COVID-19-Prävention

Neue Hydroxychloroquin-Studie in Großbritannien

Trotz bisher eher kritischer Daten wird Hydroxychloroquin zur COVID-19-Prävention erneut in einer Studie geprüft. Insgesamt sollen in Großbritannien rund 40.000 im Gesundheitswesen tätige Versuchspersonen daran teilnehmen. Die Universität Oxford ist daran beteiligt, und dort ist man von dem Mittel überzeugt.

Von Arndt Striegler Veröffentlicht: 02.07.2020, 13:50 Uhr
Neue Hydroxychloroquin-Studie in Großbritannien

Um das Malaria-Mittel Chloroquin gibt es derzeit ein Hin und Her.

© David / stock.adobe.com

Oxford. „Hydroxychloroquin ist die mit Abstand beste Chance, Ärzte und andere Gesundheitsberufe im kommenden Winter vor COVID-19 zu schützen.“ Mit diesen Worten fasst ein Sprecher der Universität Oxford die Entscheidung für eine gerade in England startende klinische Studien zusammen.

Insgesamt sollen in den kommenden Wochen und Monaten weltweit rund 40.000 im Gesundheitswesen tätige Probanden rekrutiert werden. In Großbritannien sollen Probanden für den Test am „John Radcliffe Hospital“ (Oxford) und am „Brighton and Sussex University Hospital“ (Brighton) rekrutiert werden.

Wie ein Sprecher der Universität Oxford der „Ärzte Zeitung“ auf Anfrage bestätigte, werde mit der Studie sofort begonnen. Unter Federführung der zur Universität Oxford gehörenden „Mahidol Oxford Tropical Medicine Research Unit“ (MORU) in Bangkok sollen jetzt 40.000 Versuchspersonen angeworben werden. Es handelt sich den Angaben zufolge bei der Untersuchung um eine Placebo-kontrollierte, Doppelblind-Studie.

Wirbel um Hydroxychloroquin

Im Zusammenhang mit Hydroxychloroquin zur Therapie bei schwerer COVID-19 hatte es kürzlich viel Wirbel gegeben: Zunächst wurde eine Studie publiziert, deren Ergebnis lautete: Chloroquin und Hydroxychloroquin eignen wahrscheinlich nicht zur Anwendung gegen SARS-CoV-2, vielmehr erhöhen die Wirkstoffe womöglich die Todesrate und führen zu mehr Herzrhythmusstörungen.

Wie WHO unterbrach daraufhin ihre Studien und widerrief die Ausnahmegenehmigung für die Therapie mit Chloroquin und Hydroxychloroquin bei COVID-19. Anschließend wurde die Studie allerdings wegen deutlicher Mängel wieder zurückgezogen. In Deutschland hatten sich in Studien bisher keine Sicherheitsbedenken ergeben, die Untersuchungen laufen derzeit weiter.

Trotz allem soll nun die Wirkung von Hydroxychloroquin zur Prävention von COVID-19 in Großbritannien weiter untersucht werden. Bisher waren Studien diesbezüglich zu keinem validen Ergebnis gekommen.

„Ärzte und andere Gesundheitsberufe haben ein erhöhtes Risiko, sich zu infizieren“, so der Universitätssprecher. „Und es fehlt noch immer der Beweis, dass Hydroxychloroquin Infektionen wirkungsvoll verhindern kann.“ Die meisten bisherigen Studien hätten eher untersucht, ob der Wirkstoff als Therapeutikum nützlich sei.

Forscher rechnet mit zweiter Welle in Großbritannien

Interessant: Der ebenfalls in der Studie involvierte Wissenschaftler Professor Martin Llewelyn von der „Brighton and Sussex Medical School“ rechnet offenbar mit einer „zweiten Infektionswelle im kommenden Winter“. Diese werde „erwartet“.

„In Großbritannien und anderen Ländern auch sind Ärzte und im Gesundheitswesen Beschäftigte weiterhin einem erhöhten COVID-19 Risiko ausgesetzt. Daher ist es wichtig, dass alles Menschenmögliche unternommen wird, um diesen Personenkreis zu schützen“, so Professor Amanda Adler von der Universität Oxford. (Mitarbeit: bae)

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Kommentare
Dr. Klaus Günterberg

