Prognosemodell der Intensivmediziner

Corona-Lockdown bis 1. April, Pandemiekontrolle bis Herbst?

Auf Basis eines Prognosemodells empfiehlt die Fachgesellschaft der Intensivmedizner einen Corona-Lockdown bis April und danach eine R-Wert-gesteuerte Öffnung. Das soll Belegungsspitzen auf Intensivstationen vermeiden.

Von Philipp Grätzel von GrätzPhilipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Bereit zur Beatmung. Intensiv- und Notfallmediziner schauen anhand eines Prognosemodells in die Corona-Zukunft.

Bereit zur Beatmung. Intensiv- und Notfallmediziner schauen anhand eines Prognosemodells in die Corona-Zukunft.

© Vadim / stock.adobe.com

Berlin. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat ein neues Prognosemodell entwickelt, mit dem sich die Auslastung der Intensivstationen in den nächsten Monaten modellieren lässt, und zwar in Abhängigkeit vom R-Wert für Wildtyp-SARS-CoV2-Coronavirus und B1.1.7 Mutante sowie in Abhängigkeit von der Impfgeschwindigkeit. Die Simulationen basieren auf der Annahme, dass der derzeitige Lockdown mit seinem Wildtyp-R-Wert von 0,85 bzw. einem B1.1.7 R-Wert von 1,2 bis zum 7. März, bis zum 1. April oder bis zum 21. April fortgesetzt wird. Ferner liegt den Kalkulationen die Annahme zugrunde, dass die Ausbreitung der B1.1.7 Mutante um 35 Prozent schneller geschieht als die der Wildtyp-Variante.

Für jeden der drei Termine für ein mögliches Lockdown-Ende hat die DIVI mehrere Szenarien simuliert, nämlich eine gute Kontrolle der Virusausbreitung nach dem Lockdown-Ende mit einem R-Wert von 1,0 (Wildtyp) bzw. 1,35 (B1.1.7) und eine weniger gute Kontrolle der Virusausbreitung mit einem R-Wert von 1,2 (Wildtyp) bzw. 1,55 (B1.1.7) sowie eine langsame Impfstrategie mit 80 Prozent Durchimpfung aller Erwachsener über 35 Jahren bis 15. August und einer ambitionierteren Impfstrategie mit Durchimpfung der Altersklasse Ü35 bis 30. Juni.

Mitte bis Ende Mai ist der kritische Zeitraum

Je nachdem, welche Szenarien simuliert werden, fallen die Belegungsspitzen der Intensivmedizin im Frühjahr sehr unterschiedlich aus. Der kritische Zeitraum ist Mitte bis Ende Mai.

Im Worst-Case-Szenario drohe demnach bei einer Öffnung am 7. März und einem R-Wert danach von 1,2/1,55 sowie einer langsamen Impfstrategie mit ab April angenommen 230.000 Impfungen pro Tag eine ITS-Belegung Ende Mai von 25.000 COVID-19-Patienten, also viermal so viele wie Mitte Januar. Wird der Lockdown noch drei Wochen länger durchgehalten, wären es wesentlich weniger, etwa 6000, und damit ähnlich viele wie im Januar. Bei einem Lockdown bis zum 21. April wäre eine Belegungsspitze kaum mehr sichtbar.

Eine schnelle Impfstrategie mit angenommen 350.000 Impfungen pro Tag ab April könnte das Belegungsmaximum bei frühem Lockdown-Ende und danach schlechter Kontrolle, also R-Wert von 1,2/1,55 (Wildtyp/B1.1.7), auf 12.000 COVID-19-Patienten senken. Bei einem Lockdown-Ende drei Wochen später, am 1. April, wären es in der Spitze Ende Mai unter den genannten R-Wert-Bedingungen nur noch rund 2000 COVID-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen.

Gelänge die Viruskontrolle nach Lockdown-Ende besser, das heißt würde im Mittel ein R-Wert von 1,0/1,35 (Wildtyp/B1.1.7) erreicht, dann würde bei frühem Lockdown-Ende am 7. März und langsamer Impfstrategie Mitte Mai ein Belegungsmaximum von 4000 Patienten erreicht, also 1000 mehr als derzeit, aber 2000 weniger als im Januar. Bei einem Lockdown bis 1. April läge das Mai-Maximum deutlich unter 2000 Patienten, also gut 1000 Patienten weniger als jetzt. Bei schneller Impfstrategie wäre das Maximum bei früher Öffnung bei etwas über 3000 Patienten, bei einer Öffnung ab 1. April wäre kaum noch eine Belegungsspitze sichtbar.

Professor Christian Karagiannidis von der Lungenklinik Köln-Merheim betonte, dass sich das DIVI Prognosemodell anhand der Daten des DIVI Intensivregisters rückwärts validieren lasse und hinsichtlich der Belegungszahlen der letzten Monate sehr hohe Übereinstimmungen zeige. Nicht berücksichtigt sei bei allen Simulationen eine mögliche Saisonalität des Virus: „Sobald hierzu Daten vorliegen, können wir das aber problemlos einpflegen.“

„Corona-Lockdown bis 1. April“

Aus Sicht der DIVI sei die Kernbotschaft des neuen Prognosemodells, dass eine R-Wert-gesteuerte Öffnung angestrebt werden sollte, bei der ein kontrollierter Lockdown mit R-Werten von 0,85/1,20 (Wildtyp/B1.1.7) bis zum 1. April fortgeführt wird, betonte DIVI-Präsident Professor Gernot Marx vom Universitätsklinikum Aachen. Danach sollte durch Mitigationsmaßnahmen angestrebt werden, dass der R-Wert des Wildtyps nicht über 1,2 bzw. der der B1.1.7 Variante nicht über 1,55 ansteigt. Bei einem solchen Szenario würde auch bei langsamer Impfstrategie die bisherige Maximalbelegung vom Januar im Mai zumindest nicht überschritten, und es würde gelingen, die Pandemie bis Ende des dritten Quartals unter Kontrolle zu bringen.

Gelingt nach Lockdown-Ende 1. April eine etwas bessere Kontrolle mit niedrigeren als den genannten R-Werten oder wird schneller geimpft, würde die Spitzenbelegung vom Januar gar nicht mehr erreicht. Fast unvermeidbar wären Spitzenbelegungen nach dem DIVI-Modell dagegen, wenn der R-Wert schon ab 7. März oder früher wieder nach oben geht. Schwankende R-Werte berücksichtigt das Modell allerdings nicht. Fällt der R-Wert zwischenzeitig ab, etwas durch saisonale oder andere, unbekannte Gründe, dann hätte das positive Auswirkungen auf die berechneten Spitzenbelegungen. Umgekehrt wäre es wenig überraschend ungünstig, wenn deutlich langsamer geimpft würde. „Die Simulationen gehen davon aus, dass wir 80 Prozent der Menschen mit irgendeiner Impfung erreichen“, so Marx. „Dafür müssen wir alle Impfstoffe verimpfen, die wir haben, auch AstraZeneca, denn alle Impfstoffe schützen zuverlässig vor schweren Verläufen.“

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