Medizinischer Fakultätentag

Ärztemangel – alles nur ein Verteilungsproblem?

Müssen mehr Ärzte ausgebildet werden, um die Versorgung langfristig zu sichern – oder genügt es, die Fehlverteilung zu beseitigen? Experten sind unterschiedlicher Auffassung.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 20.06.2018, 06:33 Uhr
Ärztemangel – alles nur ein Verteilungsproblem?

Ärzte umverteilen: Eine Aufgabe, die einfach klingt, aber schwer umzusetzen ist.

© vege / stock.adobe.com

MAINZ. Die Gesamtzahl von derzeit 385.149 berufstätigen Ärzte in Deutschland ist im internationalen Vergleich eher hoch. Das sagte Professor Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, beim 70. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag in Mainz. Zumal diese Zahl jährlich um 6500 Kollegen wachse.

"Problematisch ist die in Deutschland mit nur 0,9 auffällig geringe Anzahl von Ärzten je 1000 Belegungstage im Krankenhaus", so Gerlach. Dies sei "eine Folge zu hoher Fallzahlen."

Als kritisch bewertete er auch die Tatsache, dass in Deutschland mehr als 90 Prozent aller Facharztanerkennungen in einem von 77 spezialistischen Bereichen erfolgten und nur 10,4 Prozent einen Abschluss als Allgemeinmediziner erreichten.

In tiefgreifendem Wandel

Die gesundheitliche Versorgung in Deutschland erreiche zwar ein hohes Niveau, befinde sich derzeit jedoch in einem tiefgreifenden Wandel. Als markante Trends nannte Gerlach zum Beispiel die Alterung der Bevölkerung, den Wandel des Morbiditätsspektrums, aber auch veränderte Erwartungen des Nachwuchses, eine geringere örtliche Bindung, (Binnen-)Wanderung von Fachkräften und die "infrastrukturelle Schrumpfung in ländlichen Regionen".

"Im internationalen Vergleich fallen eine sehr hohe Krankenhausdichte und weiterhin steigende Fallzahlen mit zum Teil medizinisch nicht nachvollziehbaren Mengenausweitungen und regionalen Variationen auf", sagte er. Auch Notfallversorgung und Vertragsärzte würden auffällig oft in Anspruch genommen.

"Es ist kein Blick in die Glaskugel notwendig, um zu erkennen, dass weder die Forderung nach mehr Geld noch die Forderung nach mehr Ärzten allein eine Lösung des Ärztemangels erwarten lassen", sagte Gerlach. "Vielmehr ist – vor allem in Ballungsgebieten – zunächst ein Abbau eklatanter Überversorgung im stationären und ambulant-fachspezialistischen Bereich erforderlich."

Gleichzeitig müssten durch Umstellungen der Krankenhausfinanzierung und der Honorierung von Vertragsärzten mengensteigernde Fehlanreize in Kliniken und Praxen beendet werden. "Eine sektorenübergreifend integrierte, populationsbezogene Vernetzung könnte eine bedarfs- und nicht angebotsinduzierte Versorgung ermöglichen."

Erst nach Beseitigung der Strukturprobleme sollten, falls dann noch erforderlich, mehr Ärzte ausgebildet werden, lautete Gerlachs Fazit."Eine Erhöhung der Zahl von Medizinstudienplätzen ist eine gesellschaftliche Entscheidung zur Allokation von Steuergeldern, Medizinstudienplätze sind vergleichsweise teuer und kompetitiv zu anderen Bildungsausgaben, etwa MINT-Fächern, und zu Staatsaufgaben wie Kultur und Innere Sicherheit.

 Erfahrungen in anderen Ländern zeigten, dass Fakultäten und Zweigfakultäten in unterversorgten ländlichen Regionen die regionalen Fachkräftekapazitäten nachhaltig erhöhen könnten.

Fünf Lösungsmodelle

Auch Professor Michael Gekle vom MFT-Präsidium betonteauf dem Fakultätentag in Mainz, dass das Ziel der Qualitätssicherung und -weiterentwicklung in der gesundheitlichen Daseinsfürsorge nicht allein von der Zahl der Ärzte abhängig sei.

Dennoch glaubt der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg, dass Deutschland mehr Haus- wie auch Fachärzte braucht, um die künftigen Herausforderungen zu meistern. Dem habe auch der Ärztetag mit seiner Forderung Rechnung getragen, die Zahl der Medizinstudienplätze deutschlandweit um 6250 Plätze zu erhöhen.

In seinem Vortrag fokussierte sich Gekle auf fünf neuere Modelle zur Schaffung von mehr Studienplätzen:

  • Fakultätsneugründungen wie in Augsburg und Bielefeld,
  • Standorterweiterungen wie in Niedersachsen
  • einen Satellitencampus wie in Bonn-Siegen und Erlangen-Bayreuth
  • das kommunale Modell wie die 2014 gegründete Medizinische Hochschule Brandenburg, eine staatlich anerkannte Universität in kommunaler und gemeinnütziger Trägerschaft mit drei Hochschulkliniken in Ruppin, Brandenburg und Bernau, sowie
  • das Franchise-Modell (existiert etwa zwischen Asklepios Hamburg und Budapest, der RegioMed Coburg und Split, Asklepios und Stettin sowie dem Klinikum Nürnberg und Salzburg)

"Mit diesen Modellen werden neue Realitäten geschaffen", warnte Gekle. Er forderte, auf diesem Gebiet "keinen Wildwuchs" zuzulassen. "Wir benötigen Studienplätze, die die Zukunft einer modernen Daseinsfürsorge sichern. Deshalb müssen wir aktiv eingreifen, um Standards zu setzen."

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