Medizinstudium

Medizinische Hochschule Brandenburg will an Herausforderungen wachsen

Die 2014 gegründete Medizinische Hochschule Brandenburg wird bald reakkreditiert. Der neue MHB-Präsident Hans-Uwe Simon weiß, wo die jüngste Medizinische Fakultät noch besser werden muss.

Von Benjamin LassiweBenjamin Lassiwe Veröffentlicht:
Seit 1. September Präsident der MHB: Professor Hans-Uwe Simon.

Seit 1. September Präsident der MHB: Professor Hans-Uwe Simon.

© Medizinische Hochschule Brandenburg

Neuruppin. Wer zu Professor Hans-Uwe Simon, dem Präsidenten von Brandenburgs jüngster Hochschule will, muss zunächst durch eine schwere Eisengittertür. „Das hier war mal eine Nervenklinik“, klärt der Pharmakologe auf, der seit 1. September das Amt an der Spitze der in Neuruppin und Brandenburg (Havel) angesiedelten MHB innehat.

Und gute Nerven braucht der Uni-Präsident, denn die Medizinische Hochschule Brandenburg (MHB) steht nach ihrem erfolgreichen Start vor großen Herausforderungen: Vor Simon steht nun der Prozess der Reakkreditierung der Hochschule.

Vermutlich Anfang 2024 wird der Wissenschaftsrat über die Zukunft der kleinen, von kommunalen und kirchlichen Krankenhäusern sowie von Kommunen getragenen Hochschule befinden.

Schwächen bei der Forschung

„Wir wissen, dass wir die Reakkreditierung schaffen können, wir wissen aber auch, dass es dafür Anstrengungen bedarf“, sagt Simon, der damit rechnet, dass es seitens des Wissenschaftsrates Auflagen für die junge Hochschule geben wird. Denn vor allem in der Forschung gibt es an der MHB noch Schwächen.

Neu ist dieses Phänomen freilich nicht: Der Wissenschaftsrat hatte schon bei der ersten Akkreditierung die Ausbildung und den stark praxisorientierten Modellstudiengang in Brandenburg und Neuruppin gelobt. Aber bereits damals hatte man auch fehlende Forschungsleistungen angemahnt.

„Das liegt daran, dass viele Krankenhäuser, mit denen wir zusammenarbeiten, bislang keine Universitätskliniken waren“, sagt Simon. Dort müsse man sich erst allmählich in Richtung Universitätsmedizin entwickeln. „Die Chefärzte dort sind gute Dienstleister für die Patienten und Lehrer für die Studierenden, aber sie haben manchmal seit ihrer eigenen Doktorarbeit nicht mehr geforscht.“

Fünf Millionen Euro für Forschung

Auch bei den Anforderungen an eine Universitätsmedizin, der spezialisierten Betreuung schwerkranker Patienten, müsse die MHB mit ihren Partnerkliniken noch zulegen. „Das kann sich aber nur parallel mit einer guten klinischen Forschung entwickeln.“ Um das voranzubringen, erhält die MHB vom Brandenburger Forschungsministerium derzeit fünf Millionen Euro Landesmittel pro Jahr. Das ist weit von den Etats großer medizinischer Fakultäten entfernt.

Aber die Kosten für das Studium an der MHB tragen die Studierenden selbst, oft über ein Stipendienmodell, bei dem sie das Geld von einem Krankenhaus erhalten, für das sie später einige Jahre tätig sind. „Dabei darf man aber die Studiengebühren nicht mit den Forschungsgeldern verwechseln“, sagt Simon. „Die Gelder der Studierenden decken die Kosten der Lehre, für Investitionen in die Forschung bleibt aber nicht viel übrig.“

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Doch die MHB kommt beim Aufbau ihrer Forschung voran: Es gibt erste, DFG-geförderte Forschergruppen unter dem Dach der Universität. Und auch Stiftungen und andere fördernde Einrichtungen haben die MHB im Blick. So ist in diesem Jahr erstmals eine Professur für Allgemeinmedizin in Kooperation mit dem Johanniter-Krankenhaus Stendal in Sachsen-Anhalt entstanden. „Uns ist es wichtig, dass wir Stifter anziehen“, sagt Simon.

