Die Tücken des griechischen Gesundheitssystems

Der Chef einer großen griechischen Krankenkasse lässt kein gutes Haar an dem landeseigenen Gesundheitswesen. Es sei kaum vernünftig zu erklären, jahrelang habe es keine Reformen gegeben und es fehle an Identität. Die Achillesferse der Gesundheitsversorgung stellen seiner Meinung nach die Kassen dar.

Von Jürgen Stoschek Veröffentlicht:
Nicht erst seit der Wirtschafts- und Schuldenkrise hat Griechenland mit Problemen im Gesundheitswesen zu kämpfen.

Nicht erst seit der Wirtschafts- und Schuldenkrise hat Griechenland mit Problemen im Gesundheitswesen zu kämpfen.

© imago

MÜNCHEN. Das griechische Gesundheitssystem steht vor dem Zusammenbruch. Krankenhäuser haben kein Geld mehr, um notwendige medizinische Materialien zu kaufen.

Der Staat schulde den Lieferanten rund zwei Milliarden Euro, berichtete erst vor Kurzem die Athener Zeitung "Ta Nea".

Auch die privaten Kliniken leiden unter der Krise, weil viele Menschen eine Behandlung nicht mehr bezahlen können. Apotheken geben Medikamente nur noch gegen Bargeld ab, weil sie von den Krankenkassen kein Geld mehr bekommen.

Tatsächlich stehe die "Überlebens- und Leistungsfähigkeit des griechischen Gesundheitssystems" nicht erst seit der Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrise im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, berichtete Christos Boursanidis, Präsident der Tayteko, einer großen griechischen Krankenkasse, beim 21. Neubiberger Krankenhausforum in München.

Strukturreformen und Binnenmodernisierungen seien über Jahrzehnte hinweg versäumt worden, erklärte Boursanidis, der neben seinem Amt als Kassenchef auch als Dozent an der National School of Public Administration Beamte des höheren Dienstes ausbildet.

Kaum vernünftig zu erklären

Die von der EU-Troika durchgesetzten Sparprogramme mit einer Halbierung der Gehälter im öffentlichen Gesundheitswesen "zwingen die Gesundheitsversorgung in die Knie", prognostizierte Boursanidis.

Einige der vorgegebenen Ziele seien entweder gar nicht oder nicht in so kurzer Zeit zu erreichen. Das liege im Wesentlichen am griechischen Gesundheitssystem, das kaum vernünftig zu erklären sei.

Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts habe Griechenland ähnlich wie Spanien, Portugal und Italien nach britischem Vorbild einen nationalen Gesundheitsdienst mit eigenen Krankenhäusern, Gesundheitszentren, öffentlichen Gesundheitsämtern und Landärzten eingerichtet, der unter direkter staatlicher Steuerung steht.

Daneben gab es bereits eine soziale Krankenversicherung mit Kassenambulatorien und Kassenkliniken, einen Sektor mit privaten Vertragskliniken, Diagnostikzentren sowie mit Ärzten und Apothekern, die Einzelverträge haben.

In einer Reform, die aber nie konsequent zu Ende geführt worden sei, wurden der nationale Gesundheitsdienst und die soziale Krankenversicherung inzwischen zusammengeführt.

"Das reale Gesundheitssystem in Griechenland ist ein hybrides Konstrukt ohne kohärente Logik und Identität", sagte Boursanidis. Es gleiche einem "pluralistischen Salat".

Das griechische Gesundheitssystem werde von Arbeitgebern und Arbeitnehmern über Sozialbeiträge finanziert, die vom Staat festgesetzt werden und die seit 1972 aus politischen Gründen eingefroren sind, berichtete Boursanidis.

Der Gesamtbeitrag der Arbeitgeber liege bei 5,1 Prozent, die Arbeitnehmer zahlen 2,55 Prozent des Bruttoverdienstes.

Jahrelang keine Reformen

Da die Ausgaben im Laufe der Jahre jedoch kontinuierlich gestiegen sind, habe sich ein wachsendes Defizit ergeben. Die Lücke werde durch steigende staatliche Zuschüsse gefüllt, die inzwischen auf etwa ein Drittel der Ausgaben angewachsen sind.

"Jetzt wird der Geldhahn zugedreht, und die Krankenkassen werden gezwungen zu fusionieren", erläuterte Boursanidis, der in diesem Zusammenhang die Befürchtung äußerte, dass am Ende eine Einheitskasse entstehen wird.

Während in Deutschland das Gesundheitswesen immer wieder "behutsam" reformiert werde, sei in Griechenland jahrelang nichts geschehen.

Als Folge dieser "institutionellen Persistenz" sei ein "System der organisierten Unverantwortlichkeit" entstanden. "Jetzt muss alles sehr schnell gehen, und das führt zu großen Problemen", erklärte Boursanidis.

Hinzu komme, dass der griechische Staat alles allein entscheide. Die Krankenkassen, die streng nach Berufsgruppen organisiert sind, hätten "fast keine Autonomie", und es gebe auch keine Verhandlungen etwa mit Leistungserbringern.

In den Krankenkassen selbst seien keinerlei Führungs- und Managementkultur vorhanden. Das Kassensystem ist nach Einschätzung von Boursanidis "die Achillesferse der gesamten Gesundheitsversorgung".

Die Krise als Chance begreifen

Im April hat das Bundesgesundheitsministerium zusammen mit der Task Force Griechenland der Europäischen Kommission mit einem "Memorandum of Understanding" die Aufgabe übernommen, Griechenland bei der Reform seines Gesundheitswesens zu unterstützen, erinnerte Boursanidis.

Dabei gehe es unter anderem um Reformen bei der Arzneimittelpreisgestaltung und -erstattung sowie um die Einführung effizienter Abrechnungssysteme und Organisationsstrukturen im Krankenhausbereich.

Die Krise sollte als Chance wahrgenommen werden, man könne nicht weiter machen wie bisher, sagte Boursanidis. Nach seinen Vorstellungen sollte sich der Staat künftig zurückhalten.

"Wir brauchen Gestaltungsräume, eine Kultur des Verhandelns und einen sozial kontrollierten Wettbewerb für alle", sagte er. Das sei aber nicht von heute auf morgen zu erreichen, sondern brauche seine Zeit.

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