipin mit extremer Vasodilatation führte. Eine kompensatorische Reflextachykardie wurde durch den Betablocker und die bradykarde Wirkung von Mibefradil unterbunden, was zu einem tödlichen Kreislaufkollaps mündete. (wst)

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