Prävention von COVID-19

Quarantäne und Kontaktvermeidung bringen am meisten – kurzfristig

Werden Quarantäne und Maßnahmen zur Kontaktvermeidung kombiniert, lässt sich die aktuelle Pandemie kurzfristig wohl am schnellsten eindämmen, so eine Cochrane-Analyse. Langfristig könnte eine andere Strategie aber besser sein.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 09.04.2020, 16:22 Uhr
Quarantäne und Kontaktvermeidung bringen am meisten – kurzfristig

Den meisten Modellrechnungen zufolge werden Quarantäne- und Isolationsmaßnamen allein nicht genügen, um SARS-CoV-2 zu stoppen.

© Sachelle Babbar / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Krems. Seit sich SARS-CoV-2 weltweit ausbreitet, haben immer mehr Staaten drastische Quarantäne- und Schutzmaßnahme ergriffen, die zu einem weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens geführt haben. Was Maßnahmen wie Quarantäne, Schulschließungen, Veranstaltungsverbote, Abstandhalten und Maskentragen nützen, ist jedoch unklar und immer wieder Gegenstand heftiger Diskussionen.

Je länger die Einschränkungen dauern, umso lauter dürften die Rufe nach Belegen für den Nutzen der einzelnen Maßnahmen ausfallen. So hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf Basis der angenommenen maximalen SARS-CoV-2 Inkubationszeit eine Quarantäne von 14 Tagen vorgeschlagen. Nun wüsste sie gerne, was genau die Quarantäne alleine oder in Kombination mit weiteren Schutzmaßnahmen bringt.

SARS-CoV-1 und MERS-CoV mit geringerer Infektiosität

Ein Team um Dr. Barbara Nussbaumer-Streit von der Donau-Universität in Krems in Österreich hat daher die aktuelle Literatur nach der vorhandenen Evidenz für Schutzmaßnahmen gegen Coronavirus-Epidemien durchstöbert (Cochrane Database of Systematic Reviews 2020, online 8. April). Da es für die aktuelle COVID-19-Pandemie jenseits von Modellrechnungen kaum belastbare Daten gibt, haben die Forscher auch Analysen zum SARS-Ausbruch im Jahr 2003 sowie zum MERS-Ausbruch beginnend im Jahr 2012 mit ausgewertet, sie wurden ebenfalls durch Coronaviren (CoV) verursacht.

Allerdings unterscheiden sich die Viren deutlich: Sowohl für SARS-CoV-1, den SARS-Erreger, als auch MERS-CoV wird eine deutlich höhere Pathogenität, aber eine geringere Infektiosität angegeben als für das aktuell zirkulierende SARS-CoV-2.

So beträgt die Basisreproduktionszahl R0, also die Zahl der Personen, die von einem Infizierten im Schnitt angesteckt werden, bei MERS-CoV rund 1,0 und bei SARS-CoV-1 etwa 3,0. Für SARS-CoV-2 werden ohne Gegenmaßnahmen Werte zwischen 2,8 und 5,5 berechnet, berichten die Forscher um Nussbaumer-Streit. Sämtliche Quarantäne- und Lockdownbemühungen zielen letztlich darauf, den R0-Wert zu verringern.

Social Distancing nur für Senioren?

Die Forscher fanden insgesamt 29 relevante Studien, zehn zu COVID-19 – allesamt Modellrechnungen, 17 zu SARS und zwei zu MERS. Besonders hervorgehoben wird eine viel beachtete britische Modellrechnung zu COVID-19. Sie kommt zu dem Schluss, dass eine alleinige Kombination aus Isolation und Quarantäne bei einem angenommenen R0-Wert von 2,4 die Zahl der Todesfälle um etwa ein Drittel senkt.

Als Isolation wird die Abtrennung bereits Erkrankter, als Quarantäne die von asymptomatischen Kontaktpersonen bezeichnet. Kombiniert mit Abstandhalten (Social Distancing) für alle Personen über 70 wären rund 50 Prozent weniger Todesfälle zu erwarten, und es würde nur ein Drittel der Intensivbetten benötigt.

