Versorgungskapazitäten

Wie gefährlich wird COVID-19 im Winter?

Bleibt es bei der rasanten Zunahme der COVID-19-Fälle, steht dem Gesundheitssystem ein Stresstest bevor. Erneut gilt daher „flatten the curve“ – aber längst nicht nur, um eine Überlastung der Kliniken zu verhindern, betonen Experten.

Von Anne BäurleAnne Bäurle Veröffentlicht: 19.10.2020, 15:05 Uhr
Eines von bundesweit rund 30.000 Intensivbetten.

Derzeit stehen bundesweit rund 30.000 Intensivbetten zur Verfügung.

© patrikslezak / stock.adobe.com

Neu-Isenburg. Die Infektionszahlen in Deutschland steigen rapide – in der vergangenen Woche wurden an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils Rekordwerte an Neu-Infektionen gemeldet – und auch die Zahl der COVID-19-Patienten, die intensivmedizinisch versorgt werden müssen, nimmt zu. Droht im Winter eine Überlastung der Kliniken, gerade auch im Hinblick auf eine Doppelwelle von Influenza und COVID-19?

„Am vergangenen Freitag befanden sich deutschlandweit zwar lediglich 690 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung“, so Professor Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Allerdings mussten 50 Prozent dieser Patienten beatmet werden. Seit September ist zudem nach dem Abflachen der ersten Welle der Pandemie erneut ein Anstieg der Intensivpatienten zu verzeichnen, gerade auch bei Älteren.

Dem Gesundheitssystem stehe ein Stresstest bevor: „Das macht uns Sorgen“, sagte Janssens bei einer Veranstaltung des Science Media Centers. „Panik bringt uns aber an dieser Stelle nichts, und ich kenne niemanden, der sagt, es wird eine Katastrophe.“ Die Bevölkerung dürfe allerdings nicht ihre Disziplin verlieren.

Jeder dritte Betroffene mit Long-COVID-Symptomen

Dem stimmte Professor Reinhard Busse von der TU Berlin zu. Die vorhersehbaren Anstiege an hospitalisierten COVID-19-Patienten würden das Gesundheitssystem fordern, aber nicht überfordern. Mit dem neu geschaffenen DIVI-IntensivRegister habe man zum einen die Kapazitäten an Intensivbetten regional im Blick und könne die Versorgung von COVID-19-Patienten steuern. Zudem hätten alle großen Kliniken Notfallpläne erarbeitet, um innerhalb von 24 bis 48 Stunden ihren Klinikbetrieb auf eine hohe Zahl von COVID-19-Patienten einstellen zu könnten. Des Weiteren werde das Klinikpersonal für den Einsatz auf Intensivstationen geschult. „Ich mache mir allerdings ganz grundsätzlich Sorgen um die Gesundheit der Bevölkerung“, so Busse.

Die im Vergleich mit Influenza 20-mal so hohe Sterblichkeit bei COVID-19 betonte Professor Clemens Wendtner, München Klinik Schwabing: „Die Case Fatality Rate liegt bei Influenza bei 0,05 Prozent, bei COVID-19 gehen wir von 1 Prozent aus“. Bei Älteren liege die Sterblichkeit dabei deutlich über den 1 Prozent. Um eine Doppelwelle zu vermeiden, empfiehlt Wendtner die Influenzaimpfung nicht nur für über-60-Jährige.

Auch auf die häufig auftretenden Langzeitfolgen verwies der Infektiologe: „Etwa 30 Prozent der COVID-19-Patienten und etwa 80 Prozent der intensivmedizinisch versorgten Patienten entwickeln Long-COVID-Symptome.“ Zu den Kardinalssymptomen gehörten eine über Wochen bis Monate anhaltende Fatigue sowie Atemwegsprobleme.

„Wir werden Remdesivir weiter einsetzen“

Auch die Suche nach Therapien müsse weitergehen. „Die kürzlich vorgestellten Interims-Daten der SOLIDARITY-Studie zu Remdesivir waren für uns doch irritierend“, sagte Wendtner. Den Daten zufolge hat eine Therapie mit Remdesivir im Vergleich mit der Standardtherapie keinerlei Einfluss auf die Mortalität (wir berichteten in den Corona-Splittern vom 16. Oktober).

„Wir haben Remdesivir bisher bei Bedarf in der frühen Phase der Erkrankung eingesetzt, und Dexamethason in der Spätphase und haben mit dieser Behandlung im Einzelfall eine deutliche Besserung erzielt. Wir werden Remdesivir daher trotz der ernüchternden Daten weiter einsetzen.“

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