Mamma-Karzinom

"Wir müssen immer die absoluten Zahlen in puncto Mammografie-Screening nennen"

Das Mammografie-Screening ist mittlerweile bundesweit für alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren eingeführt. Über Vor- und Nachteile wird heftig diskutiert. "Jede Frau sollte zuvor umfassend informiert sein", betont Professor Ingrid Schreer im Vorfeld des Senologie-Kongresses in Hamburg.

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Ärzte Zeitung: Frau Professor Schreer, eine dänische Studie hat kürzlich festgestellt, dass in Regionen ohne Screening weniger Frauen an Brustkrebs gestorben sind als in dem Bereich Dänemarks, wo seit 17 Jahren ein Mammografie-Screening durchgeführt wird. Ist die Reihenuntersuchung also sinnlos?

Professor Schreer: Diese Publikation muss man sehr kritisch bewerten. Es handelt sich um eine retrospektive Analyse mit entsprechend hoher Fehlerquote. Es wurde zum Beispiel nicht berücksichtigt, ob in einem Kollektiv mehr Frauen mit hohem Brustkrebsrisiko waren oder andere Therapiemethoden angewandt wurden. Aus einer solchen Untersuchung kann man keine Konsequenzen für den klinischen Alltag ziehen. Ich bin überzeugt, dass das Mammografie-Screening die einzige Methode ist, die nachweislich die Brustkrebssterblichkeit beeinflussen kann. Darüber hinaus werden mehr Tumoren im Frühstadium entdeckt, die mit geringerem Therapieaufwand behandelt werden können. Bei einem Tumor, der kleiner als 10 mm ist, überleben 96 Prozent der Frauen die nächsten 20 Jahre.

Ärzte Zeitung: Die unterschiedlichen Zahlen zum Nutzen sind verwirrend. Die Kooperationsgemeinschaft Mammografie, ein Verbund aus Krankenkassen und Ärzten, sagt, dass von 200 Frauen, die sich 20 Jahre untersuchen lassen, eine gerettet wird. Ein internationales Cochrane Review ist viel skeptischer, dort ist es nur eine von 2000...

Schreer: Ein wesentlicher Unterschied liegt hier in der Dauer des Screenings. Das Review geht von einem zehnjährigen Screening aus, also nur der Hälfte der Zeit. Der Vorteil wird aber erst mit den Jahren größer.

Ärzte Zeitung: Die Experten haben hochgerechnet, dass die Frauen im Mittel nur einen Tag Lebenszeit durch das Screening gewinnen…

Schreer: So kann man doch nicht rechnen! Nicht, dass ich mir auch wünschte, es würde mehr sein. Nicht, dass ich auch skeptisch wäre, ob wir in Deutschland tatsächlich eine 30-prozentige Reduktion der Sterblichkeit erreichen, wie es in kontrollierten Studien gezeigt wurde. Aber man darf nicht vergessen, dass wir gesunde Frauen untersuchen. Da ist es in meinen Augen perfide, von nur einem gewonnen Tag zu sprechen.

Ärzte Zeitung: 30 Prozent weniger Todesfälle - das hört sich gut an. Um aber bei den 200 untersuchten Frauen zu bleiben: 30 Prozent bedeuten, dass in 20 Jahren statt drei nur zwei Frauen sterben...

Schreer: Das ist richtig, die prozentuale Angabe ist eigentlich die falsche Information. Wir müssen immer die absoluten Zahlen nennen, damit sich die Frau ein Bild machen kann.

Ärzte Zeitung: Auch wird längst nicht jeder Tumor im Frühstadium entdeckt...

Schreer: Bislang wird das Screening nach dem Gießkannenprinzip angeboten, ohne Rücksicht auf das individuelle Risiko. Wenn Mutter oder Schwester erkrankt sind, ist das Zwei-Jahres-Intervall für eine Frau zu lang. Da bildet sich unter Umständen in der Zwischenzeit ein Krebs und der Tumor ist größer als er sein müsste, wenn die nächste Mammografie ansteht.

Ärzte Zeitung: Auch kann es sein, dass die Mammografie Krebs gar nicht sichtbar macht. Aber häufiger sind falsch-positive Befunde...

Schreer: Falscher Alarm lässt sich nicht ganz ausschließen. 20 der 200 Frauen wird im Laufe der 20 Jahre zu einer Gewebeentnahme geraten, bei 10 Frauen stellt sich der Verdacht als unbegründet heraus. Das müssen wir den Frauen vor der Untersuchung sagen. Jede Frau sollte umfassend informiert sein, bevor sie sich für eine Maßnahme entscheidet, die in ihr Leben eingreift. Sie muss wissen, welche Vorteile und theoretischen Nachteile die Untersuchung hat.

Das Gespräch führte Uwe Groenewold

Zur Person: Professor Ingrid Schreer

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