Gesundheitswirtschaftskongress

Bitte an Politik: Selbstverwaltung selbst verwalten lassen

Fachkräftemangel, Ambulantisierung, Standortkonzentration – die Liste der Baustellen in der Gesundheitspolitik ist lang. Was zu tun ist, diskutierten Akteure auf dem Gesundheitswirtschaftskongress. Von der Politik forderten sie mehr Zurückhaltung.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Die Rahmenbedingungen für die Forschung haben es möglich gemacht, dass die Impfstoffentwicklung in Deutschland so rasch gelingen konnte, meinte Han Steutel, Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfA) beim Gesundheitswirtschaftskongress.

Die Rahmenbedingungen für die Forschung haben es möglich gemacht, dass die Impfstoffentwicklung in Deutschland so rasch gelingen konnte, meinte Han Steutel, Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfA) beim Gesundheitswirtschaftskongress.

© Claus Schunk / SZ Photo / picture alliance

Hamburg. Jede Menge Herausforderungen warten auf das deutsche Gesundheitswesen – die Akteure wollen diese annehmen und erwarten vom Staat mehr Zurückhaltung. Dieser Tenor zog sich durch die Veranstaltungen des am 21. September eröffneten Gesundheitswirtschaftskongresses in Hamburg.

Die Skepsis gegenüber der zunehmenden staatlichen Regulierung einte auch Akteure, die in anderen Fragen kontrovers diskutieren. Zum Beispiel TK-Chef Dr. Jens Baas und den Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Gerald Gaß.

„Der Staat mischt sich immer mehr ein. Das ist keine gute Idee und hat noch nie gut funktioniert“, sagte Baas in einer Runde aus Akteuren, in der keine Politiker vertreten waren. Eine Folge immer neuer Gesetze seien steigende Kosten für die Kassen.

Abstandsbitte an die Politik

Auch Gaß appellierte an den Staat, „Abstand zu nehmen von immer mehr Regulierung“. Für den Klinikbereich gilt schon jetzt nach seiner Wahrnehmung: „Das durchschaut keiner mehr.“

Welches aber sind die Herausforderungen, die die Akteure meistern wollen? Deutlich wurden unter anderem folgende Themen:

Ein Problem, dass sich seit Jahren abzeichnet, durch Corona verschärft und von der Politik nicht gelöst werden konnte. Pflegedirektorin Sabine Brase aus dem Klinikum Oldenburg zeigte sich enttäuscht, dass die Situation der Pflegenden im Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt hat und man kaum Lösungsansätze hört.

Die Zeit aber drängt: Laut Brase sind die Arbeitsmarktreserven für Klinikmitarbeiter leer, zugleich seien viele Pflegende von den Anstrengungen der Pandemie physisch und emotional noch nicht erholt – und jetzt drohen an manchen Kliniken erneut erhöhte Belastungen.

Laut Dr. Reinhard Wichels von WMC Healthcare haben Krankenhäuser mit rückläufigen Fallzahlen zu kämpfen, weil viele Menschen ambulante Strukturen bevorzugen. Kliniken sieht er darauf unzureichend vorbereitet. „MVZ in Krankenhausträgerschaft haben sich nicht bewährt“, stellte er fest.

Er plädierte für eine gemeinsame Nutzung von Strukturen. So könnten etwa Ärztehäuser und Kliniken gemeinsam auf teure Geräte zugreifen und entscheiden, ob ein Patient ambulant, teilstationär oder stationär behandelt werden muss. Dafür allerdings fehlen derzeit die finanziellen Rahmenbedingungen.

Gastgeber Professor Heinz Lohmann kritisierte, dass die Diskussion über die Konzentration von Klinikleistungen einseitig negativ unter dem Stichwort „Krankenhaussterben“ geführt wird. „Da läuft etwas eindeutig falsch“, sagte Lohmann, der sich eine positivere Besetzung von spezialisierten Kliniken wünscht.

Unterstützung erhielt er von Baas, der die Standortdiskussion ebenfalls aus Qualitätsgründen und weniger unter Kostenaspekten führen möchte.

Kongresspräsident Ulf Fink rief dazu auf, sich im Gesundheitswesen mehr mit der Vorbeugung zu beschäftigen. Er verwies darauf, dass vorliegende Pandemie-Szenarien ignoriert wurden – die Bewältigung kostete dann ein Vielfaches mehr als mögliche vorbeugende Schutzmaßnahmen.

Der präventive Charakter sollte nach seiner Ansicht insgesamt stärker betont werden – für ihn ist das deutsche Gesundheitswesen eher ein „Krankheitsheilungssystem“. Prävention könnte nach Ansicht Finks viel bewirken, schließlich seien viele Erkrankungen lebensstilbedingt.

Impfstoffentwicklung kein Wunder

Es gab aber auch Themen, bei denen die Fortschritte in den Vordergrund gestellt wurden. Eines davon: Die Forschung. Han Steutel, Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfA), hob die Leistung bei der Impfstoffentwicklung hervor: „Das war kein Wunder, sondern Wissenschaft.“

Erst die Rahmenbedingungen für die Forschung hätten ermöglicht, dass die Impfstoffentwicklung in so kurzer Zeit gelingen konnte. Nach seiner Wahrnehmung hat der Ruf der Pharmabranche davon insgesamt profitiert. Steutel erwartet, dass die deutsche Volkswirtschaft einen Nutzen daraus ziehen kann, wenn die Bedingungen für die Pharmaindustrie weiter verbessert werden. Auch Baas zeigte sich erfreut von einer „leistungsstarken Pharmaindustrie“, mahnte aber neue Preisfindungsmechanismen an.

Positiv fiel auch die Bewertung der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens durch Professor Jörg Debatin aus. Er nimmt in der Bevölkerung einen „positiven Grundkonsens“ für die Annahme wahr, dass die Gesundheitsversorgung mit der Digitalisierung effizienter gestaltet und spezialisierte Medizin in die Fläche getragen werden kann.

E-Akte „nicht in den Sand setzen“

Allerdings mahnte Debatin, dass Deutschland jetzt die elektronische Patientenakte „nicht in den Sand setzen“ dürfe.

Die insgesamt positive Haltung in Sachen Digitalisierung könnte laut Heiko Borwieck von Philips Healthcare auch daraus resultieren, dass digitale Lösungen zur Bewältigung der Pandemie beigetragen haben. Nun setzt er darauf, dass Systempartnerschaften zwischen Industrie und Nutzern Prozesse weiter optimieren helfen.

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