Deutsches IVF-Register

Wie sich Mehrlingsschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung reduzieren lassen

Mehrlingsschwangerschaften im Zusammenhang mit IVF ließen sich auf ein Minimum reduzieren laut aktuellen Daten des Deutschen IVF-Registers. Die Lösung: Single-Embryo-Transfer unter Verwendung einer besonderen Kulturmethode.

Von Ingrid KreutzIngrid Kreutz Veröffentlicht:
In-Vitro-Fertilisation: Unter Verwendung einer besonderen Kulturmethode wurden im Jahr 2018 in Deutschland 13.761 Single-Embryo-Transfers durchgeführt, die zur Geburt von 3510 geborenen Kindern führten. Davon kamen 96 Prozent als Einlinge zur Welt.

In-Vitro-Fertilisation: Unter Verwendung einer besonderen Kulturmethode wurden im Jahr 2018 in Deutschland 13.761 Single-Embryo-Transfers durchgeführt, die zur Geburt von 3510 geborenen Kindern führten. Davon kamen 96 Prozent als Einlinge zur Welt.

© Sebastian Kaulitzki / stock.adobe.com

Düsseldorf. Das Risiko für eine Frühgeburt ist bei Mehrlingsschwangerschaften bekanntlich erhöht. Das Risiko, extrem früh, das heißt noch vor der 28. Schwangerschaftswoche, geboren zu werden, steigt von 1,4 Prozent bei Einlingsschwangerschaften über 5,5 Prozent bei Zwillingsschwangerschaften bis hin zu 14,3 Prozent bei Drillingsschwangerschaften, teilt das Deutsche IVF-Register mit. Eine herkömmliche IVF erhöht das Risiko für Mehrlingsschwangerschaften. Es gibt jedoch Alternativen.

Das jüngst erschienene Jahrbuch 2019 des Deutschen IVF-Registers (D·I·R), das über die Ergebnisse und die Erkenntnisse aus über 100.000 Kinderwunschbehandlungen jeweils in den Jahren 2018 und 2019 informiert, beschäftigt sich auch mit Lösungen, um die Mehrlingsschwangerschaften zu reduzieren, ohne die Chancen auf Schwangerschaft und Geburt dabei nachhaltig zu senken.

Häufig Mehrlinge mit klassicher IVF

In der Kinderwunschmedizin wurde ja seit den 90er Jahren die Eizelle mit Spermien in Kontakt gebracht (In-Vitro-Fertilisation, IVF) oder auch ein Spermium direkt in die Eizelle hinein injiziert (Intra-cytoplasmatische Spermien-Injektion, ICSI), erinnert das Deutsche IVF-Register.

Befruchtete Eizellen wurden nach begonnener Zellteilung in die Gebärmutter gesetzt. Und um die Chance zu erhöhen, dass bei diesen befruchteten Eizellen mindestens ein entwicklungsfähiger Embryo dabei ist, wurden maximal drei Embryonen zurückgesetzt.

Manchmal ging die Rechnung auf und es gingen tatsächlich alle Embryonen außer einem zugrunde, so dass am Ende eine problemlose Schwangerschaft mit einem Einling erreicht wurde. Häufig kam es aber zu Zwillings-, Drillings- oder auch Vierlingsschwangerschaften, heißt es in der Mitteilung des IVF-Registers.

Weniger Mehrlinge mit Single Embryo-Transfer

Die Forschung hat inzwischen Kriterien entwickelt, um in den Tagen nach der Befruchtung einer Eizelle sehr zuverlässig festzustellen, ob ein Embryo gute Chancen hat, sich erfolgreich in der Wand der Gebärmutter einzunisten. Setzt man nur diesen in den Uterus zurück, führt das mit einer großen Wahrscheinlichkeit in eine erfolgversprechende Einlings-Schwangerschaft (elektiver Single Embryo-Transfer, eSET).

Alle anderen Embryonen, die in demselben Zyklus entstanden sind und ebenfalls eine sehr gute biologische Qualität haben, werden eingefroren für spätere Versuche, falls in diesem Zyklus keine Schwangerschaft eintritt oder wenn später noch weitere Geschwisterkinder gewünscht werden.