Ein Experiment mit tödlichem Ausgang! Hydroxychloroquin wird zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria, zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis und bei Lupus erythematodes eingesetzt. Als Nebenwirkungen sind viele mögliche Komplikationen, u. a. Herzrhythmusstörungen, Hypoglykämie sowie verschiedene neuropsychiatrische Nebenwirkungen bekannt. Überdosierungen können epileptische Anfälle, Koma und Herzstillstand herbeiführen, Vor allem aber gehört der Favismus (auch: Fabismus, von lateinisch: faba – die Bohne), der krankhafte Verlauf des Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangels (G6PD), zu den Kontraindikationen.
Der G6PD-Mangel ist der unter uns Menschen verbreitetste, dennoch ziemlich unbekannte Enzymdefekt, verursacht durch ein verändertes G6PD-Gen. Ca. 7,5 % der Weltbevölkerung tragen dieses Gen, nur ein Viertel davon hat Symptome, verträgt Bohnen, vor allem Saubohnen, Erbsen und Johannisbeeren nicht. Oft sind es nur harmlosen Rücken- und Bauchschmerzen, die Symptomatik kann aber auch bis zum Schock reichen. Auch verschiedene Medikamente werden nicht vertragen. Dazu gehört neben Acetylsalicylsäure, Metamizol, Sulfonamide, Nitrofurane und Vitamin K auch (Achtung!) Hydroxychloroquin. Es kommt zur schweren lebensbedrohlichen hämolytischen Anämie.
Das Besondere beim Favismus: Er ist vor allem, aber nicht nur (!), unter dunkelhäutigen Menschen verbreitet, etwa 10 % der afro-amerikanischen männlichen Bevölkerung sind betroffen. Bekannt ist auch, dass Menschen mit G6PD-Defekt, die in Malaria-Endemie-Gebieten leben, seltener (oder keine?) Malaria bekommen. Dieser G6PD-Defekt kann da offenbar auch ein Überlebensvorteil sein. Diese Menschen brauchten und bekamen aber auch kein (oder seltener) Hydroxychlorochin.
Dennoch: 7,5 Prozent der Weltbevölkerung ist vom G6PD-Mangel betroffen. Würde man also 40.000 Probanden Hydroxychloroquin geben ohne sie vorher auf diesen Enzym-Defekt zu prüfen, würde man 3.000 in schwerste Lebensgefahr bringen. Ebenso, wenn man das Mittel ohne Kontrolle des Enzym-Defekts Corona-Kranken gäbe!

Dr. Thomas Georg Schätzler

Allen Ernstes wird ein Massen-Experiment gestartet, ob eine Wirkung von Hydroxychloroquin ausgerechnet in der Primärprävention von SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19 Erkrankungen in GB möglich wäre? Bisher gab es nur Therapieversager bei besonders dilettantischer Corona- Gesundheitsolitik der britischen Regierung im Verein mit Donald Trump/USA.
Der Spiegel berichtete: Nach Kritik an einer Studie zum Anti-Malaria-Mittel Hydroxychloroquin bei Coronavirus-Infektionen hatte "Lancet" und 3 der 4 Autoren ihren Rückzug erklärt. Als einziger Studienautor beharrte Sapan Desai/Firma Surgisphere bei seinen Studienergebnissen. Studienleiter M. Mehra/Harvarduniversität, F. Ruschitzka/Universitätsklinikum Zürich, A. Patel/University of Utah hätten sich für eine unabhängige Überprüfung der Daten eingesetzt: Was die Firma Surgisphere als Datenlieferant ablehnte. "Auf Grundlage dieser Entwicklung könnten wir nicht länger für die Richtigkeit der Primärdaten bürgen", sagten sie. Bei der Lancet-Redaktion, Leserinnen und Lesern entschuldigten sich die Wissenschaftler.
https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/corona-drei-autoren-ziehen-ergebnisse-zu-umstrittener-hydroxychloroquin-studie-zurueck-a-a59863da-8670-4a4e-ab08-f5d84e997891
Nach Daten von 96.000 Patienten aus Hunderten von Krankenhäusern seien von Surgisphere weltweit ermittelt/ausgewertet worden.
"Hydroxychloroquine or chloroquine with or without a macrolide for treatment of COVID-19: a multinational registry analysis" von M. R. Mehra et al. https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31180-6/fulltext mit seiner "Interpretation - We were unable to confirm a benefit of hydroxychloroquine or chloroquine, when used alone or with a macrolide, on in-hospital outcomes for COVID-19. Each of these drug regimens was associated with decreased in-hospital survival and an increased frequency of ventricular arrhythmias when used for treatment of COVID-19" mit aufgepeppten Patientenzahlen ebenso mager wie wissenschaftliche Irreführung (scientific misconduct).


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