Allergien

Warum Eltern Schnullis doch ablecken sollten

Eltern sollen Schnuller nicht in den Mund nehmen: Diese alte Weisheit bringen schwedische Forscher nun ins Wanken. Sie haben den Zusammenhang zwischen der Methode, Schnuller zu reinigen, und dem Auftreten von Allergien bei Kleinkindern untersucht - mit überraschendem Ergebnis.

Von Dr. Christine Starostzik Veröffentlicht:
Die Art, wie ein Schnuller gereinigt wird, beeinflusst das Allergie- und Sensibilisierungsrisiko.

Die Art, wie ein Schnuller gereinigt wird, beeinflusst das Allergie- und Sensibilisierungsrisiko.

© Kurhan / fotolia.com

GÖTEBORG. Bevor das Baby den Schnuller bekommt, nehmen ihn Mama oder Papa schnell nochmal in den Mund. Diese "Schnellreinigungsmethode" mobilisiert möglicherweise das Immunsystem der Jüngsten.

Die Kinder haben einer schwedischen Studie zufolge seltener Asthma oder Ekzeme und entwickeln eine andere Mundflora als Kinder mit ausschließlich wassergereinigtem Schnuller (Pediatrics 2013, online 6. Mai).

Die schwedische Geburtskohortenstudie mit 184 Kindern liefert einen weiteren Hinweis darauf, dass das kindliche Immunsystem offenbar Herausforderungen braucht, um adäquat zu funktionieren. Im Alter von 18 und 36 Monaten wurden Kinder, deren Eltern verschiedene Methoden zur Schnullerreinigung praktizierten, auf Ekzeme.

Asthmasymptome und Sensibilisierungen (spezifische IgE-Antikörper gegen Inhalationsantigene) hin untersucht. Zudem wurde die Zusammensetzung der kindlichen Mundflora im Alter von vier Monaten analysiert.

Bei 80 Prozent der Kinder war mindestens ein Elternteil allergisch vorbelastet. Rund drei Viertel nahmen in den ersten sechs Lebensmonaten einen Schnuller. Meist wurde dieser unter fließendem Leitungswasser gereinigt, etwa bei jedem zweiten Kind zusätzlich ausgekocht.

Zudem berichtete fast jedes zweite Elternpaar darüber, den Schnuller zu Reinigungszwecken selbst in den Mund zu nehmen, bevor ihn das Kind erhalte.

Prävention durch elterliche Oralkeime?

Im Alter von 18 Monaten hatten 25 Prozent der Kinder ein Ekzem und 5 Prozent Asthmasymptome entwickelt. 15 Prozent waren gegenüber Nahrungsmittelallergenen sensibilisiert.

Ob die Kinder generell einen Schnuller nahmen oder nicht, hatte keinen signifikanten Einfluss auf das Allergie- oder Sensibilisierungsrisiko. Entscheidend waren dagegen die Hygienegewohnheiten der Eltern.

Die 64 Kinder, deren Eltern den Schnuller in den Mund nahmen, um diesen zu "reinigen", bevor sie ihn ihrem Kind gaben, hatten im Alter von 18 Monaten seltener Asthma (Odds Ratio, OR 0,12), weniger Ekzeme (OR 0,37) und weniger Sensibilisierungen (OR 0,37) als die 58 Kinder, deren Eltern ausschließlich andere Schnullerreinigungstechniken wie Abspülen unter fließendem Wasser oder Auskochen bevorzugten.

Auch im Alter von 36 Monaten wurde bei Kindern von "Schnullereltern" noch eine geringere Ekzemrate beobachtet.

Auch die Art der Geburt ist von Bedeutung

Wurde die Art der Geburt mit berücksichtigt, ergab sich zudem der Hinweis auf einen additiven Schutzeffekt. So fand sich die niedrigste Ekzemrate bei vaginal geborenen Kindern, deren Eltern den Schnuller in den Mund nahmen (20 Prozent).

Kinder, die (wegen einer Sectio) weder der Vaginalflora der Mutter noch der Oralflora der Eltern (durch den Schnuller) ausgesetzt waren, hatten dagegen mit 54 Prozent die höchste Ekzemrate. Bei denen, die zumindest mit einer Art dieser natürlichen Mikroorganismen konfrontiert worden waren, lag die Prävalenz bei 31 Prozent.

Der Vergleich der mikrobiologischen Analysen ergab, dass die Mikroorganismen, die über den Schnuller auf das Kind übertragen werden, Einfluss auf die Entwicklung der kindlichen Mundflora haben.

Möglicherweise, so die Autoren, stimulieren sie das Immunsystem. Dies könnte dem Allergierisiko entgegenwirken, wie dies auch für die Darmflora diskutiert wird.

Eine weitere Absicherung ihrer Ergebnisse erwarten sich die Autoren durch umfangreichere Studien sowie von einem Follow-up der Kohorte, in dem unter anderem weitere Asthmaparameter mitberücksichtigt werden sollen.

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Kommentare
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Dr. Wolfram Hartmann

Herpes Risiko ist zu hoch

Da viele Eltern persistierende Herpesinfektionen an den Lippen und im Mund haben, ist diese Empfehlung der oralen Immunstimulation von Neugeborenen mit noch unreifem Immunsystem aus Sicht der Kinder- und Jugendärzte obsolet und sollte zumindest in den ersten 4 Lebensmonaten nicht praktiziert werden. leider ein Neugeborenes unter einer anfangs vielfach noch unbekannten Immunmangelerkrankung, kann eine auf diesem Weg erworbene Herpesinfektionen generalisieren und tödlich verlaufen.
Wenn die Säuglinge älter sind und eine angebörene Störung des Immunsystems ausgeschlossen ist, besteht diese Gefahr nicht mehr.


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