Dieses Verfahren kommt für Deutschland aber so nicht infrage. Der Grund: Das Kultivieren mehrerer befruchteter Eizellen, um anschließend nur einen Embryo für die Einpflanzung auszuwählen, und das regelhafte Einfrieren überzähliger Embryonen sind in Deutschland laut Embryonenschutzgesetz verboten.

In Schweden und den Niederlanden kommt es in der Kinderwunschmedizin wegen der breiten Anwendung des eSET nur noch bei weniger als fünf Prozent aller Schwangerschaften zu einer Mehrlingsgeburt, so das Deutsche IVF-Register. Das sei auch einer der wesentlichen Gründe dafür, dass in beiden Ländern insgesamt die Frühgeburtenrate deutlich niedriger ist als in Deutschland.

Deutsche Ärzte bieten besondere Kulturmethode an

Aber auch in Deutschland versuchen die Kinderwunschzentren, so oft wie möglich Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden, ohne dabei Gesetzesbrecher zu werden, und zwar mit einer besonderen Kulturmethode. Verboten laut Embryonenschutzgesetz ist lediglich, dass mit Absicht und Vorsatz regelmäßig mehr Embryonen entstehen als notwendig sind, um bei dieser Frau in diesem Zyklus eine Schwangerschaft entstehen zu lassen. Verboten ist aber nicht, dass viele Eizellen befruchtet werden. Genau hier setzt die besondere Kulturmethode an: Dafür werden nach der Hormonstimulation in der Mitte des Zyklus standardmäßig so viele Eizellen wie möglich aus den Eierstöcken gewonnen und mit Samenzellen zusammengebracht, heißt es in der Mitteilung des IVF-Registers.

Durchschnittlich zeigen 60 Prozent der gewonnenen Eizellen eine regelrecht abgelaufene Befruchtung und können kurz vor(!) dem Moment, an dem sich der weibliche und der männliche Chromosomensatz zu dem neuen individuellen Chromosomensatz des Embryos vereinigen, auch eingefroren werden.

Weiter als bis zu diesem Zeitpunkt dürfen sich nur so viele befruchtete Eizellen entwickeln, wie gebraucht werden, um in diesem Zyklus einen Schwangerschaftseintritt wahrscheinlich zu machen. Nach den Regeln des alten Gesetzes sind das maximal drei Eizellen. Alle anderen befruchteten Eizellen werden eingefroren.

Die weitere Entwicklung der nicht eingefrorenen, befruchteten Eizellen wird beobachtet. Ist sie befriedigend, kann der am besten entwickelte Embryo nach fünf Tagen eingesetzt werden. Sollten wider Erwarten mehr als der eine Embryo entstehen, kann und sollte dieser Embryo eingefroren werden, um für einen weiteren Embryotransfer zur Verfügung zu stehen.

Registerdaten aus dem Jahr 2018 analysiert

Viele Paare wollen aber trotzdem auf Nummer sicher gehen und lassen sich zwei statt nur einen gesunden Embryo einsetzen, weil das Einsetzen von zwei „guten“ Embryonen statistisch von einer höheren Rate an Schwangerschaften gefolgt ist und weil zudem jeder zusätzliche Behandlungszyklus mit erheblichen, oft vierstelligen Mehrkosten behaftet ist. Nach den Regelungen im Sozialgesetzbuch besteht für Paare in einer Kinderwunschbehandlung eine 50-prozentige Selbstbeteiligung an den Kosten.

Unter Verwendung dieser besonderen Kulturmethode wurden im Jahr 2018 in Deutschland laut IVF-Register 13.761 Single-Embryo-Transfers durchgeführt, die zur Geburt von 3510 geborenen Kindern führten. Davon kamen 96 Prozent als Einlinge zur Welt. Dem gegenüber wurden 21.051 Double-Embryo-Transfers durchgeführt, die zur Geburt von 8096 Kindern führten, von denen nur 56 Prozent als Einlinge geboren wurden.

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