Schädel-Hirn-Traumata

Speichel-Test identifiziert Gehirnerschütterungen

Britische Wissenschaftler haben einen Test entwickelt, mit dem Sportler noch auf dem Platz auf eine Gehirnerschütterung hin untersucht werden können. Dadurch sollen mehr solcher Traumata entdeckt werden.

Von Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
Rugby-Spieler sind Hart im Nehmen: Bei Verdacht sind in der britischen Profiliga schon während eines Spiels Untersuchung auf Kopfverletzungen vorgeschrieben.

Rugby-Spieler sind Hart im Nehmen: Bei Verdacht sind in der britischen Profiliga schon während eines Spiels Untersuchung auf Kopfverletzungen vorgeschrieben.

© Alison Bowden / stock.adobe.com

Birmingham. Um Gehirnerschütterungen (Commotio cerebri) zuverlässig zu erkennen, die im Zuge von Sportunfällen passieren, haben Wissenschaftler der Universität Birmingham einen Speicheltest entwickelt, der unmittelbar nach dem Trauma 14 Biomarker erkennen kann, die sich nach traumatischen Hirnverletzungen bilden. Dadurch sollen mehr Commotiones aufgespürt werden, teilt die Universität mit.

Kombination aus 14 Biomarkern

Die Studie SCRUM baut auf frühere Untersuchungen der Forscher auf (J Neurotrauma 2017; 34(11):1948-1956). Dafür wurden Speichelproben von 1028 professionellen Rugby-Spielern aus der britischen Premiership und Championship zu verschiedenen Zeitpunkten genommen – während des Spiels, direkt nach dem Spiel und 36 bis 48 Stunden nach dem Spiel.

Diese wurden mit 156 Speichelproben verglichen, die von Spielern genommen wurden, bei denen die in solchen Fällen vorgeschriebene Untersuchung auf Kopfverletzungen (Head Injury Assessment, HIA) einen Verdacht auf Commotio begründete. Die HIA wird von medizinischem Personal bei professionellen Rugby-Spielen noch während des Spiels vorgenommen und beinhaltet eine neurologische Untersuchung, eine Reihe von kognitiven Tests, eine Überprüfung des Gangs und der Balance. Zusätzlich wurden die so genommenen Speichelproben mit Proben von 168 Spielern ohne Verletzungen oder mit muskuloskelettalen Verletzungen verglichen (BMJ 2021; online 23. März).

Ergebnis: Eine Kombination aus 14 Biomarkern wurde identifiziert, die sich kurz nach traumatischen Hirnverletzungen bilden. Diese bestehen aus kleinen, nichtkodierenden RNA-Sequenzen, sie sich per DNA-Sequenzierung aufspüren lassen. Mit dieser Biomarker-Kombination ließen sich 96 Prozent der Spieler mit Commotio identifizieren. Bei einem prospektiven Test bei professionellen Rugby-Spielen ließen sich 94 Prozent der Spieler identifizieren, bei denen die HIA zum Ergebnis kam, dass wahrscheinlich eine Commotio vorliegt.

Commotio-Test noch auf dem Platz

Mit dem Test sollen Untersuchungen auf Commotio leichter werden und nicht nur im Sport, sondern auch beim Militär oder im Gesundheitswesen verwendet werden können, damit keine Traumata mehr übersehen werden, schreiben die Autoren der Studie. „Commotio sind beizeiten schwer zu diagnostizieren, besonders im Breitensport, wo die Untersuchung durch einen Spezialisten nicht direkt möglich ist. Deshalb werden sie manchmal übersehen“, erläutert Erstautorin Dr. Valentina di Pietro in einer Mitteilung der Universität Birmingham zur Veröffentlichung der Studie.

Der Vorteil des Speicheltests liegt in der unmittelbaren Anwendbarkeit. Üblicherweise wird bei begründetem Verdacht auf eine Commotio ja ein CT des Kopfes angefertigt. Eine solche Untersuchung bringt aber zum einen eine Strahlenbelastung mit sich und zum anderen ist sie erst in der Klinik möglich. Anders der Speicheltest: „Die Zusammensetzung der Biomarker im Speichel ändert sich bereits binnen Minuten nach der Verletzung und ist dann messbar. Wir können so rapide Diagnosen stellen,“ erklärt Professor Antonio Belli, Seniorautor der Studie, in der Mitteilung.

Test für Profi-Athleten auf dem Weg zur Marktreife

Auf Basis der Studie SCRUM ist Marker Diagnostics, ein Tochterunternehmen der Schweizer Biotechnology-Firma Marker AG, gerade dabei, den Test MDx.100® zur Marktreife zu bringen. Dieser soll dann bei männlichen Profi-Athleten zusätzlich zu den bereits bestehenden medizinischen Protokollen angewendet werden. Weitere Studien zur Anwendbarkeit des Tests auch bei Frauen, Jugendlichen und Hobby-Sportlern laufen bereits, heißt es in der Mitteilung. Aber: „Wir sind noch ein Stück weit davon entfernt, dass der Test auf für Hobby-Rugby-Spieler verwendet werden kann“, schränkt Studienautor Dr. Simon Kemp ein.

Das Forscherteam will als Nächstes weitere Speichelproben von Rugby-Spielern untersuchen, um zusätzliche Daten zu sammeln und den Test weiter zu entwickeln, damit er zukünftig auch bei Fragen zur gesundheitlichen Prognose und dazu, wann der Spieler zum Spiel zurückkehren kann, verwendet werden kann.

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