Schaden Vollnarkosen kleinen Kindern?

In einer Studie wurden bei Kindern umso häufiger Entwicklungs- und Verhaltensstörungen beobachtet, je öfter sie narkotisiert werden mussten. Allerdings wird bezweifelt, dass solche Störungen als Folge der Narkose auftreten.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Narkose bei einem Kind - Routine oder Grund zur Sorge?

Narkose bei einem Kind - Routine oder Grund zur Sorge?

© kavring / fotolia.com

NEW YORK. Da die Gehirnentwicklung bei kleinen Kindern noch voll im Gange ist, geht man davon aus, dass ihre Gehirne besonders empfindlich auf neurotoxische Substanzen reagieren.

Tierexperimentelle Studien legen zudem nahe, dass Anästhetika in entsprechenden Dosierungen solche Schäden verursachen können. Die Frage ist, ob auch Vollnarkosen bei kleinen Kindern bleibende Schäden hervorrufen.

Ein Team um Dr. Charles DiMaggio aus New York ist dieser Frage nun in einer ungewöhnlichen retrospektiven Kohortenstudie nachgegangen (Anesth Analg 2011; 113: 1143-1151).

Vergleich mit den Geschwistern

Dabei haben die Anästhesisten Daten von über 152 Zwillingspaaren ausgewertet, bei denen ein Kind im Alter von weniger als drei Jahren eine Vollnarkose erhielt.

Geschaut wurde, ob bei diesen Kindern in den Folgejahren eine Entwicklungs- oder Verhaltensstörung diagnostiziert wurde.

Diese Rate wurde dann mit der ihrer nicht operierten Geschwister sowie mit der von über 5.000 gleich alten Zwillingspaaren verglichen, bei denen keines der Kinder operiert werden musste.

Rate an Störungen steigt mit Zahl der Anästhesien

Das Ergebnis: Auf 1000 Personenjahre kamen 128 Diagnosen in der Gruppe von Zwillingen, bei denen eines der Kinder anästhesiert wurde, aber nur 56 in der Gruppe von Kindern ohne Anästhesie.

Wurden Faktoren wie Alter, Geschlecht und Geburtskomplikationen berücksichtigt, so ergab sich für die Geschwister mit operierten Kindern insgesamt ein 60 Prozent erhöhtes Risiko für Entwicklungs- oder Verhaltensstörungen.

Dabei war die Rate nach einer Anästhesie nur um 10 Prozent erhöht, nach zwei Anästhesien bereits um 190 Prozent und nach drei oder mehr Vollnarkosen um 300 Prozent.

Lässt sich daraus nun schließen, dass die Narkose schädlich für das junge Gehirn ist? Mitnichten.

Kein Unterschied

Denn, wurden die Zwillingspaare genauer analysiert, von denen eines der Kinder operiert wurde, so stellte sich heraus, dass die Diagnose einer Entwicklungs- oder Verhaltensstörung beim nicht operierten Geschwister praktisch genauso häufig gestellt wurde.

Die Forscher sehen daher eher soziogenetische Faktoren als Gründe für die gehäuften Diagnosen in Familien, in denen Kinder früh operiert werden müssen.

Ähnliche Schlussfolgerungen ziehen auch Anästhesisten um Dr. Joss Thomas aus Iowa City in einem Editorial zu der Publikation. So benötigten die meisten der operierten Kinder nur eine einzige Vollnarkose, meist aufgrund einer Inguinalhernie oder Gastroschisis.

Und bei solchen einmaligen Routine-Eingriffen war die Rate von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen nicht erhöht.

Mehrere Ops: oft bestehen schwer wiegende Probleme

Sind jedoch mehrere Operationen nötig, dann scheinen schwer wiegendere Probleme vorzuliegen, und die ganze Familie leide unter der Erkrankung des Kindes, was wohl eher die Verhaltensstörungen bedinge.

Zudem seien Kinder mit multiplen Operationen über lange Zeit in ärztlicher Behandlung. Allein die vielen Arztkontakte machten es jedoch wahrscheinlicher, dass bei solchen Kindern - und auch bei ihren Geschwistern - eine entsprechende Diagnose gestellt wird.

Insgesamt, so Thomas, gebe es auch aus anderen Studien keine stichhaltigen Hinweise dafür, dass eine Anästhesie einem ansonsten gesunden Kind schade.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Topische Therapie

Betablocker gegen Glaukom erhöhen nicht das Parkinson-Risiko

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Schulterblick

Wie eine Wiesbadener Hausärztin ihre Praxis digitalisiert

Lesetipps
Ein Mann liegt schlafend auf zwei bequemen Kissen in einem Bett.

© Viglietti / peopleimages.com / stock.adobe.com

Nächtlicher Augeninnendruckanstieg

Sind zwei Kopfkissen für Menschen mit Glaukom eines zu viel?

Eine Frau steht am Empfang einer Praxis und spricht mit einer Praxismitarbeiterin.

© auremar / stock.adobe.com

Hausarzt und Gebietsärztin im Interview

Hausarztvermittlungsfälle: Wo es hakt und wie es besser ginge