Corona-Pandemie im Ausland

Ärzte klagen: Französischer Zentralismus hat den Patienten geschadet

Der Nordosten Frankreichs war zuerst und besonders heftig von der Pandemie betroffen. Die in Paris getroffene Anti-Corona-Strategie habe die Lage verschärft, kritisieren vor allem niedergelassene Ärzte.

Von Denis Durand de Bousingen Veröffentlicht: 16.10.2020, 12:16 Uhr
Viele französische Ärzte waren mit der Anti-Corona-Strategie aus Paris nicht einverstanden. kittyfly / stock.adobe.com

Viele französische Ärzte waren mit der Anti-Corona-Strategie aus Paris nicht einverstanden. © kittyfly / stock.adobe.com

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Straßburg. Im März und April dieses Jahres war Nordostfrankreich die von COVID-19 am schlimmsten betroffene Region des Landes. Erst dann breitete es sich weiter Richtung Paris aus. In dieser Zeit waren die Krankenhäuser im Elsass, in Lothringen und in der Champagne dramatisch überlastet. Der Nordosten verzeichnete bis Ende April die höchsten Sterberaten des gesamten Landes. Nun hat die Vereinigung der rund 10.000 niedergelassenen Ärzte in der Region „Grand Est“ eigene Recherchen angestellt und kommt zu dem Ergebnis: Eine bessere Einbindung der niedergelassenen Ärzte sowie der Privatkliniken in die Behandlungsstrategien hätte die Lage deutlich entspannen können.

Praxen sollten gemieden werden

In Frankreich vertreten die regionalen Ärztevereinigungen („Unions“) alle niedergelassenen Ärzte bei den Behörden sowie bei den Krankenkassen. Mit Honorar- oder Kammerpolitik haben sie aber nichts zu tun. Unionspräsidentin Dr. Guilaine Kieffer-Desgrippes, selbst praktische Ärztin in Straßburg, macht die zentralistische Coronapolitik für das teilweise Versagen verantwortlich. Den öffentlichen Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen wurde bei der Pandemiebekämpfung eindeutig Vorrang eingeräumt.

Ab Ende Februar wurden alle Patienten mit Verdacht auf Grippe gebeten, sich nicht an ihren Arzt zu wenden, sondern direkt die zentrale Leitstelle „15“ anzurufen, die für alle medizinischen Notfälle zuständig ist. Da sich die Zahl der Anrufe binnen weniger Tage vervierfachte, war die Leitstelle schnell überlastet. Patienten mit SARS-CoV-2-Symptomen wurden dann an öffentliche Notdienstellen überwiesen und nur in öffentlichen Kliniken behandelt. Gleichzeitig seien niedergelassene Ärzte im Stich gelassen worden, heißt es bei der Union weiter: Sie hatten weder genug Desinfektionsmittel noch Masken. Erst ab April gelang es ihnen, in Zusammenarbeit mit der Apothekervereinigung eine ausreichende Lieferung an Schutzausrüstung zu sichern.

Wir wurden im Frühling vergessen und im Stich gelassen, aber jetzt ist unser Einsatz im Interesse der ganzen Bevölkerung nötiger denn je!

Dr. Guilaine Kieffer-Desgrippes, Präsidentin der Ärzteunion Region Grand Est

Wegen der überfüllten Krankenhäuser mussten viele Patienten in andere Regionen geflogen werden. Einige Dutzend schwer erkrankte Patienten aus Ostfrankreich wurden sogar auf Intensivstationen in Deutschland, Luxemburg und Österreich behandelt. Gleichzeitig waren viele Betten in der Region nicht belegt, empört sich Dr. Bernard Llagonne, der in einer Privatklinik in Epernay als Chirurg tätig ist. Am 16. März wurde die dortige Chirurgie zwangsweise geschlossen und alle Atemgeräte beschlagnahmt. Diese wurden Öffentlichen Krankenhäusern zur Verfügung gestellt. „Aber“, so Unionsvize Llagonne, „wir bekamen sie im Mai genau so verpackt zurück, wie wir sie abgegeben hatten. Die Verpackung war nicht einmal geöffnet worden“.

In vielen Pflegeheimen, so der Arzt weiter, habe es einen dramatischen Mangel an Masken, Schutzmitteln und Sauerstoff gegeben: „In der Klinik hatten wir alles, aber wir durften nicht arbeiten! “

Die Anordnung der Behörden, Praxen zu meiden, hat die Bevölkerung grundlos verängstigt, kritisiert die Union: Im Frühling haben die Praktischen Ärzte fast die Hälfte ihrer Patienten verloren, bei den Fachärzten waren es rund 70 Prozent, bei den Augenärzten sogar 90 Prozent. Jetzt haben die meisten Patienten zwar wieder den Weg in die Praxen gefunden, aber die Ärzte rechnen mit schweren gesundheitlichen Folgen für einige von ihnen. Diagnosen vor allem von Krebserkrankungen seien zu spät gestellt worden und chronisch Kranke hätten häufig ihre Behandlungen vernachlässigt.

Privatkliniken können entlasten

Sollte jetzt eine zweite Coronawelle ausbrechen, mahnt die Ärztevereinigung, müssen diesmal unbedingt niedergelassene Ärzte und andere Freiberufler in die gesamte Strategie eingebunden werden. Laut Union haben diese bewiesen, dass sie deutlich flexibler als öffentliche Einrichtungen arbeiten. Somit könnten sie eine wichtige Rolle bei der Früherkennung sowie bei der Behandlung von Coronapatienten übernehmen.

Viele Privatkliniken seien zwar nicht für die Behandlung Schwerstkranker gerüstet, sie könnten aber leichter erkrankte Patienten übernehmen und so die öffentlichen Kliniken entlasten. Diese könnten sich dann besser auf die Versorgung der Coronapatienten konzentrieren. Nur so könne ein neuer Zusammenbruch der Gesundheitseinrichtungen im Fall einer harten zweiten Welle vermieden werden, so die Ärzteunion. „Wir wurden im Frühling vergessen und im Stich gelassen“, sagt Dr. Kieffer-Desgrippes, „aber jetzt ist unser Einsatz im Interesse der ganzen Bevölkerung nötiger denn je ! “

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