Wenn Schwangere sich vergiften

Hat eine Schwangere versucht, sich zu vergiften, wird das Fehlbildungsrisiko nach Überdosierung oft überschätzt. Denn solange die Mutter nicht vital bedroht ist und adäquat behandelt wird, ist das Risiko für das Kind gering.

Von Beate Fessler Veröffentlicht:
Nach Vergiftungen gilt es, die Schwangere so zu behandeln wie eine nicht schwangere Frau.

Nach Vergiftungen gilt es, die Schwangere so zu behandeln wie eine nicht schwangere Frau.

© Marcin Sadlowski / fotolia

BERLIN. Bei Intoxikationen in der Schwangerschaft ist die Unsicherheit oft groß, ob das ungeborene Kind dadurch in Gefahr gerät.

Die Datenlage dazu ist gering und stützt sich auf Einzelfallberichte und kleine Fallserien, sodass die differenzierte Risikobewertung schwierig ist.

Jedoch scheint das Risiko für das Kind gerade bei Medikamenten, die häufig in suizidaler Absicht eingenommen werden, eher gering zu sein.

Für die Intoxikation mit Analgetika stehen Daten aus verschiedenen Fallserien zur Verfügung. Dabei zeigten sich unter einer Überdosierung von Paracetamol bei 450 Schwangeren weder Anzeichen für Teratogenität noch für eine erhöhte Abortrate oder Hepatotoxizität beim Feten (Med Klin Intensivmed Notfmed 2012; 107: 118).

Bei keinem der Neugeborenen wurden Leber- oder Nierenschäden beobachtet, selbst bei einem Kind nicht, dessen Mutter in SSW 32 und 33 so hohe Paracetamoldosen eingenommen hatte, dass eine Lebertransplantation erwogen worden war. Das Antidot Acetylcystein erwies sich auch beim Feten als wirksam und verträglich.

Auch unter ASS-Intoxikation wurde bei 101 Schwangeren kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko beobachtet. Wenn die Schwangere keine schweren toxischen Symptome entwickelte, traten weder fetale Blutungen noch Spontanaborte oder ein intrauteriner Fruchttod auf.

Bei schwerer ASS-Intoxikation sollte die Indikation zur Hämodialyse in der Schwangerschaft allerdings großzügiger gestellt werden. Eine Überdosierung von Ibuprofen untersuchte eine Fallserie mit 100 Schwangeren.

Drei Kinder entwickelten kardiale Anomalien. Das ist zwar mehr als erwartet. Die geringe Fallzahl lässt aber keine Ursachenzuweisung zu.

Trizyklische Antidepressiva können überdosiert schwere toxische Symptome, einschließlich Herzrhythmusstörungen und Krampfanfälle bei der Mutter verursachen und damit auch den Feten gefährden.

Sonografische Kontrolle der Feten

In einer kleinen Fallserie mit 18 Schwangeren, die zwischen 150 und 1000 mg Amitryptilin eingenommen hatten, ergab sich aber kein Hinweis auf eine teratogene Wirkung.

Auch Eisenpräparate werden in suizidaler Absicht in Überdosen eingenommen. Sie scheinen dem Feten nicht zu schaden, wenn die Mutter adäquat behandelt wird.

21 Frauen mit Serumeisenkonzentrationen im mittleren toxischen Bereich und acht Frauen mit Serumeisenkonzentrationen im hochtoxischen Bereich wurden im Rahmen einer Fallserie ermittelt. Behandelt wurde mit Deferoxamin oder anderen Entgiftungsmöglichkeiten. Alle Mütter überlebten.

Berichtet werden auch Knollenblätterpilzvergiftungen bei Schwangeren. Eine Patientin mit einer Vergiftung im ersten Trimenon erlitt einen Abort. Eine andere Patientin mit Knollenblätterpilzvergiftung im achten Schwangerschaftsmonat hingegen brachte nach Plasmapherese ein gesundes Kind zur Welt.

Ein erhebliches Risiko für den Feten ist laut Privatdozent Christof Schaefer, Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, offenbar erst dann gegeben, wenn die Mutter selbst vital bedroht ist und nicht adäquat mit Entgiftungsmaßnahmen oder unterstützender Therapie versorgt wird.

Sie muss so behandelt werden wie eine Nicht-Schwangere. Bei relevanten Vergiftungen muss die Entwicklung des Feten mit weiterführender Ultraschalldiagnostik kontrolliert werden.

Damit lassen sich in der Akutsituation Vitalität, Herzfrequenz und Bewegungsmuster erfassen, sowie Organfehlbildungen und Wachstumsstörungen im weiteren Verlauf.

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