Strategiepapier

Wissenschaftler mahnen zu Strategie mit mehr Corona-Boostern

Mehr Impfungen könnten die aktuell explodierende Inzidenz der COVID-Fälle am ehesten eindämmen, betonen Wissenschaftler in einem Strategiepapier. Erfolgsaussichten anderer realistischer Maßnahmen seien eher zweifelhaft.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel Veröffentlicht:
Menschen im Pflegeheim: Viele Menschen in Risikogruppen brauchen noch Impfschutz, noch mehr Menschen Booster-Impfungen. (Symbolbild mit Fotomodellen)

Menschen im Pflegeheim: Viele Menschen in Risikogruppen brauchen noch Impfschutz, noch mehr Menschen Booster-Impfungen. (Symbolbild mit Fotomodellen)

© jovannig / stock.adobe.com

Köln. Impfen und boostern – und zwar in einem Tempo wie im vergangenen Mai: Eine solche Strategie würde am ehesten in diesem Winter das Gesundheitssystem vor einer Überlastung durch schwerkranke COVID-Kranke bewahren. Mit dieser Botschaft wendet sich eine Gruppe von 21 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einem Strategiepapier an die Öffentlichkeit. Darunter sind Ärzte und Forscher des RKI, von der STIKO, von Unikliniken und Forschungsinstituten.

Die Situation ist Ernst: Täglich werden neue Inzidenz-Rekorde von COVID-19 gemeldet. Die Intensivstationen füllen sich wieder und sind in einigen Regionen bereits am Limit. „Wir befinden uns bei den Inzidenzen in einer Phase des exponentiellen Wachstums und daran gekoppelt steigen auch die Zahlen von Hospitalisierungen und Aufnahmen auf Intensivstationen“, warnte Professor Klaus Überla von der Universität Erlangen bei einem virtuellen Presse-Briefing des Science Media Centers (SMC) anlässlich der Publikation des Papiers. Der Direktor des Virologischen Instituts in Erlangen ist Mitglied der Ständigen Impfkommission und einer der Autoren des Strategiepapiers.

Allerdings: In diesem Winter haben wir deutlich bessere Möglichkeiten, die COVID-Welle einzudämmen. Es gibt ausreichend Impfstoffe, die viel besser als die weiter wichtigen allgemeinen Maßnahmen wie Mundschutz und Abstandsregeln Infektionen verhindern könnten. Bisher reichen die erzielten Impfraten dazu allerdings nicht aus, und es dominiert die besonders kontagiöse Delta-Variante. Außerdem: Besonders bei den früh in diesem Jahr geimpften vulnerablen Menschen hat der Schutz schon abgenommen. Auch ist das aktuelle Impftempo mit 1,5 Prozent der Bevölkerung pro Woche nur gering.

„Reichen Kapazitäten, will auch die STIKO Booster für alle“

Die Wissenschaftlergruppe sieht daher in mehr Tempo beim Impfen die wichtigste Maßnahme, um die aktuelle Situation zu entschärfen. Dies stehe nicht im Gegensatz zur STIKO-Empfehlung, sich beim Boostern momentan auf Risikogruppen zu beschränken, betonte Überla. Sobald es ausreichende Kapazitäten für Auffrischimpfungen gebe, werde man die Booster in Deutschland allen ab 18 Jahren empfehlen.

Drei Szenarien haben die Forscher in ihren Auswirkungen auf die Inzidenz durchgerechnet:

  • „Weiter so“: Die Inzidenz steigt im Wesentlichen mit einem R-Wert von 1,2 weiter an und die Impf- und Boosterrate bleibt niedrig. Konsequenz: Die Wocheninzidenz steigt auf viele hundert je 100.000 Einwohner. Ob die zusätzlichen Impfungen und Immunisierungen bei durchgemachten Infektionen die Inzidenzen reduzieren, ist fraglich. Dies könnte in Regionen mit bereits jetzt erreichten Impfraten von 80 Prozent passieren. Krankenhäuser wären wegen der vielen vulnerablen Erkrankten überlastet. Konsequenz: Nicht-Entscheiden ist auch eine „Strategie“ und würde wahrscheinlich zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen.
  • Reagieren, wenn das Gesundheitssystem an der Belastungsgrenze ist: Darunter verstehen die Forscherinnen und Forscher eine Strategie, bei der zusätzlich zu Hygienemaßnahmen (etwa AHA+LA, 2G/3G) weitere Einschränkungen (eventuell lokal) bei Überlastung von Kliniken erfolgen. Tritt eine Entlastung ein, werden diese Maßnahmen wieder gelockert. Dabei würde aber die Wocheninzidenz zunächst weiter steigen (auf einige 100/100.000) bis die zusätzlichen Maßnahmen wirken. Schlussendlich ließe sich die Inzidenz stabilisieren und eventuell auch reduzieren. Konsequenz: Der Erfolg der Maßnahmen hängt vom Impf- und Boosterfortschritt ab. Verstärkte allgemeine Maßnahmen und Teststrategien können die Inzidenz lediglich stabilisieren. Die Belastung im Gesundheitssystem bleibt beträchtlich und wird wegen der großen Zahl ungeschützter Personen sowie wegen langer Liegezeiten und wegen der nur langsam nachlassenden Inzidenz eine Weile hoch bleiben.
  • Impf- und Booster-Offensive: Eine Dritt-Impfung erhöht den Schutz gegen COVID beträchtlich, und zwar um den Faktor 10, so die Forscher. In Israel haben sich seit August rund 50 Prozent der Menschen boostern lassen, wodurch sich die vierte Welle dort durchbrechen ließ. In Deutschland könnte man sehr wahrscheinlich eine ähnliche Wirkung erzielen. Je schneller man also boostert, desto früher kann die Welle gebrochen werden. Würde es gelingen, rund 7 Prozent der Bevölkerung pro Woche zu boostern, wären vor Weihnachten 50 Prozent der Menschen wesentlich besser geschützt.

Schutzschalter für Notsituationen

Was wäre aber zu tun, wenn es trotz Gegenmaßnahmen zu einer Überlastung der Gesundheitssysteme kommt? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen hier einen „Notschutzschalter“, der für genau diese Situation schon jetzt ein dezidiertes Vorgehen ankündigt. Statt eines Lockdowns mit unklarem Ende sollte dann für zwei Wochen in Deutschland alles weitgehend stillgelegt werden.

Gebündelt seien solche Maßnahmen ungleich wirkungsvoller, um die Fallzahlen zügig und stark zu reduzieren, sagte Dr. Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen bei dem Presse-Briefing dazu. Dazu gehören Homeoffice und engmaschige Testpflicht am Arbeitsplatz, Reduktion der Gruppengröße in Kindergärten, Schulen und am Arbeitsplatz, Schließung/Reduktion von Geschäften, Restaurants, Dienstleistungen und Veranstaltungen, sowie generell deutliche Reduktion von Kontakten auf der Arbeit, in der Öffentlichkeit und im privaten Bereich.

Die Forscherin betont: Auf diese Weise ließe sich ein R-Wert von 0,7 erreichen, bei dem sich die Fallzahlen jede Woche halbieren. So könne innerhalb von nur zwei Wochen die Inzidenz um den Faktor 4 reduziert werden, und in den darauf folgenden den Wochen reduziere sich dadurch die Belastung auf den Intensivstationen.

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