Positionspapier vorgelegt

Ärzte fürchten Versorgungseinbrüche in der Diabetologie

Steigende Patientenzahlen, zu wenig Fachärzte: Diabetologen schlagen Alarm und rufen die Politik zum Handeln auf. Eine Kernforderung lautet: mehr Lehrstühle für Diabetologie.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
Eine steigende Zahl von Diabetes-Patienten könnte schon bald mit einer sinkenden Anzahl von Diabetologen konfrontiert sein, fürchtet die Deutsche Diabetes Gesellschaft.

Eine steigende Zahl von Diabetes-Patienten könnte schon bald mit einer sinkenden Anzahl von Diabetologen konfrontiert sein, fürchtet die Deutsche Diabetes Gesellschaft.

© Syda Productions / stock.adobe.com

Berlin. Ärzte haben einen deutlichen Weckruf an die Politik gesendet: Eine steigende Zahl von Diabetespatienten könne in den nächsten Jahren auf eine sinkende Zahl praktizierender Diabetologen treffen. Die Folge wären erhebliche Engpässe in der Versorgung, erklärte die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) bei der Vorstellung eines Positionspapiers zur Bundestagswahl im Herbst.

Bis zum Jahr 2040 könnten schätzungsweise zwölf Millionen Menschen in Deutschland eine Diabeteserkrankung entwickeln – die meisten einen Diabetes Typ 2, warnte die Fachgesellschaft. Gleichzeitig drohe die Zahl der Diabetologen in den nächsten 20 Jahren deutlich nach unten zu gehen. Ein Drittel der Ärzte sei heute schon älter als 50 Jahre.

Ein Drittel der Ärzte älter als 50

Um genügend Nachwuchs in die Versorgung zu bringen, müsse die Diabetologie stärker im Medizinstudium verankert sein, forderte DDG-Präsident Professor Andreas Neu. Dazu sei ein Ausbau der klinischen Lehrstühle für Diabetologie notwendig. Bund und Länder müssten sicherstellen, dass die Zahl der Lehrstühle an den 37 medizinischen Fakultäten wieder steige. „Sonst laufen wir mittelfristig in ein Versorgungsdefizit.“

Die Gleichung sei recht einfach, so Neu. „Je weniger Experten Diabetologie lehren, desto weniger Berufsanfänger entscheiden sich für eine Karriere in der Diabetologie.“ Laut DDG hat sich die Zahl der Lehrstühle für Diabetologie in Deutschland in den vergangenen Jahren nahezu halbiert.

Erschwerend kommt nach Einschätzung der Fachgesellschaft hinzu, dass immer mehr Krankenhäuser Stellen und Betten in der Diabetologie abbauen. Hätten im Jahr 2017 noch etwas mehr als 910 Betten an endokrinologischen/diabetologischen Fachabteilungen bereitgestanden, seien es 2019 nur noch rund 500 gewesen.

Viele Klinikpatienten mit der Nebendiagnose Diabetes

An allen großen Krankenhäusern sei die Diabetologie daher als selbstständige Einheit zu erhalten, sagte DDG-Vizepräsident Professor Andreas Fritsche. Immerhin leide ein Viertel aller Krankenhauspatienten an Diabetes.

Wesentlicher Teil der Therapie von Diabetespatienten seien das Gespräch sowie Information und Aufklärung durch multiprofessionelle Diabetesteams. „Genau das sind jedoch Leistungen, für die Kliniken im Rahmen des DRG-Systems praktisch kein Geld erhalten“, sagte Fritsche.

In der Hochleistungsmedizin komme die „informierende, aufklärende und patientenzentrierte Versorgung“ deutlich zu kurz. Werde die sprechende Medizin nicht besser vergütet, drohten personelle Engpässe in der Diabetologie – verbunden mit weitreichenden Folgen für die Patienten.

Der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) rief dazu auf, Potenziale der Digitalisierung stärker auszuschöpfen. „Digitalisierung ermöglicht effizientere Prozesse, trägt zur Patientensicherheit bei und unterstützt die Patienteninformation und Patientenkommunikation“, sagte VDBD-Chefin Dr. Nicola Haller.

Diabetesfachkräfte und Diabetologen machten heute schon „sehr gute Erfahrungen“, indem sie auf digitale Versorgungsmodelle setzten. Die Anwendungen reichten von der Telemedizin bis hin zum digitalen Therapiemanagement, so Haller.

21 Milliarden Euro direkte Kosten

Laut DDG sind derzeit rund acht Millionen Bundesbürger an Diabetes erkrankt. Diabetespatienten verursachen den Angaben zufolge etwa 1,8-fach höhere Kosten als vergleichbare Versicherte ohne Diabetes. Die jährlichen Gesamtkosten belaufen sich demnach auf etwa 21 Milliarden Euro direkte Exzesskosten inklusive der Folge- und Begleiterkrankungen. Das entspricht laut DDG etwa elf Prozent aller Ausgaben der Krankenkassen. Indirekte Kosten wie Frühberentung und Arbeitsunfähigkeit seien noch nicht eingerechnet.

Die Verabschiedung der nationalen Diabetesstrategie im Sommer 2020 sei ein erster Schritt gewesen, um Prävention, Früherkennung, Forschung und Versorgung beim Diabetes zu verbessern, betont die DDG in ihrem Positionspapier. Nötig seien nun aber konkrete Maßnahmen, um den Rahmenplan mit Leben zu füllen.

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