International Beziehungen knüpfen

Zudem will der Hochschulpräsident die MHB auch auf die internationale Forschungslandkarte bringen. Schließlich ist Simon nicht nur Präsident der Novartis-Stiftung und Mitglied der nationalen Deutschen Akademie der Wissenschaften Leopoldina: Der Pharmakologe war auch selbst an Universitäten in Toronto, Zürich und Jerusalem tätig, bevor er an der Universität Bern unter anderem Forschungsdekan und Dekan der Medizinischen Fakultät wurde.

Diese Kontakte will Simon nun nutzen, um die MHB in Projekte mit ausländischen Hochschulen einzubeziehen und Austauschmöglichkeiten für Lehrende und Studierende zu schaffen.

Eine andere mögliche Partneruniversität für die MHB ist indes erst in der Planung: Denn auch an der Brandenburgischen TU in Cottbus soll, finanziert durch den Kohleausstieg, eine Medizinische Fakultät entstehen. „Wir sehen das nicht als Konkurrenz, wir sind da eher gelassen“, sagt Simon. Wenn Brandenburg mehr Ärzte brauche, und Neuruppin das allein nicht schaffe, sei doch klar, dass auch woanders Ärzte ausgebildet werden müssten. Aber wird im Landeshaushalt Platz für zwei medizinische Hochschulen sein?

1000 Bewerber, 100 Studienplätze

„Wir sind eine Universität in kommunaler und freigemeinnütziger Trägerschaft“, sagt Simon. „Um die bisherige gute Entwicklung der MHB vor allem in der Forschung abzusichern, sind wir auch künftig auf eine finanzielle Zuwendung des Landes angewiesen. Wir möchten gern die Mittel, die wir heute schon bekommen, verstetigen, angepasst an die tatsächlichen Bedarfe mit etwas Raum nach oben, um wachsen zu können – aber mehr erwarten wir nicht vom Land.“ Deswegen sieht der Hochschulpräsident „eher Möglichkeiten der Zusammenarbeit“: „Wenn die MHB in den nächsten zehn Jahren einen guten Job macht, wird man nicht sagen: Wir brauchen Euch nicht mehr.“

Medizinische Hochschule Brandenburg

  • Gründung am 28. Oktober 2014. Bis dahin war Brandenburg das einzige Flächenland ohne eigene Medizinische Fakultät
  • Kooperation mit aktuell 35 Kliniken und mehr als 170 Lehrpraxen
  • Auswahl der Studierenden erfolgt ohne Numerus Clausus

Schon heute würden sich wesentlich mehr Abiturienten um einen Studienplatz in Brandenburg und Neuruppin bewerben, als es Plätze gebe. „Wir nehmen derzeit rund 100 Medizinstudierende pro Jahr auf“, sagt Simon. „Und wir haben rund 1000 Bewerbungen pro Jahr.“ Auch wenn davon künftig einige nach Cottbus gingen, gebe es doch noch genügend Bewerber für die MHB.

Freilich haben die Studierenden der MHB in den vergangenen Jahren noch nicht die Spitzengruppe bei den bundesweit zentralen Medizinerprüfungen erreicht. Bislang liegt man eher im Mittelfeld. Aus Sicht des Hochschulpräsidenten hängt das auch damit zusammen, dass die Prüfungsformate im Reformstudiengang realitätsnah und praxisorientiert sind, die Studierenden werden bislang weniger auf Multiple-Choice-Fragen vorbereitet. Hier solle nachgesteuert werden. „Unsere Studierenden wissen viel, sie sind auch praktisch gut, wenn sie die Hochschule verlassen – aber wir haben sie auf die konkrete Prüfungssituation nicht gut genug vorbereitet“, so Simon. Hier gelte das Zitat: „Übung macht den Meister.“

Pharmazie oder Zahnmedizin als Studiengänge vorstellbar

Bleibt die Frage nach der Zukunft. Simon plant einen Ausbau der Hochschule: Neben den klassischen Studiengängen Medizin und Psychologie und dem zum Sommersemester 2022 erstmals angebotenen Masterstudiengang Versorgungsforschung kann er sich weitere Studiengänge vorstellen. Pharmazie oder Zahnmedizin zum Beispiel, was in Brandenburg beides bislang nicht angeboten wird.

Und auch in den Bereichen der Pflegewissenschaften und der Hebammenkunde sieht Simon durchaus Bedarf, der selbst dann nicht abgedeckt werde, wenn an der BTU in Cottbus entsprechende Studiengänge entstünden. „Wir wollen nicht auf dem Stand, auf dem wir jetzt sind, stehen bleiben“, sagt der Hochschulpräsident. „Wir wollen uns weiterentwickeln und wachsen.“

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