Weniger Graue Substanz

Schädigt Übergewicht das Gehirn?

Forscher haben einen Zusammenhang zwischen Adipositas und einem geringeren Volumen an Grauer Substanz gefunden.

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Das Gehirn im Blick: Führt Übergewicht zu einem kleineren Gehirn oder führt ein verändertes Gehirn zu Übergewicht?

Das Gehirn im Blick: Führt Übergewicht zu einem kleineren Gehirn oder führt ein verändertes Gehirn zu Übergewicht?

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LOUGHBOROUGH. Bei adipösen Menschen kann das Gehirn in bestimmten Bereichen geschrumpft sein. Das berichten britische Forscher (Neurology 2019; online 9. Januar).

Sie stellten in ihrer Studie fest, dass der Effekt vor allem bei Menschen mit stammbetonter Adipositas festzustellen ist.

Es sei allerdings bisher unklar, ob das Übergewicht die Hirnveränderungen auslöse – oder ein verändertes Gehirn die Entstehung von Übergewicht begünstige. Auch die Frage, welche Konsequenzen die festgestellten Hirnveränderungen haben, untersuchten die Wissenschaftler nicht.

Ob Übergewicht eine Gefahr für das Gehirn darstellt – und wenn ja, in welchem Ausmaß, ist bislang unklar. Hinweise darauf hatten Forscher in der Vergangenheit in mehreren Studien gefunden.

So zeigte 2017 eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, dass Fettleibigkeit wichtige Hirn-Netzwerke beeinträchtigen und das Alzheimer-Risiko erhöhen kann (Hum Brain Mapp 2017;38:3502-3515).

Bereits 2010 hatte eine US-Studie ergeben, dass Adipositas das biologische Altern des Gehirns beschleunigt(Hum Brain Mapp 2010; 31:353-64).

Daten von knapp 10.000 Menschen ausgewertet

Die britischen Forscher um den Sportmediziner Professor Mark Hamer von der Loughborough-Universität untersuchten, wie sich Übergewicht speziell auf die Graue Substanz im Hirn auswirkt.

„Die Forschung hat eine Schrumpfung des Hirns mit einem Verfall des Gedächtnisses und einem erhöhten Risiko für Demenz in Verbindung gebracht“, so Hamer in einer Mitteilung zur Studie. „Unklar war bislang aber, ob zusätzliches Körperfett die Gehirngröße schützt oder schädigt.“

Für die Studie werteten die Forscher Daten von 9652 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 55 Jahren aus. Von den Teilnehmern galten knapp 19 Prozent als adipös – sie hatten einen BMI von 30 und mehr.

Allerdings ist der BMI in den vergangenen Jahren bekanntlich durchaus in die Kritik geraten, da selbst Menschen mit viel Muskelmasse oder einer höheren Knochendichte durch die reine Fokussierung auf das Gewicht einen sehr hohen BMI haben können.

Die Mediziner bezogen daher zusätzlich den Körperfettanteil und den Taille-Hüfte-Quotienten (THQ) in ihre Analyse mit ein. Ferner wurden die Teilnehmer zu ihrer Gesundheit befragt.

Gehirnvolumen bestimmt

Per MRT bestimmten die Wissenschaftler dann die Gehirnvolumina für die Graue und Weiße Substanz und bezogen hier auch Faktoren ein, die Einfluss auf das Gehirnvolumen nehmen können, wie das Alter, körperliche Aktivität, Rauchen und Bluthochdruck.

Das zentrale Ergebnis: Menschen, die sowohl einen hohen BMI als auch einen hohen THQ hatten, verfügten über ein geringeres Volumen an Grauer Substanz als diejenigen mit einem normalen THQ. Konkret stellten die Wissenschaftler fest, dass die 1291 Teilnehmer mit hohem BMI und hohem THQ mit durchschnittlich 786 cm3 das geringste Volumen an Grauer Substanz aufwiesen.

Im Vergleich dazu betrug dieser Wert bei den 3025 Menschen mit einem normalen Gewicht 798 cm3. Die 514 Teilnehmer mit hohem BMI, aber normalem THQ verfügten durchschnittlich über 793 cm3 Graue Substanz. Bei der Weißen Substanz waren hingegen keine Unterschiede feststellbar.

Japaner untersuchten Auswirkungen von leichtem Übergewicht

Ähnliche Resultate hatten japanische Mediziner bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht, die sich in ihrer Arbeit indes auf die Auswirkungen von leichtem Übergewicht konzentriert hatten (Obes Sci Pract 2017; online 6. Dezemberr).

Obwohl sie herausgefunden haben, dass Fettleibigkeit, vor allem in der Körpermitte, mit einem geringeren Volumen an grauer Substanz im Gehirn zusammenhängt, bleibe unklar, ob Anomalitäten in der Hirnstruktur zu Fettleibigkeit führten oder ob Fettleibigkeit diese Veränderungen im Hirn bewirke, schränkt Hamer ein.

Ein Nachteil ihrer Studie sei auch, dass nur fünf Prozent der eingeladenen Personen an der Untersuchung teilgenommen hatten – und diese im Schnitt gesünder waren als die, die sich gegen eine Teilnahme entschieden hatten. (dpa)

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