Schmerz und Sex

Schweigen beim Doktor

Viele Schmerzpatienten leiden unter sexuellen Funktionsstörungen, trauen sich aber nicht, darüber zu sprechen.

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HAMBURG. Sexuelle Gesundheit ist ein zentraler Erlebens- und Verhaltensbereich. Sexuell nicht aktive Menschen berichten über eine niedrigere Lebensqualität und verminderte Leistungsfähigkeit.

Gerade Schmerzpatienten leiden häufig auch an sexuellen Funktionsstörungen, die aufgrund eines medizinischen Krankheitsfaktors, substanzinduziert oder psychisch getriggert auftreten können.

Wie Dr. Anke Diezemann vom DRK Schmerzzentrum Mainz beim Deutschen Schmerzkongress in Hamburg erläuterte, liegen sexuelle Funktionsstörungen bei chronischen Schmerzen nach DSM IV dann vor, wenn individuelle Ansprüche an eine erfüllte Sexualität nicht erreichbar sind und die Person unter Leidensdruck steht oder interpersonelle Schwierigkeiten hat.

Sie können primär oder sekundär, generalisiert oder situativ, sowie partnerabhängig oder -unabhängig sein. Psychische und medizinische Krankheitsfaktoren sind meist gemischt.

Als Beispiele nannte Diezemann Störungen der sexuellen Appetenz, die häufiger bei Frauen als bei Männern auftreten, oder Erregungsstörungen, die vermehrt mit Schmerzen gepaart sind. Sexuell bedingten Schmerzen, Irritationen, Jucken oder Brennen beim Sexualverkehr, wie Dyspareunie oder Vaginismus, können auf Phimosen, Entzündungen, Verkrampfungen des Beckenbodens oder Spasmen der Vaginalmuskulatur zurückzuführen sein.

Zur Prävalenz sexueller Funktionsstörungen bei Schmerzkranken existieren nur wenig methodisch gute Studien und die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Eine ältere demografisch repräsentative Stichprobe an 3159 Personen hat sexuelle Funktionsstörungen bei 43 Prozent der Frauen und 31 Prozent der Männer ergeben.

Sie waren jeweils mit schlechter körperlicher und psychischer Gesundheit assoziiert. In aktuellen Umfragen unter Patienten mit Rheumatoider Arthritis berichteten 70 Prozent von sexuellen Problemen, 72-75 Prozent hatten nie mit ihrem Arzt darüber gesprochen, obwohl ein Zusammenhang zwischen sexueller Gesundheit, Schmerz, Steifigkeit, Erschöpfung, körperlicher Leistungsfähigkeit und positiven Gefühlen erkannt wurde.

24 bis über 70 Prozent der Patienten mit rheumatischen Erkrankungen geben sexuelle Funktionsstörungen an, die sexuelle Abstinenzrate liegt bei 24-40 Prozent. Erschwerend für die sexuelle Gesundheit kommen Rheuma-relevante Komorbiditäten wie Sklerodermie, Sjörgen Syndrom, systemischer Lupus Erythematosus oder Systemische Sklerose hinzu.

Erlebnisorientierte Sexualtherapie

Bei Rückenschmerzpatienten geben 80 Prozent sexuelle Probleme an. Sie haben Schwierigkeiten, die richtige Position zu finden (wobei eine gebeugte Haltung am unangenehmsten empfunden wird), Schwierigkeiten mit Beckenbewegungen und Angst vor dem Schmerz. Die sexuelle Lebensqualität ist mit einem schlechten funktionellen Status assoziiert.

Auch Patienten mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen sind in ihrer Sexualität oft deutlich beeinträchtigt. Frauen haben oft schlechte psychometrische Werte im FSFI (Femal Sexual Function Index), Männer im IIEF (Internationale Index of Erectile Function Scoring System), die sich signifikant von Kontrollen unterscheiden.

Sind Migräne-Patienten während einer Attacke sexuell aktiv, führt dies bei etwa zwei Dritteln zu einer Verbesserung, bei einem Drittel zu einer Verschlechterung der Kopfschmerzen.

Heute haben moderne Verfahren wie die erlebnisorientierte Sexualtherapie klassische Sexualtherapien, etwa nach dem Masters&Johnson-Konzept oder dem Kaplan-Modell, abgelöst, erklärte der Sexualwissenschaftler Professor Uwe Hartmann von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Wichtig sei die Erkenntnis, dass Patienten mit chronischen Schmerzsyndromen nicht primär an sexuellen Schmerzstörungen leiden, sondern dass ihre Sexualität in ihrer ganzen Bandbreite beeinträchtigt wird (Lust, Erregung, Orgasmus, Befriedigung).

Umgekehrt haben Patienten mit sexuellen Schmerzsyndromen deutliche Gemeinsamkeiten mit Schmerzpatienten bzgl. der Krankheitsdynamik, dem subjektiven Erleben oder der Abwehr gegenüber psychotherapeutischen/psychosomatischen Ansätzen.

Therapeutische Optionen bei sexuellen Schmerzsyndromen sollten sich an schmerztherapeutische Strategien anlehnen, etwa in puncto kognitive Umstrukturierung oder Validierung der Schmerzangst und des Vermeidungsverhaltens. Als obsolet bezeichnete Hartmann chirurgische Korrekturmaßnahmen wie etwa die Korrektur der Vagina-Größe.

In der Praxis bedarf es einer genauen Schmerzuntersuchung und Schmerzanamnese sowie Geduld ohne übermäßigen Lösungsdruck. Empfehlenswert sei ein multidisziplinäres Behandlungsteam (Gynäkologe/Urologe, Sexualtherapeut, Physiotherapeut). (djb)

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