Diese Kombination wird mit Abstand als die wirksamste Vorgehensweise betrachtet – von einem kompletten Lockdown abgesehen. Das Schließen von Schulen und Universitäten hat diesen Daten zufolge auf den Verlauf dagegen nur einen geringen Einfluss.

Kompletter Lockdown wird kritisch gesehen

Einen kompletten Lockdown, wie er derzeit praktiziert wird, sehen die Studienautoren allerdings eher kritisch. Dieser würde zwar den R0-Wert rasch in Richtung 1 drücken und die Ausbreitung stoppen, aber nach dem Aufheben sämtlicher Maßnahmen wäre nicht viel gewonnen: Mangels Immunität in der Bevölkerung würde sich das Virus anschließend erneut exponenziell ausbreiten.

Andere Studien legen ebenfalls einen Nutzen von Isolation und Quarantäne nahe. So berechnete zu Beginn der Epidemie in Wuhan im Januar eine chinesische Arbeitsgruppe ausgehend von R0 = 6,5, dass eine Reduktion der Kontaktfrequenz um 50 Prozent die Infektionszahlen um 44 Prozent senkt.

Ließen sich 90 Prozent aller menschlichen Kontakte vermeiden, wären 65 Prozent weniger Infekte zu beobachten. Sie gingen davon aus, dass ohne Maßnahmen bis Ende Januar 2020 über 7000 Menschen in Wuhan infiziert werden würden. Doch selbst mit strengen Quarantäne- und Isolationsvorschriften waren es letztlich über 9000. Eine Modellrechnung für Südkorea kam für Maßnahmen, welche die Kontakte um 90–99 Prozent mindern, auf eine Reduktion der Infektionszahlen von über 99 Prozent.

Eine weitere Modellrechnung nahm sich die Infektionsdynamik auf dem Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ vor. Die Forscher kamen hier aufgrund der hohen Personendichte zu einem R0-Wert von anfänglich fast 15. Dieser sei durch Quarantäne und Isolation auf etwa 1,8 gesunken. Eine frühere Evakuierung von Passagieren und Crew hätte jedoch die allermeisten Infekte vermeiden können, mutmaßen die Autoren der Studie.

Ehepartner und nahe Verwandte am stärksten gefährdet

Einen anderen Blickwinkel ergeben Auswertungen von Quarantänemaßnahmen gegen SARS. In Taiwan wurden im Jahr 2003 über 55.000 Kontaktpersonen von SARS-Patienten unter Quarantäne gestellt, nur 24 erkrankten. Eine Analyse aus Peking wertete nur die engen Kontakte von SARS-Patienten aus. Von 30.000 Personen unter Quarantäne erkrankten 6,3 Prozent, am häufigsten Ehepartner (15 Prozent) und nahe Verwandte (12 Prozent). Dabei zeigte sich eine ähnliche Altersabhängigkeit wie bei COVID-19: Kinder waren kaum betroffen, ältere Menschen umso häufiger. Immerhin sprechen auch solche Real-World-Daten für einen deutlichen Nutzen der Quarantäne.

Letztlich, so das Fazit der Forscher um Nussbaumer-Streit, dürften Quarantäne- und Isolationsmaßnamen allein nicht genügen, um SARS-CoV-2 zu stoppen. Darauf deuten die meisten Modellrechnungen hin. Unklar bleibt jedoch, welche zusätzlichen Maßnahmen am meisten bewirken, und was damit bezweckt werden soll – eine möglichst starke Eindämmung oder eine kontrollierte Ausbreitung, die das Gesundheitssystem nicht überfordert?

Sämtliche Modelle gehen jedenfalls davon aus, dass eine Kombination von Quarantäne mit weiteren Schutzmaßnahmen die Ausbreitung des neuen Coronavirus stärker bremst als die alleinige Quarantäne. Für die einzelnen Maßnahmen gibt es aber praktisch keine Evidenz.

Entscheidungsträger sollten sich auch dessen bewusst sein, dass jede zusätzliche Maßnahme den Nutzen nur minimal verbessert, die Belastung für Bevölkerung und Wirtschaft aber mitunter erheblich verschärft, geben die Forscher zu bedenken. Ein Wettbewerb der Restriktionsmaßnahmen könnte daher zu ungewollten Nebenwirkungen führen, auch solchen bei der Gesundheit.

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