Schwindeldiagnose

Warum dreht sich denn alles?

Bei einem Patienten mit akutem Schwindel ist die Anamnese das wichtigste Werkzeug auf dem Weg zur Diagnose. Mit einigen wenigen Kernfragen geht das quasi schon am Telefon, sagt ein Experte.

Von Friederike Klein Veröffentlicht: 26.11.2014, 07:21 Uhr
Warum dreht sich denn alles?

Durch die Einordnung in fünf Schlüsselsyndrome lassen sich die meisten Schwindeltypen differenzieren.

© sstevens3 / istock

MÜNCHEN. "Das Wichtigste ist die Anamnese", betonte Professor Thomas Brandt vom Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum in München bei seinem Vortrag zur Differenzierung des Schwindels bei der Neurowoche 2014 in München. "Vieles können Sie fast allein am Telefon diagnostizieren, ohne eine klinische Untersuchung."

Mit der Einordnung in fünf Schlüsselsyndrome lassen sich zehn wichtige Schwindeltypen differenzieren, erläuterte Brandt:

  • Paroxysmaler Lagerungsschwindel (häufiger benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel, seltener zentraler Lagerungsschwindel oder Lagenystagmus)
  • Spontane rezidivierende Schwindelattacken (vestibuläre Migräne oder Morbus Menière)
  • Anhaltender Drehschwindel (vestibuläre Neuritis oder zentrale Pseudoneuritis)
  • Häufige, Sekunden dauernde Schwindel- und Gleichgewichtsattacken (häufiger Vestibularisparoxysmie als "Superior Canal Dehiscence Syndrome")
  • Posturaler Schwankschwindel ohne neurologische Symptome (häufiger phobischer Schwankschwindel, seltener bilaterale Vestibulopathie)
  • In diese Kategorien fallen selbst in Brandts Spezialambulanz in München 80-90 Prozent der Patienten mit Schwindel. Die weitere Annäherung an die Ursache der Beschwerden erfolgt mit folgenden Kriterien:

Dauer und Frequenz

  • Sekunden bis Minuten (Vestibularisparoxysmie, Lagerungsschwindel)
  • Minuten bis Stunden (Morbus Menière, vestibuläre Migräne - auch bis Wochen)
  • Tage bis Wochen (Neuritis)

Art des Schwindels

  • Drehen (Lagerungsschwindel, Morbus Menière, vestibuläre Neuritis)
  • Schwanken (phobischer Schwankschwindel)

Trigger

  • Schwindel bereits in Ruhe (Neuritis)
  • beim Gehen (bilaterale Vestibulopathie)
  • bei horizontaler Kopfdrehung (Vestibularisparoxysmie)
  • bei Kopflageänderung relativ zur Schwerkraft (Lageschwindel)
  • beim Husten oder Pressen (Fisteln)
  • situationsabhängig (phobischer Schwankschwindel oder andere somatoforme Schwindelformen)

Begleitsymptome

  • Hörminderung, Tinnitus, Oszillopsien
  • Neurologische Ausfälle

All diese Aspekte lassen sich im Anamnesegespräch klären. Die daraus sich entwickelnde Verdachtsdiagnose kann mit oto-neurologischen Untersuchungen hinsichtlich typischer Symptome wie Nystagmus oder Augenmotorik bestätigt werden.

Die Trias Drehschwindelattacken, Übelkeit und Ohrdruck weist auf einen Morbus Menière hin. "Ich finde den Ohrdruck besonders wichtig", erläuterte Brandt. Man solle außerdem daran denken, dass sieben Prozent der Patienten zu Beginn oder später "Drop Attacks" erleben, also plötzliche Sturzereignisse bei ungetrübter Bewusstseinslage.

"Bei Drop Attacks immer auch an Menière denken", rät Brandt daher. Die einmalige Injektion von Gentamycin kann bei von Sturzattacken betroffenen Patienten schwere Stürze und Verletzungen verhindern.

Schwierig kann die Differenzierung von Menière und Migräne sein - beide sind überzufällig häufig assoziiert und kommen gemeinsam vor.

An die vestibuläre Migräne denken!

Lange war die Diagnose "Vestibuläre Migräne" nicht anerkannt. Vor 20 Jahren habe er sie erstmals publiziert, erst jetzt habe sie den Segen der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft, berichtete Brandt.

"Die Kopfschmerzgesellschaft konnte einfach nicht akzeptieren, dass die Aura vestibulär nicht 20 Minuten dauert wie alle anderen Auren, sondern Minuten bis Tage." Dabei ist dies die häufigste, spontane episodische Schwindelform allgemein und bei Kindern im Besonderen: Hier stellt sie 40 Prozent aller Schwindelformen dar und hat eine gute Prognose.

In der akuten Attacke kommt es laut Brandt immer zu einer Standunsicherheit und oft auch zu zentralen vestibulären Nystagmusbefunden, einem anhaltenden Lagenystagmus, nicht so paroxysmal wie beim gutartigen Lagerungsschwindel.

Im Intervall zeigen sich bei genauer Untersuchung leichte Okulomotorikstörungen mit saccadierter Blickfolge und Lagenystagmus. Solche leichten Okulomotorikstörungen im Intervall finden sich sonst nur noch bei der episodischen Ataxie.

"Denken Sie an die Migräne", riet Brandt, "wir haben alle unsere Patienten lange falsch behandelt bis wir gelernt haben, mit Betablockern sind die Attacken weg - alles andere hat nicht geholfen."

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