Nach der Menopause

Radikaldiät geht auf die Knochen

Mit einer intensiven Kalorienrestriktion nehmen Frauen nach der Menopause am effektivsten ab – ohne überproportional Muskelmasse zu verlieren. Allerdings sinkt dabei die Knochendichte.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 30.10.2019, 18:21 Uhr
Radikaldiät geht auf die Knochen

Zwischen Erfolg und Risiko: Frauen, die sich in einer Studie einer Extremdiät unterzogen, nahmen deutlich stärker ab, also solche mit moderater Kalorienrestriktion. Doch dabei geht offenbar nicht nur Fett verloren.

© viperagp / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Welche Risiken gehen mit einer raschen und starken Gewichtsabnahme bei adipösen Frauen nach der Menopause einher?

Antwort: Die Knochenmineraldichte sinkt bedenklich.

Bedeutung: Eine Extremdiät könnte das Osteoporoserisiko steigern.

Einschränkung: Langfristige Auswirkungen unklar.

Sydney. Auch wenn viele Menschen glauben, sie müssten lediglich etwas anders essen, um abzunehmen, so liegt die wahre Kunst des Abspeckens doch eher in einer merklichen Kalorienrestriktion. So nehmen offenbar Dicke leichter ab, wenn sie in einem kontrollierten Rahmen ihre Kalorienzufuhr kurzfristig drastisch, statt langfristig mäßig einschränken. Letzteres ist offenbar schwerer durchzuhalten.

Ernährungsforscher und Ärzte um Dr. Radhika Seimon von der Universität in Sydney hatten in ihrer Studie (JAMA Netw Open. 2019;2(10):e1913733) einen besonderen Aspekt im Blick. Sie gingen nicht der Frage nach, ob eine drastische Kalorienrestriktion eher beim Abnehmen hilft, sondern welche negativen Folgen eine solche Extremdiät möglicherweise hat – und zwar für Frauen unmittelbar nach der Menopause. Da der Körper beim Hungern nicht nur Fett, sondern auch Muskeln und Knochen abbaut, könnte eine Extremdiät für Frauen in diesem Alter ein besonderes Risiko darstellen. Allerdings ist unklar, ob Personen mit einer Extremdiät überproportional fettfreie Masse verlieren – hier lieferten Studien bislang widersprüchliche Resultate.

Kontrollierte Diätstudie mit über 100 Frauen

Das Team um Seimon prüfte daher in der Studie TEMPO* eine moderate und eine extreme Diät bei 101 Frauen nach der Menopause. Alle Teilnehmerinnen waren im Alter zwischen 45 und 65 Jahren, adipös (BMI zwischen 30 und 40 kg/m2), hatten seit mindestens fünf Jahren keinen Zyklus mehr und waren weniger als drei Stunden täglich körperlich aktiv. Frauen mit Osteoporose oder Diabetes durften nicht teilnehmen.

*TEMPO: Type of Energy Manipulation for Promoting Optimum Metabolic Health and Body Composition in Obesity.

Rund die Hälfte der Frauen wurde nach dem Zufallsprinzip der Gruppe mit moderater Kalorienrestriktion zugeteilt. Sie sollten ein Jahr lang eine tägliche Kalorienmenge konsumieren, die 25–30 % unter ihrem Tagesbedarf lag. Die Teilnehmerinnen erhielten ein genau auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Diätprogramm, das allgemeinen Ernährungsrichtlinien entsprach. Die Lebensmittel wurden entsprechen ihrer Makronährstoffe in sechs Gruppen eingeteilt, daraus konnten sich die Frauen ihren Tagesplan zusammenstellen.

In der Gruppe mit Extremdiät sollte die Kalorienzufuhr 65 bis 75% unter dem Tagesbedarf liegen. Hier bekamen die Teilnehmerinnen einen kompletten Nahrungsersatz zur Verfügung gestellt, also Suppen, Shakes und Riegel mit einer ausgewogenen Nährstoffzusammensetzung und ausreichend Mikronährstoffen. Sie sollten vier Monate nur die Ersatznahrung in der vorgeschrieben Menge konsumieren und anschließend acht weitere Monate ebenfalls der moderaten Diät folgen.

Um die Adhärenz zu verbessern, wurden alle Frauen zu regelmäßigen Treffen mit einem Ernährungsberater eingeladen. Dieser legte ihnen zudem nahe, ihre Schrittzahl sukzessive auf 8000–12.000 pro Tag zu erhöhen.

