Direkt zum Inhaltsbereich

Wer Heroin als Medikament produziert, bleibt geheim

KÖLN (nsi). Wenn in Deutschland die rechtliche Grundlage für eine heroingestützte Therapie Schwerstabhängiger gelegt würde, wäre es sinnvoll, die Zahl der Therapieplätze aus logistischen Gründen zunächst einmal zu begrenzen, auf 1000 bis 2000 Opiatsüchtige zum Beispiel.

Veröffentlicht:

Bei einem durchschnittlichen Bedarf von 400 bis 500 Milligramm Heroin am Tag, der in Studien ermittelt wurde, würden bei 1000 Therapieplätzen zwischen 2,8 und 3,5 Kilogramm hochreinen Heroins pro Woche benötigt. Woher sollen sie kommen, wie werden sie transportiert und wie gelagert?

Hersteller berät sich mit dem Bundeskriminalamt

"Das Heroin sollte sicher nicht über Apotheken vergeben werden", hat Privatdozent Christian Haasen vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung in Hamburg im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" gesagt. "Damit hat man in Großbritannien keine guten Erfahrungen gemacht. Es wäre sinnvoll, die Substanz direkt an die Drogenambulanzen zu liefern, wo sie sich die Patienten unter Aufsicht und unter hygienischen Bedingungen injizieren, so, wie es auch in der Heroinstudie gemacht wurde."

Schon in Vorbereitung auf die Heroin-Studie in Deutschland habe sich das Unternehmen, das das Heroin (Diacetylmorphin) liefert, mit dem Bundesnachrichtendienst und dem Bundeskriminalamt beraten, wie Transport und Lagerung sicher gewährleistet werden können, so ein Sprecher des Unternehmens zur "Ärzte Zeitung".

Den Namen des Unternehmen und dessen Sitz möchte er nicht veröffentlicht sehen: "Wir fürchten, sowohl von Drogenabhängigen, aber auch von Gegnern der heroingestützten Therapie belagert zu werden." Das Diacetylmorphin wird von einem Kooperationspartner des Unternehmens in einem anderen Land aus Roh-Opium hergestellt.

Das Unternehmen hätte für den Vertrieb in Deutschland ein Monopol, denn andere Anbieter gibt es bislang nicht. Weckt das nicht Befürchtungen bei den Krankenkassen, daß hohe Kosten entstünden, wenn es Heroin auf Rezept gäbe? "Wir haben den Behörden unsere Kosten für die Zulassung, die Herstellung und den Vertrieb der Substanz offengelegt und darauf basierend über einen Preis gesprochen, der sehr fair ist", so der Mitarbeiter des Unternehmens.

Auch das Procedere für die Zulassung für das Diacetylmorphin-Präparat ist anders, als das normalerweise bei einem Medikament der Fall ist. Aussagekräftige präklinische Studien mit Labortieren seien für diese Anwendung wegen Unverträglichkeit nicht möglich, so der Firmensprecher. Das Unternehmen habe sich im Zulassungsantrag auf eine literaturbasierte Bewertung und auf die Daten klinischer Untersuchungen mit Morphin als Schmerzmittel gestützt.

Weitere Kurzinfos zu Heroin unter www.klinik.uni-frankfurt.de/zpharm/klin/texte/kursskripte/DrogenUndSucht.pdf

Lesen Sie dazu auch: Heroin bei Sucht auf Rezept - Kapitulation oder Hilfe?



STICHWORT

Diacetylmorphin

Heroin (Diacetylmorphin) ist ein Prodrug, das enzymatisch in Monoacetylmorphin und weiter in Morphin gespalten wird. Heroin ist im Vergleich zu Morphin deutlich lipophiler und verteilt sich anders im Körper: Bei intravenöser Injektion kommen von Morphin nur 20 bis 30 Prozent der Substanz im Gehirn an. Dagegen gelangen fast 100 Prozent des intravenös gespritzten Heroins ins Zentralnervensystem und erreichen rasch hohe Konzentrationen. Morphin bindet vor allem an die µ-Opioidrezeptoren, die acetylierten Formen aktivieren zusätzlich andere Rezeptorsubtypen. So erklären sich die Forscher die Unterschiede in der Wirkung von Morphin und Heroin nicht nur durch die unterschiedliche Pharmakokinetik der Substanzen, sondern auch durch verschiedenartige Wechselwirkungen mit den Rezeptoren.

STICHWORT

Heroin-Studie

1015 Schwerstabhängige aus Hamburg, Köln, Bonn, Frankfurt am Main, Karlsruhe und München sind in die Methadon- (n=500) oder die Heroin-Gruppe (n=515) randomisiert aufgenommen worden. Sie mußten mindestens 23 Jahre alt und seit wenigstens fünf Jahren opiatabhängig sein. Einschlußkriterien waren auch schlechte körperliche und mentale Verfassung sowie vergebliche oder abgebrochene Versuche mit anderen Therapien. Die Teilnehmer waren zu Beginn im Durchschnitt 36 Jahre alt und hatten im Mittel mit etwa 20 Jahren begonnen, Heroin zu nehmen. 80 Prozent der Teilnehmer sind männlich. Heroin und Methadon wurden individuell dosiert (maximal ein Gramm Heroin pro Tag) und bis zu dreimal täglich angeboten. Die Teilnehmer konnten die Studie jederzeit abbrechen, Teilnehmer der Methadongruppe nach einem Jahr in die Heroingruppe wechseln. Allen wurde psychosoziale Unterstützung angeboten.

Umfangreiche Infos zur Studie unter www.heroinstudie.de 

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
50 Jahre Jung-Preis

© Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung

50 Jahre Jung-Preis

Freiheit als Voraussetzung für medizinischen Fortschritt

Anzeige | Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Studien CLIMB THAL-111 und -131: Veränderung des Gesamt-Hb-Werts und des HbF-Werts nach Exa-cel-Infusion bei TDT-Patientinnen und -Patienten (Quelle: Locatelli F et al., European Society for Blood and Marrow Transplantation (EBMT) 2026, Madrid, Spanien, Abstract GS2-5)

© Springer Medizin Verlag

Neue Perspektiven bei Hämoglobinopathien

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Vertex Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: WAYPOINT-Studie: schnelle und signifikante Reduktion des SNOT-22-Scores über 52 Wochen

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [6]

Schwere, unkontrollierte CRSwNP

Wirkansatz an epithelialen Alarminen

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Abb. 1: Signalkaskade der kardiovaskulären Inflammation

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [9]

Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt

Therapie der kardiovaskulären Inflammation senkt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APONTIS PHARMA Deutschland GmbH & Co. KG
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Raumfahrtmediziner im Porträt

Jens Jordan – ein Arzt für Weltall und Erde

Lesetipps
Dreidimensionale gerenderte Darstellung der Anatomie des menschlichen Herzens.

© PIC4U / stock.adobe.com

Schutzmechanismus entdeckt?

Warum Krebs im Herzen selten vorkommt

Eine Frau hat einen kleinen Ventilator in der Hand.

© Marcus Brandt/dpa

Auf einen Blick

Unsere Beiträge zum Thema Hitze in der Übersicht