Bei der Randomisierung achteten die Forscher darauf, dass beide Gruppen eine ähnliche Alters- und BMI-Verteilung aufwiesen.

15 kg Gewichtverlust

Wie sich zeigte, hatten die Frauen mit Extremdiät ein Jahr nach Beginn der Intervention signifikant stärker abgespeckt, und zwar im Schnitt um 15,3 kg, lediglich 8,4 kg weniger brachten die Frauen mit moderater Diät auf die Waage; die Differenz zwischen beiden Gruppen erreichte 6,6 kg. Dabei war die Abbruchrate unter der Extremdiät deutlich geringer als in der Gruppe mit moderater Diät (vier versus zwölf Teilnehmerinnen), was die Forscher mit einem stärkeren Erfolgserlebnis erklären.

Mit der strengen Diät hatten knapp 90 % der Frauen mindestens 10 % ihres Körpergewichts verloren, mit der moderaten Diät waren es nur 40 %. Der BMI ging mit der strengen Diät um knapp 6 Punkte, mit der moderaten lediglich um 3 Punkte zurück. Ein solches Ergebnis hatten die Forscher um Seimon im Wesentlichen erwartet.

Mehr interessiert waren sie am Verlust der mageren Körpermasse: Zwar bauten die Frauen mit der strengen Diät überwiegend Fett ab, doch auch 3,2 kg fettfreie Masse. Unter der moderaten Diät betrug der Verlust nur 2,1 kg. Die Hüftmuskulatur schrumpfte mit der strengen Diät ebenfalls stärker als mit der moderaten, letztlich waren die Veränderungen aber in beiden Gruppen weitgehend proportional zum Gesamtgewichtsverlust und hingen nicht von der Diät ab.

Bei der Körperfettverteilung ergaben sich ebenfalls deutliche Unterschiede: Mit der strengen Diät konnten die Frauen ihr Verhältnis von Bauch- zu Hüftumfang reduzieren, also vermehrt „Hüftgold“ abbauen, nicht jedoch mit der moderaten Diät. Insgesamt verloren Frauen mit der strengen Diät auch absolut mehr subkutanes, viszerales, intrahepatisches und intramuskuläres Fett – das Fett schmolz also in allen untersuchten Bereichen stärker dahin als in der Gruppe mit moderater Diät.

Auf die Griffstärke der Hände hatte der Gewichtsverlust jedoch keine großen Auswirkungen, tendenziell erlitten die Frauen mit der strengeren Diät hier sogar geringere Verluste.

Reduzierte Knochendichte in der Hüfte

Kritisch zu betrachten sind jedoch die Veränderungen bei der Knochenmineraldichte: Diese war in der Hüfte nach zwölf Monaten in der Gruppe mit strenger Diät signifikant stärker gesunken als mit moderater Diät (–0,032 g/cm2 versus –0,015 g/cm2). Ähnliches galt auch für die Wirbelsäule und den Oberschenkelhals, hier waren die Unterschiede zwischen beiden Gruppen aber nicht statistisch signifikant.

Mit der Extremdiät traten bei zwei Frauen Gallensteine auf, zwei weitere klagten über Haarausfall und zwei über Hämorrhoiden; unter der moderaten Diät wurden zwei Migräneepisoden bei einer Teilnehmerin beobachtet.

Insgesamt, so die Forscher um Seimon, kam es mit der strengen Diät zu einem doppelt so hohen Gewichtverlust, einem doppelt so hohen Fettverlust und einer gesünderen Körperfettverteilung als unter der moderaten Diät. Allerdings würden diese Vorteile durch eine deutlich verringerte Knochenmineraldichte getrübt: Diese könnte das Risiko für eine Osteoporose oder eine Osteopenie deutlich erhöhen.

Ob eine intensive Diät langfristig mehr schadet als nutzt, sei schwer zu beurteilen, so die Forscher, hierzu seien mehr Langzeitdaten nötig. Möglicherweise lässt sich die Knochendichte durch entsprechende Zusatztherapien auch stabilisieren.

Übrigens: Bei Männern scheint anderen Studien zufolge eine Extremdiät weniger auf die Knochen zu schlagen, hier ließen kaum signifikante Nachteile beobachten, berichten die Forscher.

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